Stammheim

Ein Worttänzer kommt zur finalen Erkenntnis

Peter Spielbauer entdeckt in allem eine Bürste. Das vereinfacht das Leben.

Für Peter Spielbauer ist die komplexe Welt eine Bürste. Foto: PD

Für Peter Spielbauer ist die komplexe Welt eine Bürste. Foto: PD

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«Endlich sehe ich das grosse Ganze, zweifle aber noch, ob das grosse Ganze mich sieht», räsoniert Peter Spielbauer. Der Sprach- und Bühnenkünstler, in der Region schon mehrfach zu erleben, präsentiert am Freitag sein Stück «Alles Bürste!» auf Einladung der Lesegesellschaft Stammheim. Über eine private Einladung sei der Kontakt zur Vizepräsidentin Martina Köhler zustande gekommen, freut er sich.

In «Alles Bürste!» beschäftigt sich Spielbauer mit den gegensätzlichen Theorien der Teilchenphysik und der kosmologischen Physik. Am Ende findet er die «Weltformel»: Man kann die ganze Welt unter einer Bürste subsummieren. Beispiel: Ein Auto ist eine Hohlbürste mit Rollborsten. So philosophiert und bewegt er sich durch Gedankengänge, setzt wenige Requisiten auf der schwarzen Bühne ein und monologisiert, «um endlich Klarheit und Halt in unser flüchtiges Dasein zu blasen».

Klimawandel im Fokus

Beim letzten Gespräch vor zwei Jahren waren die Finanzkrise und die Euro-Problematik spannende Fragen für ihn. Heute dürfte der Klimawandel zuoberst auf der Agenda stehen, gerade für einen Künstler seiner Generation. «Ich habe 1974 Abitur gemacht», sagt er, «da kam das grüne Bewusstsein gerade auf». 1984 sei die Partei «Die Grünen» in Bayern gegründet worden. Aufgewachsen ist er in München, wo es lange nur zwei Bioläden gegeben habe. «Ich finde es wunderbar, dass das langsam ins Bewusstsein gekommen ist und alteingesessene Parteien bewegt hat, darüber nachzudenken.» Heute führe sich der CSU-Vorsitzende Markus Söder als Obergrüner auf, formuliert er ungewöhnlich politisch, weil dieser gemerkt habe, dass man etwas in der Richtung machen müsse, um die Wähler nicht zu verlieren.

«Die Like-Dislike-Kultur in den sozialen Medien befördert das Schwarz-Weiss-Denken. Findest Du den Klimawandel gut oder nicht? Find‘ ich nicht gut.»Peter Spielbauer

Peter Spielbauer findet es gut, dass das Klima-Thema in der Öffentlichkeit diskutiert werde, allerdings fehlen ihm wichtige Aspekte: «Der Krieg und die Waffenproduktion gehören zu den grössten CO2-Emissoren, aber das soll nicht ins Bewusstsein geraten.» Da werde viel geredet, insbesondere bei der aktuellen Syrien-Problematik mit der Türkei, aber Deutschland liefere weiterhin Waffen. «Die Sau CO2, die gerade durchs Dorf getrieben wird, lenkt ab von anderen Problemen», ist sein Befund. Und noch etwas hat er beobachtet: «Die Like-Dislike-Kultur in den sozialen Medien befördert das Schwarz-Weiss-Denken. Findest Du den Klimawandel gut oder nicht? Find‘ ich nicht gut.»

it T-Shirts die Halle putzen

Der Lauf der Welt inspiriert ihn zu neuen Wortspielen. «Times are changing, change your timing» (Die Zeiten ändern sich, ändere deine Zeitwahl) sei ihm gerade in den Sinn gekommen. «Diese Clownseite habe ich zuhause schon auch», sagt er, aber mit Blick auf Einsamkeit und Weltschmerz. «Ich bin unheimlich froh, dass ich über meine Kunst etwas daraus hinaus brechen darf.» Relativ unbekannte Pantomimen und Strassenkünstler hätten in beeinflusst, doch auch ein Schüler des Schauspiel-Gurus Grotowski habe einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. «Er unterrichtete uns in einer Turnhalle, ein muskulöser fettfreier Lendenschurzträger, und sagte: ‹Eine Möglichkeit, mit einem Raum in Kontakt zu kommen, ist, ihn zu reinigen.›» Daraufhin zogen die Schauspielschüler ihre T-Shirts aus und wischten damit die ganze Halle ab. «Als wir die T-Shirts wieder anzogen, ging die gesamte Energie auf uns über, das war fantastisch.» Allerdings seien die Bühnen in der Schweiz ja immer sehr sauber.

Während er dies am Telefon erzählt, sitzt er an seinem Schreibtisch mit Blick auf die Alpenkette. Spielbauer lebt in Icking, südlich von München. «Das wäre die reichste Gegend Deutschlands», sagt er, «nur durch mich wird der Einkommensdurchschnitt gesenkt.» Wollte er einst Gemüsegärtner werden, so kann er neuerdings vom Gemeindegarten profitieren und hat sich soeben ein Omelette mit den letzten Lauchzwiebeln zubereitet. Er arbeitet an einem neuen Stück, das im Mai in Zürich Premiere haben wird, auch der Klimawandel wird vorkommen. «Vielleicht wird es ein Alterswerk», sagt er, «mit 65 darf ich mir das langsam erlauben». Darin denkt er darüber nach, was ein vernünftiges Leben sei. «Es ist schon etwas passiert», schliesst er, «wir sind nicht im Erdölzeitalter stecken geblieben». Um das zu erkennen, müsse man aber schon eine Weile auf dieser Erde gewandelt sein.

Alles Bürste! Freitag, 25. Oktober, 19.15 Uhr. Schwertsaal, Stammheim. Eintritt: Fr. 25.

Erstellt: 21.10.2019, 10:50 Uhr

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