Brütten

«Ich bin am liebsten allein auf der Musikinsel zum Üben»

Der Winterthurer Geiger Sebastian Bohren entwickelt sich kontinuierlich zum international gefragten Künstler. Weiterhin hält er der Region die Treue und gibt in der Kirche Brütten ein Bach-Solorezital.

Der junge Geiger Sebastian Bohren spielt am Sonntag ein Bach-Rezital in der Kirche Brütten.

Der junge Geiger Sebastian Bohren spielt am Sonntag ein Bach-Rezital in der Kirche Brütten. Bild: Marco Borggreve

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Seit unserem Gespräch vor einem Jahr haben Sie viel erlebt: Sie sind mit dem Stradivari-Quartett in der Elbphilharmonie Hamburg aufgetreten, haben in England mit den Royal Liverpool
Philharmonics gespielt und Tourneen durch China und Korea absolviert. Verschiebt sich da die
Perspektive: vom technisch notwendigen Üben zu einer persönlichen Entwicklung?
Sebastian Bohren: Ich versuche einfach, ein guter Geiger zu werden; ich habe nicht den Eindruck, dass man damit irgendwann fertig ist. Für mein Alter (30, Anm. d. Red.) übe ich immer noch viel – und gerne. Wenn ich nicht auf Reisen oder am Wäschewaschen bin… Ich habe eine Faszination fürs Instrument an sich und fühle mich gleich wie mit 13, irgendwie immer als Anfänger.

Aber Sie konsultieren noch einen Mentaltrainer, um Ihre Karriere stringent weiter­zuverfolgen.
Die körperliche und geistige Fitness ist mir wichtig, auch die ­Ernährung. Kürzlich habe ich die Schrittzählerfunktion auf dem iPhone entdeckt, jetzt versuche ich, jeden Tag zehn Kilometer zu gehen oder zu joggen. Ich merke, dass ich weniger Schmerzen habe im oder nach dem Konzert – gerade auch bei Bach-Solosonaten. Da kann ich nicht alle fünf Minuten die Position wechseln.

«Wenn ich Schüler hätte, würde ich die  alle durch Bachs  Solosonaten und Partiten jagen.»Sebastian Bohren,
Geiger

Wie fühlen Sie sich nach letzter Woche?
Was habe ich letzte Woche gemacht?

Da waren Sie laut Ihrer Website im Radiostudio in Zürich, um eine weitere CD mit dem Stradivari-Quartett aufzunehmen.
Ah, ja, stimmt, das scheint schon wieder weit weg zu sein. Zurzeit sind meine Termine so dicht, dass ich praktisch nur im Moment lebe. Mal springe ich beim Göttinger Symphonieorchester mit Schumanns Violinfantasie ein, tags darauf spiele ich in Baden bereits einen Bach-Abend. Zum Thema CD-Aufnahmen möchte ich aber sagen: Man muss als junger Künstler aufpassen, dass man Dinge nicht aus den falschen Beweggründen macht. Wir versuchen, dauernd präsent zu sein und einen Aufhänger zu haben, um weiter gebucht zu werden. Dabei ist es ähnlich wie nach einem ausgiebigen Essen: Man sollte lange nüchtern bleiben und warten, bis sich aus dem Innern der echte Hunger wieder meldet.

Sind Sie nun zufrieden mit dem Ergebnis?
Auf den Schubert haben wir ein Jahr geprobt und nun das G-Dur-Quartett eingespielt, eines unserer absoluten Lieblingsstücke. Da waren wir schon auch sehr erfüllt und glücklich. Aber ich bin genauso froh, wenn ich dann wieder allein bin. Ich bin am liebsten allein auf der Musikinsel zum Üben.

Am Sonntag spielen Sie erneut in der Kirche Brütten, Sie bleiben der Region treu.
Ja, Pfarrer Leonhard Jost hat mir schon früh in der Kirche Brütten eine Plattform gegeben. Ich mag den intimen Rahmen noch immer.

Sie spielen wiederum Bach, die Sonaten Nr. 1 und 2 sowie die Partita Nr. 1.
Es wäre mein Traum, immer ein bisschen mit Bach beschäftigt zu sein. In den nächsten zwei bis drei Jahren habe ich mir das besonders intensiv vorgenommen und werde regelmässig Solorezitale spielen. Mein Ziel ist es, in zehn Jahren alle an einem Tag aufzuführen.

Haben Sie so einen guten Zugang zum klar strukturierten Bach, weil Ihr Vater in Winterthur ein Versicherungsmathematiker war?
Nein, ich bin da eher intuitiv. Ich habe ein Gefühl für die Form, für lange «Wanderungen» und Verläufe in der Musik. Deshalb würde ich mein Spiel mehr als ebenmässig ausgeglichen, mit Weitblick bezeichnen als mathematisch. Bei mir persönlich ist Bach in der Geigentechnik die stärkere Basis als der für seine Geigentechnik bekannte Paganini. Wenn ich Schüler hätte, würde ich die alle durch Bachs Solosonaten und Partiten jagen.

Da ist es schlüssig, dass jetzt Ihre erste Bach-CD erscheint.
Ja, am 15. Juni und in Brütten habe ich sie schon dabei. Mein grosser Kollege Christian Tetzlaff hat mit 50 Jahren den Bach schon dreimal eingespielt; da werde ich es in meinem Leben auch mehrmals machen dürfen und bin damit nicht schüchtern. Diese Einspielung ist für mich wie ein erstes Statement, eine Andeutung, in welche Richtung die Reise gehen könnte.

Was sind Ihre weiteren Pläne?
Ich gebe mein Debüt beim Lucerne Festival, wo ich natürlich besonders gut spielen möchte. Das gilt auch für mein Debüt beim Musikkollegium im November. Ich versuche immer wieder neu, ein Konzert zu spielen, das in allen Aspekten perfekt ist. Technisches soll in den Hintergrund treten; es soll so ideal sein, dass sich der Zuhörer ganz der Musik hingeben kann. Ansonsten halte ich es wie Karajan: Ziele, die erreicht werden, wurden nicht hoch genug gesteckt.

Solorezital Sebastian Bohren: Sonntag, 10. Juni, 17 Uhr. Kirche Brütten. Kollekte.www.sebastianbohren.ch (Der Landbote)

Erstellt: 07.06.2018, 16:37 Uhr

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