Warth

«Ich habe versucht, mönchisch zu arbeiten»

Der in Bülach geborene Schriftsteller Adam Schwarz (27) zog sich ins Kloster Ittingen zurück, bevor sein Romandebüt über Niklaus von Flüe erschien. Die erhoffte Provokation löste das Buch des Philosophiestudenten allerdings nicht aus.

«Niklaus von Flüe war vor allem für die älteren Generationen wichtig», sagt der Autor Adam Schwarz.

«Niklaus von Flüe war vor allem für die älteren Generationen wichtig», sagt der Autor Adam Schwarz. Bild: Gabriele Spiller

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Herr Schwarz, vergangenen Sommer haben Sie einen Monat in einer Atelierklause für Künstler verbracht. Wie war die Retraite im ehemaligen ­Kartäuserkloster?
Adam Schwarz: Man lebt in einem einfachen kleinen Häuschen hinter der Hecke für sich, aber man ist nahe bei den Leuten. Manchmal standen unvermittelt Klosterbesucher im Garten. Während der Sommerferien habe ich dort geschrieben und gelesen. Es war auch eine Erholung nach meinem fünfjährigen Buchprojekt «Das Fleisch der Welt oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe». Es erschien kurz darauf, und ich wollte in Ruhe schauen, was ich nachher mache.

Fanden Sie Inspiration?
Ich habe versucht, mönchisch zu arbeiten, und gab mir eine Tagesstruktur. Drei, vier Stunden Schreiben – länger schaffe ich es sowieso nicht, an einem literarischen Text zu arbeiten. Hemingway hat gesagt: Man soll aufhören, bevor der Brunnen ausgetrocknet ist. Das heisst, man stoppt, wenn man noch wüsste, wie es weitergeht. Dann machte ich einen Spaziergang, manchmal kamen Freunde zu Besuch, und abends war ich für mich. Es war ein eher lockeres Leben.

Sind Sie wenigstens mit dem ersten Sonnenstrahl ­aufgestanden?
Nein, erst gegen neun. Dafür genoss ich bis spät nachts den dunklen Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung. Abends kam immer ein Igel im Garten vorbei, das war schön.

Haben Sie das Kloster für sich genutzt?
Die dazugehörigen Museen und den wunderbaren Garten habe ich sehr geschätzt. Für die Mönche galt er ja als Paradiesort. Sie durften ihn nur einmal pro Woche betreten. Manchmal, wenn ich nicht mit dem Postbus nach Frauenfeld fuhr, kaufte ich im Klosterladen ein. Man kocht dort selbst für sich. Ich wollte einen veganen Monat einlegen, aber es hat nicht geklappt. Der Ittinger Käse war zu lecker. Sagen wir, es war der Versuch einer Hommage an die Mönche.

Wird man Hinweise auf das Kloster in Ihrem nächsten ­Roman finden?
Ich denke, über die Kartäuser kann man nicht viel schreiben, bei denen ist ja nicht viel passiert. Aber die wollten das auch so. Da müsste man schon etwas konstruieren. Das nächste Buch spielt in der Gegenwart. Ich will mich als Autor nicht nur mit historischen Stoffen auseinandersetzen.

Sie hatten gerade eine Lesung in der Schweizer Botschaft in Berlin. Wie wurden Sie dort ­aufgenommen?
Das war bisher eine meiner liebsten Lesungen. Die Botschafterin meinte, sie habe unter dem Titel erst eine konservative Nacherzählung der Heiligengeschichte erwartet, und war angenehm überrascht, dass es vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit Niklaus von Flüe ist. Eine Besucherin sagte mir im Anschluss aber auch: «Gott wird Ihnen verzeihen.»

Sie haben den Roman bewusst als Provokation angelegt, um den Obwaldner Eremiten zu ­entmystifizieren. Gab es denn Reaktionen seitens konservativ gesinnter Kreise?
Nein, mir ist nichts bekannt, auch aus den Reihen der SVP kam mir gegenüber nichts, obwohl ich am Sockel des Nationalheiligen gerüttelt habe. Eine Lesung an der 600-Jahr-Gedenkfeier für Niklaus von Flüe 2017 wäre schön gewesen. Wahrscheinlich war das Buch aber zu schräg für den ­Anlass. Der Von-Flüe-Biograf Pirmin Meier äusserte, als historischer Analphabet hätte ich genial erfunden, wovon ich keine Ahnung hätte. Das fand ich ein schönes Kompliment.

Es fällt auf, dass Sie Partei für von Flües Ehefrau Dorothea ­ergreifen.
Ja, denn sie brachte die zehnköpfige Familie allein durch, nachdem er sich zurückgezogen hatte. Und den Pseudoeinsiedler Ulrich, der dort quasi als Trittbrettfahrer eine Klause bezog, fütterte sie auch noch durch.

Wie konnte der auf sich zentrierte Bruder Klaus in der Schweiz solch einen Status ­erringen? Was sagt das über das Land aus?
Interessante Frage. Niklaus von Flüe war vor allem für die älteren Generationen wichtig. Gerade zu Zeiten der geistigen Landesverteidigung, als man nach innen geschaut hat, fand man Halt im verinnerlichten Einsiedler. Im Mai 1940 soll das Zeichen seiner schützenden Hand über Waldenburg angeblich Fliegerangriffe abgewehrt haben. Sympathisch ist immerhin, dass er als Pazifist das Söldnerwesen ablehnte. Inzwischen wird er leider eher als Symbol der Abschottung gesehen: Seinen Ausspruch, man ­dürfe den Zaun nicht zu weit ­machen, hat sich die SVP zu eigen gemacht. (Landbote)

Erstellt: 26.02.2018, 16:26 Uhr

Das Buch

Adam Schwarz: Das Fleisch der Welt oder Die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe. Zytglogge-Verlag, 2017, 267 Seiten, 32 Franken.

Atelierklause

Für einen vier- bis sechswöchigen Aufenthalt in einer Mönchsklause des Klosters Ittingen kann man sich ganzjährig bewerben. Angesprochen sind Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler, auch Promovierende. Für die Endreinigung, Holz zum Heizen, Strom und Wasser wird ein Beitrag von 200 Franken erhoben. Ausserdem wird ein kurzer Erfahrungsbericht im Gästebuch auf der Website gewünscht. Die beiden Klausen sind 2018 bereits weitgehend belegt, Anfragen sind aber per Mail möglich (Suchbegriff: Atelierklause).(gsp)

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