Interview

«Ich lerne, mit dem Schlagzeug eins zu werden»

Der Schlagzeuger Pierre Favre (Jahrgang 1937) spielt «Solo – Poetry in Motion» im Hotzehaus. Er hat seine Gründe, warum er allein auftritt.

Pierre Favre sitzt jede Nach am Schlagzeug in seinem Keller in Uster.

Pierre Favre sitzt jede Nach am Schlagzeug in seinem Keller in Uster. Bild: Doris Fanconi

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Sie haben als energetischer Jazzdrummer internationale Berühmtheit erlangt. Heute machen Sie geradezu feinstoffliche Musik, die nicht allen Menschen etwas sagt. In einem Online-Kommentar zu Ihrem Auftritt beim Jazz-Festival Schaffhausen mit Irène Schweizer schrieb jemand: «Es ist wie beim Kaiser und den neuen Kleidern: Sie haben nichts an und merken es nicht.»
Pierre Favre: Da muss ich lachen! Es gibt auch Leute, die nicht merken, dass sie selbst kein Kleid an haben. Als ich 74 war, habe ich mit meiner Frau ein Kind bekommen. Da gab es auch allerlei Kommentare; diese Leute haben nichts zu tun mit mir. Alle Künstler haben das durchgemacht, verrissen, kaputt gegangen. Ich bin da nicht mehr empfindlich. Die Pfeile kommen, ich mache eine kleine Bewegung und das geht vorbei.

Seit vierzig Jahren spielen Sie nunmehr «Solo».
Das ist meine beste Arbeit. Da habe ich mich über Jahre gebildet. Das erste Solo spielte ich als ich 15 war und ab 1969 dann auf der ganzen Welt. Als ich in der Band vorschlug: «Ich habe noch einen kleinen Gong hier», sagten sie, «was willst Du damit, hör auf und hau rein!» Da dachte ich, okay, ich werde das allein machen. Darauf hiess es, jetzt kann er die Gage für sich allein behalten. Als ich das erste Solo-Programm vorstellte, schrieb eine englische Zeitung: «Ein Schwuler spielt schöne Töne.» Schlagzeug kann man auch spielen wie Homöopathie, das wirkt so stark.

Noch immer unterrichten Sie und geben Workshops.
Ich habe schon früh unterrichtet, weil viele Leute kamen und mich fragten, ob ich es ihnen zeigen kann. Ich arbeitete zehn Jahre an der Hochschule für Musik Stuttgart und siebzehn Jahre am Konservatorium Luzern. Als ich in Pension ging, wurde die Stelle gestrichen. Aber ich bin kein Lehrer, ich gebe nicht von oben nach unten. Auch in meinem Alter bin ich immer noch Student.

«Mein Schlagzeug ist meine Stute, die ich zureite.»Pierre Favre, Schlagzeuger

Und Sie üben nachts um drei Uhr.
Jede Nacht bin ich am Schlagzeug in meinem Keller und lerne, wie man ein mit so vielen Mythen beladenes Instrument spielen könnte – nicht, wie man es meistert, sondern wie man eins wird damit. Mein Schlagzeug ist meine Stute, die ich zureite.

Das nächtliche Spielen halte Sie gesund, aktiviere Selbstheilungsheilungskräfte, haben Sie einmal angedeutet. Ist es eine Therapie?
Jeder Beruf, den man gerne macht, ist eine Therapie. Die Ärzte hatten mir mit 10 Jahren gesagt, ich würde aufgrund einer Herzkrankheit nicht älter als 20 werden. Erst Ende 1999 hatte ich eine Operation. «Schenken Sie sich zu Weihnachten eine neue Herzklappe», bat mich mein Doktor, und ich antwortete: «Lassen Sie mich erst die Italien-Tournee abschliessen.» Sechs Wochen nach der OP war ich wieder auf der Bühne.

Wie kommt es, dass Sie jetzt in Uster wohnen?
Ich lebte in München, Rom, Paris, Zürich. Wenn ich den Snobismus beiseite lasse, habe ich sehr gut in Zürich gelebt. Man hat mir den Stadtpreis gegeben, das ist ja sehr nett, aber man konnte mir kein kleines Übungslokal beschaffen. Da war ich sauer und bin weggegangen. Es geht mir sehr gut in Uster, ich kann hier meine Arbeit machen und reise auch viel.

«Meine kreative Fantasie lebe ich immer noch und es ist nie zu spät.»Pierre Favre, Schlagzeuger

Sie sind im Tal La Brévine in Neuenburg aufgewachsen und führen Ihre Karriere auf das harte Leben in der kalten Landschaft zurück. Die Menschen dort hätten lernen müssen, sich durchzubeissen. Sind junge Musiker heute verwöhnt?
Ja, das hat etwas. Aber ich könnte mich heute nicht mehr durchsetzen. Es ist Krieg, die jungen Schlagzeuger wollen Karriere machen und schlagen wie die Irren. Ein junger Mensch muss seine Fantasie als Realität ansehen, man muss daran glauben und genug daran arbeiten. Sonst wäre ich nicht mit einem Solo-Schlagzeug auf die Bühne gegangen. Meine kreative Fantasie lebe ich immer noch und es ist nie zu spät. Sokrates hat ein paar Tage, bevor er Gift nahm, angefangen, Musik zu studieren. Er wusste, das ist nicht das Ende, er hat sich auf ein anderes Leben vorbereitet.

Pierre Favre Solo Samstag, 31. August, 20.15 Uhr. Hotzehus, Usteristr. 2, Illnau. Eintritt: Fr. 25/18 (erm.) www.ilef.ch/kulturforum

Erstellt: 29.08.2019, 13:33 Uhr

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