Illnau-Effretikon

«Ich will nicht zum Bauernopfer werden»

Kaum hat Markus Schirmer sein Amt als künstlerischer Leiter der Kyburgiade übernommen, gibt er es ab. Ein Familienzwist im Hintergrund habe die Arbeit belastet.

Ein einmaliges Bild: Markus Schirmer begrüsst als Leiter die Besucher der Kyburgiade im vergangenen August.

Ein einmaliges Bild: Markus Schirmer begrüsst als Leiter die Besucher der Kyburgiade im vergangenen August. Bild: Enzo Lopardo

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Die traditionsreiche Kyburgiade steckt in Schwierigkeiten. Das Festival für Kammermusik, das diesen Sommer zum 26. Mal über die Schlossbühne ging, kann zwar auf eine treue Besucherschaft zählen, auf der Seite der Belegschaft ist derzeit das Gegenteil der Fall: Der Vorstand des Trägervereins wurde gerade neu gewählt, und er beginnt seine Arbeit mit einer denkbar schwierigen Aufgabe.

Sein Amt abgegeben hat nach einer einzigen Ausgabe in seiner Handschrift nicht nur der künstlerische Leiter Markus Schirmer. Auch Geschäftsführerin Ruth Zenger hat sich vollständig aus dem Festival zurückgezogen. Sie will keine weiteren Anfragen beantworten und ihren Rücktritt aus allen Ämtern im Verein nicht kommentieren.

Zenger ist Stephan Goerners Schwester, der sich nach 25-jähriger künstlerischer Leitung und Mitgründung verabschiedet hat, zumal ein Streit den Familienbetrieb zu zerstören drohte. Goerner hätte nach eigenen Angaben gerne weitergearbeitet, das Klima aber war vergiftet.

Nicht zu Zengers Zufriedenheit

Ihn erreichte nun eine Anfrage des neu gewählten Vorstands, es sei um eine erneute Zusammenarbeit in künstlerischen Belangen gegangen, sagt Goerner. Er will sich noch nicht dazu äussern, wie es seiner Ansicht nach weitergehen sollte.

«So kann, so möchte ich nicht arbeiten.»Markus Schirmer,
ehemaliger künstlerischer Leiter
der Kyburgiade

Fest steht aber gemäss Zenger, dass sich der Vereinsvorstand in rund zwei Wochen darüber beraten wird, wie es weitergehen soll. Schirmer indessen sagt: «Es würde dem Festival gerade jetzt gut zu Gesicht stehen, meinen hochgeschätzten Kollegen zurückzugewinnen.»

Goerner sei ein hervorragendes Programm gelungen in all den Jahren. Ihm, Schirmer, sei dies jedenfalls nach Ansicht von Zenger nicht geglückt, so sehr er selbst überzeugt sei von der 26. Ausgabe, so gut die Rückmeldungen aus dem Publikum gewesen seien. Sie habe sich weniger Klassik und ein vielseitigeres Programm gewünscht, sei zudem mit den Besucherzahlen unzufrieden gewesen.

Schirmer bedauert den Abgang, weil er «grosse Freude an der Kyburgiade hatte», gehe aber «keineswegs mit weinendem Auge»: Zu sehr sei er im Spannungsfeld der konträren Ansichten innerhalb der Familie gestanden, die er immer wieder zu spüren bekommen habe, auch medial.

«So kann, so möchte ich nicht arbeiten. Ich will im Kreuzfeuer familiärer Streitigkeiten nicht zum Bauernopfer werden», sagt er, das habe er nicht nötig – Schirmer verweist auf Festivalerfolge in seiner Heimat Österreich. Wie sein Vorgänger doziert er an der Kunstuniversität in Graz, wo ­Goerner neben Unterrichtstätigkeiten an der Zürcher Hochschule der Künste eine Professur für Kammermusik innehat.

«Ich wollte eine andere Linie»

Die Streitigkeiten innerhalb der Familie hinter der Kyburgiade sind nicht der einzige Grund für Schirmers Rückzug, der gemäss Zenger in «gutem gegenseitigen Einvernehmen» vonstatten gegangen sei. «Ich wollte eine ganz andere Linie als sie.»

Ihm sei die Tradition im Sinne der Kammermusik mit Crossovereinschlag sympathisch, er habe sich aber entschieden, dies am Partnerfestival in Lenzburg, der Lenzbur­giade, noch pointierter umzusetzen, so wie dies auch ­Goerner getan habe.

«Ruth Zenger hat dies nicht gefallen, auch wenn sie sich in E-Mails zu Beginn der Programmierung begeistert zum Programm geäussert hat», sagt Schirmer. Bereits seien die Programme für die Kybur­giade und die Lenz­burgiade für nächsten Sommer weit fortgeschritten, zumal auch die Sponsorensuche angelaufen sei.

Auf der Lenzburg hat man eine Nachfolge für Schirmer gefunden. Ob für die Kybur­giade der Vorgänger zum Nachfolger wird, ob das künstlerische Kraftwerk des Festivals Stephan Goerner einen neuen Anlauf nimmt, um Ruhe in die turbulenten Zeiten seines Werks zu bringen, bleibt offen: «Es hängt auch davon ab, was mich da nach meiner Abwesenheit im Detail erwarten würde», sagt Goerner, das gelte es nun herauszufinden.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.10.2018, 10:24 Uhr

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