Coming-out

«Lesbisch ist ein Wort, das ich kaum aussprechen kann»

Nadja Reutemann hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Es könnte eine schöne sein, beschreibt sie doch ihren Weg in die Liebe, wie sie sich diese gewünscht hat. Sie erzählt aber auch, warum sie draussen die Hand ihrer Partnerin noch heute nicht hält.

Nadja Reutemann hat den Weg in die geoutete Liebe als schwierig erlebt - und sie hat ihn aufgeschrieben.

Nadja Reutemann hat den Weg in die geoutete Liebe als schwierig erlebt - und sie hat ihn aufgeschrieben. Bild: Madeleine Schoder

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Es begann im Frühling, auf dem Fussboden. Nadja Reutemann sah ihre Chefin in sich gekauert, kraftlos. Wie sie es ihr je zurückgeben könne, dass sie so oft in der Bar sei, um zu helfen, fragte die Vorgesetzte. «Küss mich», sagte Reutemann. Es war jener Frühling, bevor Reutemann beinahe in einen Baum gefahren wäre, um ihr Leben zu beenden, abgemagert auf Kinderkleidergrösse aus Kummer um ihre Familie, der sie keine lesbische Mutter zumuten zu können glaubte. Lieber tot als lesbisch.

Berauschend und fatal

Es war auch der Frühling von einem Jahr der Leidenschaft, wie sie nie da war in ihrem Leben, prickelnd wie der erste Schluck Champagner aus einer neuen Flasche und gleichzeitig ein einziger Scherbenhaufen. Reutemann war ihrer Chefin hörig, während diese ihr weh tat: Sie setzte sich auf die Beine der Gäste, um ihre Eifersucht zu sehen, wandte sich ab, um irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen, der Reutemann den Verstand raubte. Sie ging weiter in die Bar und half, hatte sie doch keinen, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie ging und ging hin, bis ihr Ehemann, ein für sie Fremder im eigenen Haus, seine Faust auf den Esstisch schlug: «Hast du einen anderen Mann?» – nachzulesen in der Autobiografie «Tausche Mann gegen Frau», die nun erschienen ist, fast zehn Frühlinge später. 22-jährig hat sie den Piloten geheiratet, schwanger in Las Vegas, nicht den einzigen Mann, den sie zuvor hatte.

«Wenn es so einfach gewesen wäre, eine Affäre mit einem anderen Mann», sagt Reutemann beim Kaffee in ihrer Wohnung in Elgg und schüttelt den Kopf. Leider könne man sich seine Sexualität nicht aussuchen wie ein neues Kleidungsstück, sie sei kein Gag, dessen man sich eben mal bediene. Hinter ihr steht ein Porträt, sie und ihre Lebenspartnerin, vertraut und strahlend. Es sei ein langer Weg hierhin gewesen, nicht allen alten Ballast habe sie abwerfen können, aber viel davon. «Es geht mir gut», sagt sie so, als ob sie das selbst noch immer nicht glaubte.

Hart und hässlich

Reutemanns grösste Sorge seien ihre Liebsten gewesen, die Eltern, die Kinder. Ihnen Leid zuzufügen mit der Tatsache, dass sie lesbisch sei. «Dabei haben sie ganz wunderbar reagiert, obwohl das alles gewiss nicht einfach war für sie.» Mehr will sie nicht sagen, die nun erwachsenen Kinder aus ihrer Geschichte raushalten. Immerhin ist da nun viel Öffentlichkeit für eine Frau, die noch heute nicht Hand in Hand durchs Dorf mit ihrer Liebe geht: aus Angst vor den Blicken, aus Scham, anders zu sein. «Das ist der Grund dafür, dass ich dieses Buch veröffentlicht habe. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit, um zu unseren politischen Rechten zu kommen, um dieses Exotendasein hinter uns zu lassen», sagt sie. «Sichtbar ist, wer sich zu zeigen wagt.»

Homosexuelle Männer seien sehr viel präsenter in den Medien, in der Öffentlichkeit. «An der Pride in Zürich, wenn wir gemeinsam feiern und auf die Strasse gehen, dann frage ich mich, wo all die Frauen das ganze Jahr über bloss stecken», sagt Reutemann und gibt sich die Antwort gleich selbst: «Daheim, wie wir. Um nicht anzuecken.» Sie vermeidet die Bezeichnung Lesbe konsequent. «Lesbisch ist ein Wort, das ich kaum aussprechen kann.» Es klinge hart und hässlich. Schwul sei schöner.

Unsichtbar und ausgegrenzt

«Wenn das Wort Lesbe sich schon ungut anfühlt, wie ist es dann wohl mit dem Gefühl in der Öffentlichkeit?», fragt Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, rhetorisch. Sie arbeitet hartnäckig an der Sichtbarkeit lesbischer und bisexueller Frauen. «Lesben existieren ja nur in der Pornografie heterosexueller Männer», sagt sie und nennt ein paar der Themen, die ihren Aktivismus begründen. Es sind dies Probleme, die auch in Reutemanns Biografie auftauchen: Der Alkohol etwa, um den Rosenwasser bei Lesben als verbreitetes Suchtthema weiss. Zudem zitiert sie eine Studie der Universität Zürich, die besagt, dass Selbstmordversuche bei homosexuellen männlichen Jugendlichen fünfmal höher sind als bei heterosexuellen Teenagern – «die Zahl dürfte bei Lesben mindestens genauso schrecklich sein», sagt sie. Und: «Outet euch!», schliesslich sei gemäss Schätzungen jede zehnte Person in der Schweiz «queer», also nicht ausschliesslich heterosexuell, «in jeder Schulklasse rund zwei Leute», so Rosenwasser. Ein jedes Coming-out helfe anderen Frauen dabei, ihre Sexualität offen und glücklich leben zu können. Als Frau homosexuell zu sein, das bedeute schliesslich eine doppelte Diskriminierung: die Unterrepräsentation als Frau in Politik und Öffentlichkeit und zugleich jene als homosexueller Mensch. «Wir haben keine einzige Frau im Parlament, die sich geoutet hat», eine schwierige Ausgangslage in Zeiten, in denen zwar endlich eine «Ehe für alle» auf dem Tapet sei, jedoch ohne die Fortpflanzungsmedizin. (Landbote)

Erstellt: 05.02.2019, 08:28 Uhr

Das Buch

«Tausche Mann gegen Frau» von Nadja Reutemann ist im Goldfeder-Verlag erschienen.

Wo Lesben sichtbar sind

Treffpunkte für Lesben in und um Winterthur finden sich unter Wilsch.lgbt und unter Milchjugend.ch. Informationen zur Selbsthilfegruppe für lesbische Mütter mit Kindern aus einer heterosexuellen Beziehung finden sich unter https://selbsthilfe-winterthur.ch. Nadja Reutemann freut sich über Kontakt unter info@ballastlos.ch.

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