Hettlingen

«Man sollte nicht jeden Witz erzählen»

Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart erklärt, warum der Witz auch mit Neid zu tun hat.

Urs Heinz Aerni (l.) und Hanspeter Müller-Drossaart halten den Witz für eine unterschätzte literarische Gattung. Foto: PD

Urs Heinz Aerni (l.) und Hanspeter Müller-Drossaart halten den Witz für eine unterschätzte literarische Gattung. Foto: PD

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Mit dem Journalisten Urs Heinz Aerni kommen Sie für einen Abend über den Witz nach Hettlingen. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Der Witz ist eine unterschätzte literarische Gattung. Man erzählt sich eine interessante, heitere Begebenheit. Etwas, womit man Glück verbreitet, das ist doch schön in der heutigen Zeit. Man muss nicht Hiobsbotschaften vermitteln, sondern darf schon mit einem Lächeln in den Augen anfangen zu erzählen. Es ist der konstruktive, optimistische Bereich im Leben.

Nicht alle Witze sind wirklich witzig.
Es ist die Kunst, den Witz so vorzubereiten, dass die Pointe einschlägt, zum Blühen kommt. Es gibt aber auch Themen, die sind tot, nicht mehr möglich. Blondinenwitze zum Beispiel, oder Witze über Männer, die zu wenig Sex bekommen und darunter leiden. Seit es die Bewegung der unfreiwillig Zölibatären aus den USA gibt, die mit Gewalt gegen Frauen darauf reagieren, ist es nicht mehr lustig.

Wie läuft so ein Abend ab?
Wir haben ein grosses Sammelsurium an Witzen und Begebenheiten, die wir uns im Pingpong zuspielen. Wir nehmen sie aus dem Moment heraus, es ist eine Stunde, in der wir improvisieren. Ein Teil der Performance ist, immer so zu tun, als ob es gerade passiert und man dabei gewesen ist. Erst am Ende der Geschichte erkennt der Zuschauer, so kann es gar nicht gewesen sein. Es ist wichtig, sich selbst zu ironisieren.

 «Etwas, womit man Glück verbreitet, das ist doch schön in der heutigen Zeit.»

Welche Recherche haben Sie für das Programm betrieben?
Wir haben keine Hintergrundrecherche betrieben. Da sind Sie auf der Mount-Everest-Ebene, das zu hinterfragen. Und wir sind auf der Beizen-Ebene, wo der Kafi Schnaps ausgegeben wird. Wir wollen unterhalten, Witze sind grundsätzlich etwas Tolles – aber Sie sollten vielleicht nicht alle erzählen, die Sie erzählen.

Manche Menschen machen ja auch Witze auf Kosten anderer.
Dann muss man sich fragen: Warum wollen wir uns abgrenzen? Um andere abzuwerten? Es ist immer Neid im Spiel.

Wird Ihr Humor in den verschiedenen Schweizer Regionen unterschiedlich aufgefasst?
Nein, nicht regional, aber ich sehe grosse Stadt-Land-Unterschiede. Häufig blickt man beispielsweise von der Stadt auf das Land herab. Wichtig ist hingegen der Dialekt, in dem eine wunderbare Farbigkeit entsteht. So bewege ich mich zum Beispiel in etwa sechs Dialekten. Das erlaubt uns unter anderem den Dialog zwischen den Wallisern Robert und Franz, die sich gegenseitig belehren. Da sagt Robert: «Kennst du die Hauptstadt von Kenia?» Und Franz antwortet: «Nei, Robi.»

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie 2016 in «Ziemlich beste Freunde» den querschnittsgelähmten Philippe am Casinotheater in Winterthur spielten?
Es gab eine schöne Begegnung, als wir gemeinsam mit geistig eingeschränkten Menschen aus dem Hora-Theater auftraten. Eine Schauspielerin, die ich fragte, was sie habe, sagte: «Trsm» – Trisomie, ganz schnell ausgesprochen. Sie war ganz offen, ohne Scham, für sie war es Normalität. Das hat mich sehr beeindruckt, obwohl ich selbst eine behinderte Schwester habe.

Warum hat Sie der selbstverständliche Umgang mit dem Handicap dann dennoch überrascht und beeindruckt?
Bei meiner Schwester ist es anders, sie drückt sich wie ein drei- oder vierjähriges Kind aus. Sie ist als Kind aus dem Kinderwagen gefallen, der Wagen fiel auf sie und der Unfall hat ganz viele Hirnzellen absterben lassen. Erst später hat man gemerkt, dass sie sich nicht weiterentwickelt. Wir können nur über Emotionen miteinander kommunizieren. Da bleibt ein relativ hoher Grad von Fremdheit und da bleibt auch eine Unerfüllung im Raum.

Es gibt einiges, das kaum bekannt ist über Sie. Auf der Sedcard Ihrer Agentur steht, dass Sie eine Baritonstimme haben. Wann haben Sie die zum letzten Mal singend eingesetzt?
2010 ausführlich im Musical am Thunersee, als Dällenbach Kari.

Manche kennen Sie als Carabiniere Peter Kerschbaumer bei der Bozner Polizei: Warum sind Sie für den Bozen-Krimi der ARD gecastet worden?
Weil man damals schon wusste, dass man mich in verschiedene Sprachen jagen kann. 2014 haben wir im Dialekt gedreht, und mit einem Coach habe ich mir den Pustertaler Dialekt angeeignet. Es war aber nicht möglich, andere – Berliner – Kollegen dahin zu bekommen. Deshalb wurde es wieder geändert und wir spielen im Donna-Leon-Idiom. «Ich hole mir mal einen Cappuccino» soll dann bedeuten, dass ich mich in Venedig befinde.

Sie haben oft pointierte Typen aus der Provinz dargestellt. Fühlen Sie sich wohl damit, oder hätten Sie gerne mal einen Hamlet gespielt?
Ja natürlich, aber wenn man aus der Innerschweiz kommt, von Wasser, Föhn und Schnee... und schon eine Widerborstigkeit mitbringt, dann bekommt man ein vielgestaltiges, knorriges Ich angedient. Da ist man ein schlechter Stadtmensch. Ich bin mit 16 nach Zürich gekommen, für mich fuhr die Eisenbahn auf der Strasse und am Bellevue gab es einen Stand, der hat jeden Tag Bratwurst verkauft – nicht nur an Festtagen. Aber Hamlet? Warum nicht, die Fragen, die er sich stellt, sind interessant.

Erzählabend: Dienstag, 26. März, 19.30 Uhr, Singsaal der Primarschule, Schulstrasse 14, Hettlingen. Eintritt frei.

Erstellt: 12.03.2019, 09:25 Uhr

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