Hofstetten

Musikalische Reise in die Biedermeierzeit

Stimmungsvoll setzt das Zeller Chortheater Schuberts Liedzyklus «Die schöne Müllerin» in Szene. Die Guhwilmühle wird zum authentischen Spielort der unglücklichen Liebesgeschichte.

Eine Traumbesetzung: Bariton Serafin Heusser als Müllerbursche und Mezzosopranistin Sarah Deissler als schöne Müllerin.

Eine Traumbesetzung: Bariton Serafin Heusser als Müllerbursche und Mezzosopranistin Sarah Deissler als schöne Müllerin. Bild: Sabine Bierich

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Schon die Anfahrt mit dem Auto hat etwas Romantisches an sich, ist fast ein wenig unheimlich, durch Nebel und Regen vorbei an Schloss Elgg und hinunter zur Guhwilmühle. Wie muss es erst sein, wenn man den Weg durch das Tobel dem Fahrenbach entlang nimmt und zur Mühle hinaufwandert?Kaum aus dem Auto ausgestiegen, ist eine Trompete zu hören, die Kunde von der bevorstehenden Vorstellung gibt. Vom Hof aus sieht man durch ein Fenster eine Schar Menschen in stilechter ländlicher Mode des 19. Jahrhunderts. Man meint zu träumen! Das sind schon die Sänger und Sängerinnen in Kostüm und Maske. Als Garderobe haben sie sich das alte Waschhaus auserkoren. Die Vorstellung findet im Saal statt, der an die alte Gaststube angrenzt. 1823, im Entstehungsjahr von Schuberts schöner Müllerin, wurde sie frisch getäfelt und ist noch heute original erhalten. Im urigen Saal sitzen schon viele Gäste an den Tischen, die sich vor dem Kunstgenuss noch ein zünftiges Mahl gegönnt haben.

Müllerin steht hinter der Theke

Nun bezieht der Chor im vorderen Teil des Saales Position. Die Müllerin steht schon geschäftig hinter der Theke und putzt Gläser. Als Erzähler führt in Männerkleidung Charlotte Joss mit angenehmer Stimme in Knittelversen durchs Programm, herausgeputzt wie Franz Schubert. Die vielseitige Theaterfrau hat nicht nur seine «Schöne Müllerin» für ihren Chor arrangiert, sondern auch Regie geführt und Hand bei den Kostümen angelegt, die liebevoll bis ins Detail gestaltet und überwiegend von den Beteiligten selbst genäht worden sind. Begleitet werden die Solisten und der rund zwanzigköpfige Chor von Kilian Deissler am Kontrabass und Aljaz Cvirn an der Gitarre. Eine «Schubertiade» ohne Klavier!

Einerseits sei das dem Ambiente geschuldet, in dem ein Klavier schlecht Platz gefunden hätte, anderseits sei es ihr persönlicher Wunsch gewesen, sagt Charlotte Joss. Die Gitarre klinge ähnlich wie ein Hammerklavier. Dass diese Entscheidung goldrichtig war, erweist sich in den nächsten eineinhalb Stunden des «Singspieles». Man fühlt sich ein bisschen wie im Kreise der Brüder Grimm. Die Protagonisten bespielen den ganzen Raum, in dem man gesellig beisammensitzt. Der Chor nimmt dabei eine die Emotionen verstärkende Rolle ein und besingt vor allem auch die metaphorische Ebene der Natur, beispielsweise den Bach. Mal wiederholt er pianissimo, dann wieder anschwellend die Phrasen der Solisten. Als beobachtende Dorfgemeinschaft verfolgt er die Liebeswerbungen des Müllers und verkörpert damit auch so etwas wie die öffentliche Meinung.

Hier wird Schubert gerockt

Die Texte stammen sämtlich aus der Feder des Dichters Johann Wilhelm Müller. Joss hat die Sprechtexte auf sich vereint, die Liedtexte sind zwischen dem Chor, dem Müllerburschen, Bariton Serafin Heusser, und der Müllerin, der Mezzosopranistin Sarah Deissler, aufgeteilt. Eine Traumbesetzung, sie, die resolute handfeste Müllerin, und er, der versonnene elegische Bursche. Man ahnt es gleich, die beiden sind zu unterschiedlich, um zusammenzukommen. Serafin Heusser gestaltet seine Partie mit ausnehmend schönem Timbre anrührend schlicht. Sarah Deissler besticht durch ihre jugendlich freche Präsenz. Die Lieder sind insgesamt so originell instrumentiert, erklingen in einem wärmeren Klangraum, als man das für gewöhnlich kennt. Sie kommen einem näher als mancher Kunstgesang im Konzertsaal. Und weil die Musiker sich die Freiheit herausgenommen haben, die schubertschen Rhythmen sehr eigenwillig auszubauen, tanzt, rockt und swingt es zuweilen im ehrenwerten Gebälk der Romantik. Die bisherigen Vorstellungen waren restlos ausverkauft, weshalb kurzerhand im April des nächsten Jahres vier weitere geplant sind.

Erstellt: 16.11.2017, 16:38 Uhr

Zusatzvorstellungen:

20./21. und 27./28. April in der Guhwilmühle in Hofstetten.

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