Illnau-Effretikon

«Nach dem Lesen war ich vor allem dankbar»

Andrea Jost erzählt die Geschichte einer Frau, die als 18-Jährige aus dem Kosovo in die Schweiz flüchtete.

Andrea Jost liest aus dem buch von Basrie Sakiri-Murati

Andrea Jost liest aus dem buch von Basrie Sakiri-Murati Bild: Screenshot Buchcover

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Andrea Jost, Sie lesen im Rahmen der Kulturwochen aus dem Buch von Basrie Sakiri-Murati, die 1989 aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet ist. Wie sind Sie darauf gestossen?
Das Thema der Kulturwochen ist der Balkan. Herbert Kuhn, Präsident des Bibliothekvereins Illnau-Effretikon, ist schon im Frühling auf das Buch gestossen und es hat mich sofort interessiert. Mir war schnell klar, dass es sich sehr für die Lesung eignen würde.

 Es gibt viele Kosovo-Albaner unter uns, die Schweizer geworden sind. Der Balkan ist so ein Teil der Schweizer Identität geworden.Andrea Jost

Weshalb genau haben Sie die Geschichte von Basrie Sakiri-Murati ausgewählt?
Ihre Geschichte hat einen Bezug zur Schweiz und dazu, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Die erste Hälfte des Buches spielt im Kosovo, die zweite, wie Basrie Sakiri-Murati als Flüchtling in die Schweiz kam und sich hier einlebte. Wir erfahren, was Flüchtlinge alles auf sich nehmen, bis sie überhaupt einmal bei uns sind; wie sie an die Behörden gelangen oder den Asylantrag stellen. Zunächst werden sie in ein Zentrum eingeteilt und dürfen nicht arbeiten. Sie kennen die Sprache und das Essen nicht. Die Flüchtlingsthematik wurde ausserdem 2015 mit der Balkanroute wieder sehr akut. So weit weg ist das einfach nicht. Auch an den Balkankrieg in den Neunzigern erinnern sich viele. Es gibt viele Kosovo-Albaner unter uns, die Schweizer geworden sind. Der Balkan ist so ein Teil der Schweizer Identität geworden.

Dennoch sind die kulturellen Unterschiede gross.
So geografisch nah der Kosovo liegt, so verschieden sind wir geprägt. Zum Beispiel durch das patriarchalische Denken oder die Verbundenheit zu Traditionen. Vor allem für Frauen ist es extrem schwierig, in der Schweizer Kultur aufzuwachsen und zu Hause patriarchalische Strukturen zu haben. Dieser Kulturclash kommt im Buch gut heraus.

Was fasziniert Sie daran?
Es ist eindrücklich, mit welcher Konsequenz und inneren Überzeugung Basrie Sakiri-Murati in ihrer Heimat für die Freiheit einstand: Als Gymnasiastin beteiligte sie sich an Protesten und musste in der Folge im Untergrund leben. Wochenlang versteckte sie sich im Wald, oder bei für sie fremden Familien, da die Gefahr immer grösser wurde. Sie zog das durch, bis zur Flucht in die Schweiz. Der Preis, den sie bezahlte, war enorm hoch. Sie musste die Familie aufgeben. Basrie Sakiri-Murati kam zwar als 18-Jährige alleine in die Schweiz. Doch das Patriarchalische wirkte nach. Immer war ihr wichtig, was der Vater über sie denkt. Sie schreibt sehr einfach und schnörkellos, und dennoch echt. Das hat mich angesprochen. Sie ist ja keine Schriftstellerin, sie erzählt einfach sehr nah aus ihrem Leben. Leider kann sie an der Lesung selber nicht persönlich anwesend sein.

«Die allermeisten Menschen kommen nicht freiwillig ‹judihui› in die Schweiz. Alle bezahlen einen hohen Preis.»Andrea Jost

Was für ein Bild von «Flüchtling» ergibt die Lektüre?
Mir ist bewusst geworden, dass niemand leichtfertig in die Schweiz kommt und alles zurücklässt: Vertrautes, Familie, Beziehungen. Ich stelle mir diesen Schritt brutal vor. In ein Land zu gehen, von dem man nichts weiss. Sprache, Mentalität, Essen, und auch noch zu spüren, dass niemand auf einen gewartet hat. Wir dürfen auch nicht vergessen: Das sind Leute, die einen Rucksack mitbringen, Traumata, sie brauchen Hilfe und Unterstützung, damit sie Boden unter den Füssen bekommen. Da haben wir alle eine Verantwortung. Nur schon im täglichen Umgang.

Wie hat die Autorin das erlebt ?
Sie beschreibt eine grosse Verlorenheit. Das zeigte sich in alltäglichen Dingen, wie zum Beispiel Abfalltrennung oder Altpapier. Doch Basrie Sakiri-Murati beschreibt auch etwa, wie ihr im Bus jemand freundlich zunickt und ihr das gut tut.

Gibt es Parallellen zu heutigen Flüchtlings-Geschichten?
Ja. Diese Geschichte steht für viele. Die allermeisten Menschen kommen nicht freiwillig ‹judihui› in die Schweiz. Alle bezahlen einen hohen Preis. Egal, ob sie aus Syrien, Afrika oder dem Balkan kommen. Das merken wir doch an uns selber: Kaum sind wir über der Grenze, fühlen wir uns fremd und sind verunsichert. Die Thematik ist sehr aktuell und war es immer. Lange war die Schweiz ein Auswanderungsland. Wir haben Glück, dass wir in der heutigen Zeit hier geboren sind. Das ist ja nicht unser Verdienst. Nach dem Lesen ist bei mir Bescheidenheit und Dankbarkeit zurückgeblieben. Ich habe auch gemerkt, ich bin nicht stolz, sondern dankbar, eine Schweizerin zu sein.

Ist das Ihre Motivation, die Kulturwochen mitzugestalten?
Ja. Ich unterstütze die Veranstaltung deshalb sehr. Sie ist eine gute Sache, die mittlerweile etabliert ist. Dieses Jahr bin ich zum elften Mal dabei und es ist schön, Bücher vorzustellen, die nicht gerade Mainstream sind. Ich bereite mich jeweils zurückgezogen in einem Alphüttli eine Woche lang auf die Lesung vor und muss viel Interessantes weglassen – es lohnt sich also, das Buch dann ganz zu lesen.

Lesung Andrea Jost: «Bleibende Spuren» von Basrie Sakire-Murati Samstag, 21. September, 11 Uhr, Stadthaus Foyer, Märtplatz 23, Effretikon, Eintritt: frei, Kollekte. Infos: www.kulturwochen.ch

Andrea Jost ist zum elften Mal an den Kulturwochen beteiligt. Foto: PD

Erstellt: 19.09.2019, 13:52 Uhr

Andrea Jost liest aus «Bleibende Spuren» (Bild: PD)

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