Lindau

«Ich möchte mit Esoterik nichts zu tun haben»

Christina Krüsi wollte als Malerin überwinden, was sie als Opfer von sexuellem Kindsmissbrauch durchlitten hat. Nun setzt die Winterthurerin im neuen Atelier in Kemptthal alles daran, ihre künstlerische Karriere voranzutreiben.

Christina Krüsi hat in ihrem neuen Atelier auf dem Givaudon-Gelände in Kemptthal das nächste künstlerische Kapitel begonnen.

Christina Krüsi hat in ihrem neuen Atelier auf dem Givaudon-Gelände in Kemptthal das nächste künstlerische Kapitel begonnen. Bild: Madeleine Schoder

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Das Kind spielt mit der Schlange. «Das passiert ganz am Ende der Bibel», sagt Christina Krüsi über ihre Skulptur, «also nach der Apokalypse». Die Szene stellt das wiedergewonnene Paradies dar. Dass es so eine Bibelstelle gäbe, wüssten nur die wenigsten.

Christina Krüsi weiss es, ist sie doch als Kind von Schweizer Missionaren in Bolivien aufgewachsen. Sie weiss aber auch, wie sich die Apokalypse anfühlt: Ihr Buch «Das Paradies war meine Hölle» erschien vor vier Jahren, es war ihre Geschichte über den Missbrauch durch pädophile Kirchenmänner.

Aber all das läge hinter ihr, erklärt sie. Jahrzehntelang hat sich die 49-Jährige an den Missbräuchen und Verletzungen künstlerisch abgearbeitet. «Heute würde ich die Vergangenheit nicht mehr mit meiner Kunst vermischen.» Das hat ihr zwar grosse Aufmerksamkeit gebracht. Aber jetzt möchte Krüsi als Künstlerin anerkannt werden — nicht als die Frau, die ihr Leiden zu farbenfrohen Bildern sublimiert.

«Heute würde ich die Vergangenheit nicht mehr mit meiner Kunst vermischen.»

Auf dem Maggi-/Givaudan-Areal in Kemptthal hat sie soeben ein geradezu idealtypisches altes Malatelier bezogen, mit hohen Bogenfenstern und zwei geräumigen Sälen. Ihre neuen Bilder und Bronzeskulpturen zeigen junge, schlanke Frauen mit überlangen Beinen. Sie scheinen durch Zeit und Raum zu fliegen, stehen und liegen in Fantasy-Landschaften.

Schmetterlinge, Käfer, Molche und Drachen umspielen sie. Ihre Themen haben etwas Archaisches — technisch arbeitet die Künstlerin, die sich als Perfektionistin bezeichnet, jedoch inzwischen digital. Ihre Ölbilder fotografiert sie ab, bearbeitet sie in Fotoshop und ergänzt schichtenweise Farbeffekte und Gestaltungselemente zu modernen Mandalas.

Damit werden ihre Werke zu praktischen Kunstdrucken hinter Acrylglas, die man rahmenlos aufhängen kann. «Das hat den Vorteil, dass sich die Bilder gut verkaufen lassen», sagt sie. Ihr kommt weiter zu Hilfe, dass sie zwei Masterabschlüsse hält, einen in Bildungsmanagement und einen in Kulturmanagement. Derzeit ist sie noch in einer Viertelstelle als Schulleiterin beschäftigt; sie könne aber «langsam von der Kunst leben».

Will in die grosse weite Welt

Ihr künstlerisches Portfolio der vergangenen Jahrzehnte lässt viele Einflüsse erkennen: Klimt, Schiele, Modigliani, Picasso; sie selbst nennt Segantini, Munch, Kahlo und neuerdings auch Videokunst. Schon die Pastellzeichnungen und Porträts der 15-Jährigen lassen auf ihr besonderes Talent schliessen.

«Es interessiert mich nicht, bei der Künstlergruppe Winterthur mitzumachen, mich interessiert die grosse weite Welt»

Über 400 Werke hat sie im Laufe der Zeit geschaffen. Originale in Öl, an denen sie bis zu einem Jahr arbeite, würden für 20 000 bis 50 000 Franken weggehen, sagt sie. Wer weniger zahlen kann, dem bietet sie digitale Arbeiten zu 2000 bis 5000 Franken an. Sie sind ebenfalls Unikate, aber schneller herzustellen.

Im September hat Christina Krüsi erstmals auf der zeitgenössischen Kunstmesse Art Zürich ausgestellt. Als dort erzielten Erfolg vermeldet ihre Agentin, dass Krüsi von einer Wiener Galerie übernommen werde, die sie auch in Los Angeles und New York ausstellen wolle. «Es interessiert mich nicht, bei der Künstlergruppe Winterthur mitzumachen, mich interessiert die grosse weite Welt», sagt Krüsi selbstbewusst.

Tagebuch erklärt die Bilder

Dabei verhehlt sie nicht, dass es noch keine zehn Jahre her ist, dass sie die lokale Kunstmesse «Open Doors» und das MAP Magazine zusammen mit Michelle Bird in Winterthur lancierte. Aktuell schaut sie sich in New York Galerien an und pflegt den Kontakt zu einem Sammler, der wiederum in Asien vernetzt sei. Ihre Bilder-Biografie «Das Tagebuch der Christina Krüsi» ist konsequent auf deutsch und englisch verfasst.

Darin erzählt sie Geschichten zu ihren Bildern. Es sind Anekdoten und Reflektionen in der Ich-Form, die ihr Innenleben nach aussen kehren. In einer Art Selbstvergewisserung, als wolle sie die Kontrolle über das eigene Leben wiedergewinnen, erklärt sie dem Leser, was ihre Bilder meinen. Das ist nicht unproblematisch, es kann befremden, wenn jemand das Werk und dazu gleich die Deutung liefert. Ausserdem nimmt sie den Bildern etwas von ihrem Geheimnis.

Viele ihrer Motive wirken rätselhaft, sie könnten einer Traumsequenz entsprungen sein. Mystery-Fans dürften zu den Käufern ihrer Arbeiten gehören. Dabei macht sie klar, dass sie mit Esoterik nichts zu tun haben will.

Vom therapeutischen Malen will sie sich befreien, doch kann man das mit einer solchen Biografie? Die Frage ist auch, ob man es muss. Die Symbole jedenfalls leben in ihren Arbeiten weiter. Die hellen. Und die dunklen auch. (Der Landbote)

Erstellt: 26.10.2017, 11:43 Uhr

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