Rheinau

«Sitzend an einem Tisch zu schreiben ist absurd»

Schreibtrainer Christian Kaiser aus Winterthur unterrichtet zum fünften Mal an der Sommerakademie Rheinau. Dazu geht er in die Natur.

«Gehdichter» und Workshop-Leiter Christian Kaiser.

«Gehdichter» und Workshop-Leiter Christian Kaiser. Bild: PD

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Das Thema der diesjährigen Sommerakademie lautet «Das Vergängliche und die Ewigkeit». Welche Umsetzung haben Sie für Ihren Schreibkurs geplant?
Christian Kaiser: Thematisch wollen wir uns mit Grenzen beschäftigen; inneren und äusseren. Von letzteren gibt es rund um Rheinau ja einige. Vielleicht können wir uns so mit der Zeit auch der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits annähern. Dazu wollen wir Schreiben gehen – von der Vorstellung ausgehend, dass der Körper ein Sinnesorgan und Schreiben ein körperlicher Akt ist. So soll jeder in seinem Gehtempo in das Schreiben hinein kommen und seinen Rhythmus finden. Je nach Veranlagung entstehen längere Texte oder kurze fragmentarische Stücke.

Damit überwinden Sie gleich Schreibblockaden.
Man nutzt zum Beispiel Schreibübungen, die ins Offene gehen, wie die Écriture automatique der Surrealisten. Das Umformen von Themen, die in einem schlummern, ist auch wichtig. Man kann ein Thema vom Gedicht zum Dialog umarbeiten und dann zur Kurzgeschichte. Beim Kreativen und Biografischen Schreiben spricht man vom Dreischritt Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten, der einen persönlich weiter bringt.

Welche Themen bewegen die Teilnehmer inhaltlich am meisten?
Das philosophische Schreiben ist eine Standortbestimmung, ein individueller Erkenntnisprozess, bei dem es darum geht, die eigene Einzigartigkeit zu entdecken und einzubringen: Wie funktioniere ich eigentlich, was ist mein Wertesystem? In Rheinau ist das Oberthema wesentlich, alle Teilnehmer arbeiten mit ihren künstlerischen Methoden daran. Der Austausch zwischen den Disziplinen ist das Schöne an der Sommerakademie: So geben die Schreibenden Inspiration durch Haikus für die Maler.

Inwiefern beeinflusst die Umgebung die Teilnehmer?
Die Gegend eignet sich hervorragend, um draussen in der Natur zu beobachten, Notizen zu machen und sie ins Kurslokal zurückzubringen. Ich gebe auch Ideen für Gehmeditationen. In sämtlichen spirituellen Strömungen gibt es ja das Element der Pilgerreise, die den Weg als Metapher für das Leben sieht. Das Naturerlebnis inspiriert einen sehr, das Zen-hafte zu entdecken und den Moment in möglichst wenigen Worten einzufangen. Der Rhein steht dort fast wie ein See zwischen den beiden Kraftwerken.

«Die Gegend eignet sich hervorragend, um draussen in der Natur zu beobachten, Notizen zu machen und sie ins Kurslokal zurückzubringen.»Christian Kaiser

Gibt es ein Scheitern, in dem jemand erkennt, ich würde mich gerne so ausdrücken, aber ich schaffe es nicht?
Ich versuche immer, den Leuten jegliche Hemmung und jegliche Vorstellung von Qualität zu nehmen. Biografisches Schreiben ist eine Methode zum Selbstausdruck, wo es nicht um ein Publikum oder ein literarisches Produkt geht. Wenn es gelingt, diese Zensur in den Köpfen wegzubeamen, dann spielt es keine Rolle, was entsteht. Einige Leute sind zu Beginn des Kurses etwas gehemmt, vergleichen sich mit anderen Teilnehmern als Messlatte für ihr eigenes Schreiben. Auch in der Literaturgeschichte gab es ganz unterschiedliche Schreibertypen und nicht nur die eine richtige Methode. Deshalb ist es wichtig, dass die Teilnehmer laut vorlesen, preisgeben, auch zu ihrer inneren Stimme stehen. Sie merken dann, dass ihr Text vielleicht eine andere Tonalität hat, aber genauso ankommt und die Zuhörer auf einer anderen Ebene anspricht.

Erzählen Sie noch etwas über ihre eigene Schreibarbeit.
Mein persönliches Steckenpferd ist, beim Spazierengehen Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen. Ich nenne mich Gehdichter, mein Poesieband «BorkenKäferFrassSpuren» zeugt davon. Robert Walser umschrieb es als «die heilige goldene Belehrung», die einem die Natur erteile.Die Tradition der schreibenden Geher oder gehenden Schreiber, Flaneure, ist eine Produktionsform, ohne die wichtige Werke der Literatur nicht entstanden wären. «Nur die ergangenen Gedanken haben Wert», sagte Nietzsche. Die wertvollen Gedanken sind also eigentlich Gehdanken. Die Vorstellung vom Schreiben als sitzender Tätigkeit an einem Tisch ist absurd.

Können Sie auch ohne Schreiben leben?
Ab und zu versuche ich es wieder mal. Manchmal muss man: Die kreative Pause ist ein wichtiger Teil im Schaffensprozess.

Erstellt: 24.07.2019, 15:34 Uhr

Sommerakademie für Besucher

Die Sommerakademie läuft vom 28. Juli bis 10. August auf dem Klosterareal Rheinau, Stiftung Fintan. Zum Ende jeder Kurswoche gibt es öffentliche Rundgänge durch die Abschlussausstellungen, also an den Samstagen 3. und 10. August, um 11.30 Uhr. Eintritt frei.

Am Donnerstag, 8. August, um 19 Uhr findet ein Konzert im Kaisersaal statt. Kornelia Bruggmann (Sopran) und Werner Bärtschi (Klavier) tragen Werke von Haydn, Beethoven und Schumann vor. Eintritt: ein Wertschätzungsbeitrag, kein Ticket nötig. (gsp)

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