Rheinau

Warum in Rheinau 7 Hexen verbrannt wurden

Stephan Aregger spricht als Mitglied der Gesellschaft der Trinkstube zu Rheinau über seine Forschung zur Hexenverbrennung im Dorf. Seine Erkenntnisse lassen einen frösteln.

Rheinau im Jahr 1619: Der Stich von Johann Casper Winterlin zeigt das Städtchen zur Zeit der Hexenverbrennungen.

Rheinau im Jahr 1619: Der Stich von Johann Casper Winterlin zeigt das Städtchen zur Zeit der Hexenverbrennungen. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rheinau hat eine reiche Geschichte, aber über Hexenverfolgung hat man noch nicht so viel gehört. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Das war ein Zufallstreffer, als ich vor 20 Jahren fürs Studium recherchierte und über die Konflikte zwischen dem Kloster Rheinau und der Stadt im 18. Jahrhundert schreiben wollte. In den Beständen des Staats- und Klosterarchivs stolperte ich über Gerichtsunterlagen zu Hexenprozessen. Das hat mich sehr erstaunt, man hatte in Rheinau nie darüber gesprochen. Letztes Jahr wurde mir bewusst, dass es genau 400 Jahre her ist, denn innerhalb der Trinkstubengesellschaft hielt ich einen Vortrag. Man fand, dies sei für das ganze Dorf spannend.

Was wurde den Angeklagten denn vorgeworfen?
Für den Sachverhalt der Hexerei wurden fünf Aspekte untersucht: Es musste ein sogenannter Teufelspakt bestehen, häufig sogar als Teufelsbuhlschaft, indem sich die Frau mit dem Teufel sexuell eingelassen haben sollte, um das Bündnis zu bekräftigen. Auch der Flug auf einem Besen gehörte zu den Beobachtungen sowie der Hexensabbat, den mehrere Hexen gemeinsam feierten. Ausserdem war Zauberei im Spiel, zum Beispiel, indem das Wetter verzaubert wurde. Das fand aber nur in den Köpfen der Bürger und Richter statt; reale Verbrechen konnte man nicht anführen.

«In Rheinau wurden innert weniger Monate «sieben arme Weiber» hingerichtet.»

Der ehemalige Zürcher Staatsarchivar Otto Sigg wies kürzlich 84 tödlich ausgehende Hexenprozesse im Kanton Zürich nach. Wie viele davon entfielen auf Rheinau?
Rheinau gehört nicht zu den 84, denn bis 1798 war es mit dem Kloster ein eigenes Territorium unter eidgenössischer Schirmherrschaft. Erst 1803 wurde es mit der Mediationsverfassung dem Kanton Zürich zugeschlagen. Deshalb sind die Fälle nicht bei den Zürcher Akten. Der Abt beanspruchte die gesamte Gerichtsbarkeit im Städtchen, und das Stadtgericht sprach unter dem Vorsitz des Landvogts das Endurteil. In Rheinau wurden innert weniger Monate «sieben arme Weiber» hingerichtet.

Zur Person
Stephan Aregger wuchs in Rheinau auf und studierte an der Universität Zürich Geschichte. Bereits für seine Lizentiatsarbeit recherchierte er über lokale Themen. Heute arbeitet er im Marketing einer Zürcher Bank. Seit bald 20 Jahren ist der Tubaspieler Präsident der Musikgesellschaft Rheinau. Ebenso engagiert er sich in der Dokumentationsstelle Rheinau und macht gelegentlich Führungen. Als Stubenmeister der Gesellschaft der Trinkstube zu Rheinau hält er am Freitag einen öffentlichen Vortrag über die Hexenverfolgung. Der 49-Jährige ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei kleineren Kindern im Ort. (gsp)

Wie kam es zu den Prozessen?
Speziell der erste Prozess gegen Magdalena Muntelin ist schlecht dokumentiert, aber sie wurde gefoltert und nannte mindestens sechs Namen von Verdächtigen, die sie an einem Hexensabbat gesehen haben wollte. Es kam zu einem Schneeballeffekt. Die siebte Angeklagte beschuldigte unter Folter vor ihrer Verbrennung vier weitere Frauen und einen Mann – dann war dem Obervogt selbst nicht mehr so wohl. Die sogenannten Besagungen wurden nicht offiziell protokolliert und unter den Teppich gekehrt. Vielleicht haben sie selbst gemerkt, dass es sonst kein Ende mehr nimmt.

Gab es in der Region überdurchschnittlich viele Verfolgungen?
Die Rheinauer Zahlen liegen schon über dem Durchschnitt. Die 84 Hinrichtungen im Kanton sind eher eine tiefe Zahl innerhalb der Schweiz. Im Kanton Waadt gab es rund 1700 Fälle, in Graubünden mindestens 1000. Dort, wo die Herrschaft territorial und konfessionell stark zersplittert war, da gab es überproportional viele Prozesse. Man geht davon aus, dass in Europa 40000 bis 60000 Hexen hingerichtet wurden. Das alte deutsche Reich, zu dem die heutige Schweiz gehörte, war mit 25000 Opfern ein Zentrum der Hexenprozesse.

«Mir geht es vor allem darum, den Opfern nach 400 Jahren wieder eine Stimme zu geben.»Stephan Aregger

Man ist heutzutage schockiert über die Brutalität der Menschen und dass sie selbst Kinder zu den Scheiterhaufen mitnahmen.
Man darf nicht unterschätzen, dass die Leute wirklich an Hexerei geglaubt und Angst hatten. Wenn etwas passierte, suchte man Schuldige. Man geriet in Panik und fürchtete, dass jemand aus der Nachbarschaft mit dem Teufel im Bund sei und auch die eigene Frau, die eigenen Kinder oder Tiere sterben könnten. Oder dass sich Seuchen verbreiten könnten. In Rheinau gab es 1611 einen grossen Pestzug, bei dem ein Drittel der Bevölkerung starb: 200 von 500 bis 600 Menschen. Gleichzeitig herrschte in Europa eine kleine Eiszeit, die Ernten vernichtete. Man hat sogar die Asche der Hingerichteten verscharrt, damit sie nicht wieder kommen können. Die Verbrannten wurden nicht ins Totenbuch eingetragen und damit bewusst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und vergessen.

Wünschen Sie sich, dass die Gemeinde mit einem Denkmal an die «sieben armen Weiber» erinnert?
Ich bin nicht der grosse Fan von Denkmälern, aber es ist an der Zeit, über die Unschuldigen zu sprechen – ohne die Täter mit dem heutigen Wissen vom hohen Ross herab zu verurteilen. Mir geht es vor allem darum, den Opfern nach 400 Jahren wieder eine Stimme zu geben. Wer weiss, wie wir in der Zeit gehandelt hätten.

Vortrag «Die Rheinauer Hexenprozesse von 1618/19». Freitag, 6. September, 20 Uhr. Mehrzweckgebäude Rheinau. Anschliessend Apéro, Eintritt frei.

Erstellt: 02.09.2019, 12:58 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.