Illnau-Effretikon

Wo die mächtigen Herren wohnten

Die neue Dauerausstellung im Schloss Kyburg zur Herrschaft kommt beim Publikum an. Der grosse Renner sind die Gucker in die Vergangenheit und die Verkleidungen, in denen man sich wie ein Ritter oder eine Burgdame fühlen kann.

Die Kyburg zu ihrer Blütezeit. Die neue Ausstellung lässt diese längst vergangene Zeit wieder aufleben.

Die Kyburg zu ihrer Blütezeit. Die neue Ausstellung lässt diese längst vergangene Zeit wieder aufleben. Bild: Madeleine Schoder

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Er wetzt über den Schlosshof der Kyburg und rennt die Holztreppen hoch, als müsste er dem Landvogt eine Botschaft überbringen. Dabei ist er seit über 20 Jahren selber so etwas wie ein Schlossherr: Museumsleiter Ueli Stauffacher. Und er hat es eilig, weil es Zeit bräuchte, um die Geschichte und die Geschichten rund um die Kyburg zu erzählen. Viel Zeit: «Etwa vier Stunden dauert es, alle Hinweise im neuen Teil unserer Dauerausstellung zu lesen», sagt er.

Ueli Stauffacher erzählt schnell und fesselnd, denn er weiss über jedes Detail Bescheid. Er hat den neuen Teil der Dauerausstellung «Herrschaft» zusammen mit seiner Stellvertreterin Silvia Schlegel konzipiert. In 17 neu gestalteten Räumen im Ritterhaus wird erzählt, wer auf der Kyburg gewirkt hat – vom Mittelalter bis zur Moderne. Der erste Teil der Dauerausstellung mit dem Titel «Die Burg» ist 2017 im Grafenhaus eröffnet worden.

Zuerst eilt Stauffacher in den südlichen Wehrgang, der sozusagen das Entrée ist. Drei farbige, einen Meter hohe Holzskulpturen stehen dort. Sie verkörpern die drei Zeiträume, die das Schloss Kyburg prägten. Graf Ulrich III, der im 13. Jahrhundert lebte: Er steht für die Grafenzeit im Mittelalter. Landvogt Johann Heinrich Waser (1600-1669) verkörpert die Landvogtei. Und Matthäus Pfau (1820-1877): Er kaufte die Kyburg und machte aus ihr 1866 ein Museum; das erste Burgmuseum der Schweiz. Ein paar Schüler huschen vorbei und tätscheln den Holzfiguren auf den Kopf – sie dürfen ausdrücklich berührt werden.

«In Schlössern wollen die Leute Waffen sehen»
Ueli Stauffacher, Museumsleiter Schloss Kyburg

Auch sonst gibt es im Wehrgang viel zu entdecken und doch ist er nicht überladen. Zwei von sieben Gucklöchern stehen hier, durch die man einen Blick in die Vergangenheit werfen kann: Die Visualisierung zeigt, wie die Gegend im Mittelalter ausgesehen hat. So echt, dass man meint, eine Landschaftsfotografie zu betrachten. Sowieso spricht die Ausstellung alle Sinne an: An einer Hörstation erzählt etwa eine Magd, wie es ist, für sechs Jahre von Zürich aufs Land zu ziehen und im Dienst des Landvogts zu arbeiten. «Die Hörstationen zeigen die Geschichte aus einer anderen Perspektive», sagt Ueli Stauffacher. Und: «Es soll für alle etwas dabei sein.»

Nach der Einführung im Wehrgang geht es zeitlich zuerst in die Moderne. Die Rüstkammer ist als Museumsraum eingerichtet. Mit einer grossen Waffensammlung, Gemälden und Objekten, die Matthäus Pfau gesammelt hat. Auch die berühmte «Eiserne Jungfrau» steht hier (siehe Box). «In Schlössern wollen die Leute Waffen sehen», sagt Stauffacher. «Das war schon früher so.»

Für jeden Landvogt ein eigenes Porträt

Der Rundgang führt weiter zurück in die Geschichte. Die Kyburg war offenbar eine wichtige Landvogtei, das zeigt ein grosses Relief. Sie stellte im Jahr 1750 rund 5000 Wehrmänner – einen Viertel des Zürcher Militärs. Besonders an der Landvogtei Kyburg ist auch, dass es von jedem einzelnen Landvogt, der jeweils für sechs Jahre regierte, ein gemaltes Porträt gibt. «In anderen Landvogtschlössern wurden nur die Wappen abgebildet», sagt Stauffacher.

«Hier kann man den Geist und die Fantasie so richtig spazieren ­lassen.»Ueli Stauffacher

In den Amtsstuben nebenan lernt man einzelne Landvögte besser kennen. Beispielsweise Beat Holzhalb, der von 1681 bis 1687 Kyburger Landvogt war. Sein silbern-glänzender Schiffspokal – «ein super Objekt» – aus der Zeit um 1663 ist prominent in einer Vitrine im Raum platziert. Auch dazu hat Ueli Stauffacher viel zu erzählen, etwa vom Handel, der damals blühte. Erst mit Seide, dann mit Baumwolle. «Der Überseetransport war für die Zürcher Textilhändler wahnsinnig wichtig.»

Um das Thema Justiz geht es in der Gerichtsstube. Der Bericht eines Gerichtsmediziners aus dem späten 18. Jahrhundert hat es Ueli Stauffacher besonders angetan. Um die Todesursache einer Frau festzustellen, wurde diese obduziert. Ihr Gesicht wurde damals aus Pietätsgründen zugedeckt. «Es hat mich sehr berührt, dass eine solche Achtung vor einer Leiche da war.» In einem Miniaturmodell ist die Szene nachempfunden. Die Todesursache der Frau war keine Vergiftung wie vermutet, sondern ein Lungengeschwür.

Aus der Grafenzeit sind wenig Gegenstände vorhanden. Zu sehen ist beispielsweise die Sohle eines Lederschuhs, die beim ehemaligen Restaurant Linde gefunden wurde. «Der Schuh hat Grösse 44», sagt Stauffacher. «Er passt somit zu Graf Hartmann IV von Kyburg». Die Untersuchung seiner sterblichen Überreste in der Grablege in Wettingen ergab nämlich, dass er 1.80 Meter gross war – und rote Haare hatte. An den detaillierten Stammbäumen an der Wand lässt sich genau ablesen, wie Hartmann von Kyburg mit den Habsburgern verwandt war. «Heiratspolitik war essentiell.» Wenn der Museumsleiter vor dem Stammbaum steht und von den Verwandtschaftsverhältnissen der damaligen Herrscher spricht, klingt das mindestens genauso spannend wie die Royal-Storys aus der «Gala».

Die Kinder können sich für einmal als Burgherren fühlen. Foto: ea

Im Erdgeschoss des Ritterhauses wird es vor allem für die jüngeren Museumsbesucherinnen und -besucher spannend. Sie dürfen Ritterrüstungen und edle Kleider anprobieren und sich darin vor der passenden Tapete fotografieren lassen. Im Raum nebenan gibt es sechs Trickfilme rund um die Kyburg zu sehen. Und wer sich von den sommerlichen Temperaturen erholen will, kühlt sich im Weinkeller ab und macht ein Puzzle.

Kritiker finden die Kyburg etwas leer

Das Budget der neuen Dauerausstellung beträgt insgesamt 9 Millionen Franken. Seit der Eröffnung Ende März hat die Kyburg laut dem Museumsleiter zehn Prozent mehr Eintritte verzeichnet. Pro Jahr waren es bisher etwas mehr als 30000. «Unser Ziel ist es, wieder auf über 40000 Eintritte zu kommen.» Nächstes Jahr, wenn der Audio-Guide fertig ist, werde man eine Tourismus-Offensive starten. Das neue Konzept gehe auf. «Wir haben im Schloss absichtlich viel Freiraum gelassen und einige Durchgänge geöffnet», sagt er. Kritiker finden zwar, es sei etwas leer. Doch die Luftigkeit ist für Stauffacher das grösste Highlight. «Hier kann man den Geist und die Fantasie so richtig spazieren lassen.»

Erstellt: 11.07.2019, 12:04 Uhr

Das Highlight

Protagonistin einer «Geisterbahn»: Die Eiserne Jungfrau



Die häufigste Frage in Museen sei normalerweise: «Wo ist das WC?», sagt Museumsleiter Ueli Stauffacher. In der Kyburg sei das ganz anders. Hier hörte man häufiger die Frage: «Wo ist die Eiserne Jungfrau?» Seit der Eröffnung der neuen Dauerausstellung hat sie einen viel prominenteren Platz erhalten. Neu steht die grosse Figur mit dem Rücken zum Publikum mitten in der Rüstkammer. Die Stacheln im Innern ihres Körpers können also nicht gleich erschrecken. «Jetzt steht sie im richtigen Kontext», sagt Stauffacher. Denn sie sei von Matthäus Pfau 1876 als Museumsobjekt von einem kärntner Schreiner gekauft worden. Je mehr der Museumsleiter über die Eiserne Jungfrau forschte, desto mehr stieg seine Achtung gegenünber dem Sammler und Demokraten Matthäus Pfau. Die Figur war für Pfau offenbar ein Symbol gegen die Todesstrafe, die mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 abgeschafft wurde. Nie war die Eiserne Jungfrau nämlich ein Folterinstrument, viel eher wurde sie um 1820 in Österreich erfunden und aufgestellt, um Schlossbesucher im dunklen Verliess zu erschrecken, Quasi der Vorläufer der Geisterbahn. (ea)

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