Wila

Andere Gemeinden sehen den digitalen Dorfplatz eher kritisch

Die Gemeinde Wila hat einen digitalen Dorfplatz eingeführt und will damit in der Region eine neue Dynamik auslösen. Doch andere Gemeinden im Tösstal äussern sich bisher zurückhaltend.

Der digitale Dorfplatz ist online.

Der digitale Dorfplatz ist online. Bild: mad

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Wenige Tage nach der Lancierung ist auf dem digitalen Dorfplatz in Wila wenig los. Einzelne Einwohner melden sich in den öffentlich einsehbaren Bereichen aber zu Wort: So schreibt jemand, dass freilaufende Hunde und Wanderer im Naturschutzgebiet Schnäggenwald die Wildtiere stören. Er fragt, was davon zu halten sei, ein Durchwander-Verbot auszuschildern. Sechs Personen haben seinen Beitrag bis Mittwochmittag mit «Gefällt mir» markiert. Kommentiert hat seine Frage bis dahin noch niemand.

Dafür gratuliert ein anderer Nutzer der Gemeinde zur Einführung des digitalen Dorfplatzes, ein «mutiger Schritt». Vielleicht sei das Interesse anfänglich noch gering. «Doch die Zukunft geht in diese Richtung.»

«Wir werden das Projekt in Wila mit Interesse verfolgen»

Letzteres sieht die Gemeinde Wila sicher ähnlich. Denn sie hofft, dass auf der geschützten Plattform, die ganz ähnlich wie Facebook funktioniert, bald viele Einwohner miteinander ins Gespräch kommen und so eine Art Marktplatz entsteht, auf dem sich auch das Gewerbe präsentiert. Das soll in der Gemeinde eine neue Dynamik auslösen, die schliesslich das ganze Tösstal erfasst («Landbote» vom 5. Februar).

Tatsächlich wird das Projekt in umliegenden Gemeinden mit grossem Interesse verfolgt. Mitziehen will bis anhin aber niemand. «Momentan ist eine Einführung in Zell nicht geplant», sagt etwa die Zeller Gemeindepräsidentin Regula Ehrismann (EVP). Es stelle sich zudem grundsätzlich die Frage, ob die Unterstützung von privaten Unternehmen, die solche Plattformen anbieten, überhaupt im öffentlichen Interesse sei. Berücksichtigen müsse man ferner den Zeitaufwand, der für die Gemeindeverwaltung entstehen könne.

Kosten für die Gemeinde

Wila bezieht ihren digitalen Dorfplatz von der Firma Crossiety mit Sitz in Thalwil. Das Start-Up betreut die Plattform und greift ein, falls Diskussionen aus dem Ruder laufen. Die Tösstaler Gemeinde bezahlt für dieses Angebot rund 7000 Franken jährlich.

Im Wildberger Gemeinderat war ein digitaler Marktplatz ebenfalls schon Thema. «Wir werden das Projekt in Wila mit Interesse verfolgen», sagt Gemeinderat Thomas Kupper (parteilos). Falls diese Art der Kommunikation dort förderlich sei, werde man sich das sicher vertiefter anschauen. Derzeit baue Wildberg aber die digitalen Dienste auf der eigenen Homepage aus. Eine neue digitale Plattform müsse unterhalten werden, um attraktiv zu sein. Dies benötige viele Ressourcen, «welche wir weder im Gemeinderat noch in der Gemeindeverwaltung frei haben».

Ähnlich ist die Haltung in Turbenthal: «Wir werden das Projekt prüfen und vermutlich zuerst die Entwicklung in Wila beobachten», sagt Gemeindepräsident Georg Brunner (FDP). «Aufgrund meiner Erfahrungen ist ein langfristiger Betrieb einer solcher Plattform anspruchsvoll.»

«Ich finde es schön, dass Wila diesen Schritt macht.»

Der Gemeinderat in Bauma beschäftigte sich bereits 2017 mit einem digitalen Dorfplatz. Damals mit einem anderen Anbieter namens 2324.ch. «Leider konnten wir uns bis heute noch nicht entscheiden», sagt Gemeindepräsident Andreas Sudler (parteilos). Das Thema sei nach wie vor pendent, geniesse derzeit aber nicht erste Priorität. «Ich finde es schön, dass Wila diesen Schritt macht.» Er sei gespannt auf die dortigen Erfahrungen. Denn ein digitaler Dorfplatz ermögliche es, schnell miteinander zu diskutieren. Er berge aber auch die Gefahr, einen Sturm im Wasserglas zu produzieren und wecke vielleicht den Wunsch nach schnellem Handeln.

Bereits Erfahrungen sammeln konnte die Gemeinde Eglisau. Sie war vor gut einem Jahr unter den ersten Gemeinden im Kanton Zürich, die bei der Firma Crossiety einen digitalen Marktplatz einkauften. In der Deutschschweiz sind es rund 20 Gemeinden, die das Angebot derzeit nutzen.

«Die Plattform ist zu einem festen Bestandteil der Kommunikationsstrategie der Gemeinde geworden», sagt Martin Hermann, Gemeindeschreiber in Eglisau. Ein Selbstläufer sei der digitale Dorfplatz jedoch noch nicht. «Es gibt viel mehr Nutzer, die Beiträge lesen, als solche, die selber welche verfassen.» Ziel wäre es, dass mehr aktiv teilnehmen und die Gemeinde nur einer von vielen Teilnehmern ist, die Inhalte aufschalten. Bislang nimmt sie dabei eine Hauptrolle ein.

Mehr Zurückhaltung als auf Facebook

Um den Dorfplatz zu beleben stellt sie viele Inhalte aus dem Mitteilungsblatt auf die Plattform. Zudem führt sie die Agenda mit Anlässen nur noch dort. Immer öfter würden Vereine Inhalte aber auch direkt aufschalten, sagt Hermann weiter. Der Aufwand für die Gemeindeverwaltung halte sich deshalb in Grenzen. «Wir produzieren für die Plattform keine neuen Inhalte, sondern sehen sie als einen neuen Kanal». Hinzu komme, dass die Firma Crossiety Diskussionen moderiere, falls dies nötig würde.

Anfängliche Befürchtungen, dass sich wie etwa auf Facebook auch beleidigende Inhalte rasch verbreiten könnten, hätten sich nicht bestätigt. «Man kennt sich im Dorf, da sind die Leute wohl zurückhaltender.» Nur vor den Wahlen habe es einmal eine Situation gegeben, die kritisch gewesen sei. Die Gemeinde habe sich nach Absprache mit Crossiety jedoch dagegen entschieden, einzugreifen.

Als grossen Vorteil gegenüber kommerziellen Plattformen wie Facebook sieht Hermann, dass auf dem digitalen Marktplatz kein versteckter Algorithmus Beiträge gewichtet und dass Nutzerdaten nicht für Werbezwecke verwendet werden. Da sie durch die Gemeinde finanziert werde, sei sie politisch neutral und biete damit Raum für Diskussionen und Anregungen. «Es ist derzeit überhaupt kein Thema, den digitalen Marktplatz in Eglisau wieder abzuschaffen.»

Eine Konkurrenz zu herkömmlichen Medien sei die Plattform nicht, höchstens eine Ergänzung. Er fände es zum Beispiel spannend, wenn Zeitungen Artikel auf dem digitalen Marktplatz teilen würden.

Erstellt: 13.02.2019, 12:17 Uhr

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