Bezirksgericht

Angeklagt, weil er davon träumte, seine Frau zu ermorden

Ein Mann spricht in einer Therapiesitzung über seine Gewaltfantasien, woraufhin der Therapeut dessen Noch-Ehefrau und die Polizei informiert. Das Bezirksgericht Winterthur musste gestern entscheiden, ob die Äusserungen des Mannes als Drohung gewertet werden können.

Geht von Fantasien über Gewalt eine Gefahr aus? Das Bezirksgericht Winterthur hatte einen heiklen Fall zu behandeln.

Geht von Fantasien über Gewalt eine Gefahr aus? Das Bezirksgericht Winterthur hatte einen heiklen Fall zu behandeln.

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Es sei das Dilemma von absoluter Freiheit versus absoluter Sicherheit, befand der Richter in der Urteilsbegründung. Er musste gestern am Bezirksgericht Winterthur die Freiheit eines Mannes gegen das Sicherheitsempfinden von dessen Ex-Frau abwägen. Seit Anfang Jahr sind die beiden geschieden, bis dahin war es ein langer Weg mit wüsten Streitereien. «Sie hat gesagt, sie will mein Leben zerstören», sagte der Beschuldigte.

Der Mann Mitte 50 lebt im Kanton Thurgau, seine Ex-Frau bewohnt mit den Kindern sein Haus in der Region Winterthur. Um das Wohnrecht und um Unterhaltszahlungen wird in anderen Verfahren gestritten.Seit mehreren Jahren besucht der Mann regelmässig einen Psychotherapeuten.

«Ich dachte, mein Therapeut steht unter einem  Berufsgeheimnis.»Der Beschuldigte

Kurz vor Weihnachten 2016 sprach er zum wiederholten Mal in einer Sitzung von Gewaltfantasien gegenüber seiner damaligen Noch-Ehefrau: «Sie müssen sich das vorstellen, wie wenn sie eine zugeschraubte Bettflasche zerdrücken», beschrieb er vor Gericht. In den Gesprächsprotokollen der Therapiesitzung heisst es, dass er den Mord an seiner Frau in seinen Träumen als Erlösung empfand – und dass ihn das erschreckt habe, weswegen er es bei seinem Therapeuten thematisierte.

In Rage geredet

Doch bei diesem Besuch redete sich der Beschuldigte stärker in Rage und liess sich nicht wie sonst beruhigen. Der Therapeut handelte. Noch am gleichen Tag setzte er die Frau über die Fantasien in Kenntnis und machte eine Gefährdungsmeldung bei der Polizei. Diese nahm den Beschuldigten für eine Nacht in Untersuchungshaft.

Zwei Aspekte galt es gestern vor Gericht zu klären: Erstens, hatte der Beschuldigte seine Ex-Frau tatsächlich konkret bedroht und zweitens, hat er damit gerechnet, dass sie davon erfahren und in Angst versetzt würde?

Beides verneinte er auf Nachfrage des Richters: «Ich habe nur meine Träume geschildert und ich dachte, mein Therapeut steht unter einem Berufsgeheimnis.» Dass dieser seine Aussagen weitergeleitet hat, könne er zwar nachvollziehen, aber er halte es in diesem Fall für falsch. Es läuft kein Verfahren gegen den Therapeuten.

«Ungeschickt verhalten»

Der Therapeut begründete seine Entscheidung laut Gericht unter anderem damit, dass die Zeit vor Weihnachten eine grössere psychische Belastung für seinen Klienten darstellte und weniger Zeit für psychologische Betreuung blieb. Auch habe dem Beschuldigten die Kündigung gedroht, was weiteren Stress ausgelöst habe.

«Haben wir nicht alle schon Verstörendes geträumt?»Der Verteidiger

«Hatten Sie konkrete Pläne, Ihrer Frau etwas anzutun?», fragte der Richter noch einmal nach. «Nein. Es war ein Traum. Wenn ich es gewollt hätte, hätte ich es getan», antwortete der Mann auf der Anklagebank.

Sein Verteidiger forderte einen Freispruch: «Haben wir nicht alle schon Verstörendes geträumt?» Sein Mandant habe Hilfe gesucht und das sei richtig. Er zweifelte zudem an, ob die Information tatsächlich Angst und Schrecken bei der Ex-Frau ausgelöst habe: «Sie reagierte abgeklärt. Sie wusste, dass ihr Ex-Mann das nicht ernst meint.» Der Therapeut sei an diesem Tag überfordert gewesen und habe sich ungeschickt verhalten. «Das wird dem Beschuldigten nun zur Last gelegt.»

«Der Druck war da»

Die Anklage hatte eine bedingte Geldstrafe von 5400 Franken sowie eine Busse von 1000 Franken gefordert – doch der Richter folgte der Verteidigung. «Wir haben keine Anhaltspunkte, dass Sie tatsächlich etwas geplant haben oder wollten, dass Ihre Ex-Frau Angst bekommt.»

Er glaube jedoch nicht, dass der Therapeut aus reiner Überforderung gehandelt habe. Der Druck sei da gewesen und die Situation habe durchaus bedrohliche Elemente enthalten. «Im Nachhinein ist man immer klüger.»

(Der Landbote)

Erstellt: 17.05.2018, 18:19 Uhr

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