Bezirksgericht Winterthur

Er stopfte Finanzlöcher mit Diebstählen

Weil der Beschuldigte bereits vor drei Jahren in ein Bahnhofsgebäude einbrach, kam er um eine mögliche Freiheitsstrafe herum. Grund dafür ist einer der ersten Artikel im Strafgesetzbuch.

«Falsche Kollegen und Dummheit» seien die Gründe für seine Taten gewesen, meint der Beschuldigte vor Gericht.

«Falsche Kollegen und Dummheit» seien die Gründe für seine Taten gewesen, meint der Beschuldigte vor Gericht. Bild: mad/Archiv

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Der 21-Jährige mit dem aufgenähten VW-Emblem auf dem schwarzen Polo-Shirt stritt keinen Punkt der Anklage ab. Die Einbrüche, die Fälschungen, das Stehlen: Das alles war er, gab der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Winterthur zu. «Falsche Kollegen und Dummheit», vermutete er selber als Grund. «Überforderung», wird es der Richter in der Urteilsbegründung nennen.

Vor ein paar Jahren musste der junge Mann seine Lehre als Recyclist abbrechen, die Schulnoten waren zu schlecht. Er beschloss darauf, sich beruflich selbstständig zu machen. Die Selbstständigkeit wuchs ihm aber scheinbarüber den Kopf, noch ehe sie wirklich begann.

Falsche Belege

Bereits im Jahr 2016 versuchte er einmal in ein Bahnhofsgebäude einzudringen, um etwas zu stehlen – ohne Erfolg. Im Herbst 2018 blieb es nicht beim Versuch. Der Beschuldigte stieg zuerst in ein Take-Away-Restaurant ein, wo er eine Kasse mit rund 1000 Franken klaute. Das gleiche versuchte er noch bei einem Kiosk, fand dort aber nichts. Drei Tage später setzte er sich an seinen Computer und fälschte einen Beleg, der zeigen soll, dass er die Miete für einen Bagger bezahlt habe. Nochmals ein paar Tage später leiht er sich einen Anhänger und gibt ihn einem anderen als Pfand im Gegenzug zu 100 Franken. Ähnlich mit einem ausgeliehenen Vibrationsstampfer, den er einem anderen zu verkaufen versuchte.Der Richter sprach am Ende der Verhandlung von «Liquiditätsproblemen», die er mit den Delikten wohl lösen wollte. Der Beschuldigte nickte unweigerlich.

Die Staatsanwaltschaft beantragte für all diese Delikte eine Gesamtstrafe: Eine Geldstrafe von 320 Tagessätzen à 30 Franken. Doch dabei gibt es ein Problem: Seit dem 1. Januar 2018 ist ein neues Gesetz in Kraft, das Geldstrafen über 180 Tagessätzen nicht mehr zulässt. Damit steht nun plötzlich die Möglichkeit einer Freiheitsstrafe im Raum. Doch diese will der Beschuldigte unter allen Umständen vermeiden. Schliesslich will er nun doch noch eine Lehreabschliessen.

Kein Gefängnis

Die Verteidigung argumentierte mit einem der ersten Sätze des Strafgesetzbuches: Wenn zwischen dem Delikt und der Verurteilung ein neues Gesetz eingeführt wird, dann soll die für den Beschuldigten mildere Gesetzgebung gelten. Einige Delikte lagen glücklicherweise noch in den Jahren 2016 oder 2017. So plädierte die Verteidigung ebenfalls auf 320 Tagessätze nach altem Recht, und versuchte so eine mögliche Freiheitsstrafe zu verhindern.Mit Erfolg. Das Gericht sprach den jungen Mann schuldig. Die 9600 Franken Geldstrafe muss er bezahlen, dazu kommt noch eine Busse von 1000 Franken. Doch der geplanten Lehre kommt kein Gefängnis in den Weg, das ist so bestimmt die mildere Variante.

Erstellt: 12.07.2019, 12:13 Uhr

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