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«Ich wollte doch gar keinen Krimi schreiben»

Fernsehstimme Egon Fässler las am Donnerstag in Rikon aus dem Krimi «Mondnackt». Es ist der neuste Tösstal-Krimi von KuhnKuhn.

Sie schreibe bereits am 5. Tösstal-Krimi, verriet Roswitha Kuhn an der Lesung in Rikon. Foto: Nathalie Guinand

Sie schreibe bereits am 5. Tösstal-Krimi, verriet Roswitha Kuhn an der Lesung in Rikon. Foto: Nathalie Guinand

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Roswitha Kuhn und Egon Fässler achten peinlich genau darauf, dass sie bei der Lesung von «Mondnackt» keine Fährte legen, die das Publikum den Mörder erraten lässt. Doch diese Gefahr ist klein. «Ich weiss beim Schreiben oft selbst nicht, wer der Mörder ist», sagt Kuhn. Das klingt erstaunlich, macht aber Sinn.

Wenn die Figuren im Roman einmal erschaffen seien, mit ihren Charaktereigenschaften und ihrer Umgebung, dann bekämen sie ein Eigenleben, sagt Kuhn: «Der Autor kann dann mit ihnen nicht mehr machen, was er will.» Mit der Zeit spüre sie, welche Figur einen schlechten Charakter entwickle und als Täter in Frage komme. Deshalb gibt es im Text keine vorgängigen Andeutungen, die auf den Mörder schliessen lassen.

Schaurige Schauplätze

Immerhin eines ist in «Mondnackt», dem vierten Tösstal-Krimi, klar. Ein Galgen kommt darin nicht vor. Aber die Galgen-Sportbar, ein wichtiger Schauplatz im Krimi. Das Gebäude steht unmittelbar neben der Zehntenscheune, wo die Lesung stattfindet. Es schauert einem bei der Lesung, jetzt wo es Herbst wird. Auch die nackte Leiche im Krimi lag nur einige Kilometer von Rikon entfernt.

«Wenn die Figuren einmal erschaffen sind, kann der Autor mit ihnen nicht mehr machen, was er will.»

Es sind die genaue Recherche und das unverwechselbare Lokalkolorit, die «Mondnackt» so glaubwürdig und damit wunderbar grausig machen. Nicht wenige Leserinnen und Leser haben die Schauplätze der ersten drei Tösstal-Krimis erkundet und schreiben Roswitha Kuhn Dinge wie: «Wir wohnen in dem Haus», wo dies oder jenes geschehen sei. Doch bei aller Faktentreue erlaubt sich Kuhn dichterische Freiheiten. In jenem undurchdringlichen Wald, wo ein Jäger im Krimi «Nachsuche» einem verletzten Reh nachpirscht, gibt es in Wirklichkeit einen breiten Weg.

Das wichtigste Element in «Mondnackt» ist natürlich, wie in jedem Krimi, die Spannung. Während Egon Fässler die ersten Kapitel liest, versinken die rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer ganz in der Geschichte.

Fässler war früher Off-Sprecher am Schweizer Fernsehen. Seine Stimme kommentierte 25 Jahre lang Bilder und Filmaufnahmen in den Nachrichten. Er liest den Krimi flüssig, in einem sachlichen Ton. Nach einer Pause verändert er die Sprechweise und liest die Dialoge dramatischer.

Kuhn statt KuhnKuhn

Fässler liest etwa so viel vor, wie Jacques Kuhn und Roswitha Kuhn noch zusammen am Krimi geschrieben haben. Genauso, wie sie die drei älteren Romane verfasst haben. Ende 2016 starb Jacques mit 97 Jahren. Kurz vor seinem Tod nahm er seiner Frau das Versprechen ab, «Mondnackt» fertigzustellen. Gut 350 Seiten hat sie selbst geschrieben. Im Buch merkt man jedoch keinen Bruch zwischen den gemeinsam und den allein verfassten Kapiteln.

Organisator Martin Lüdin von «A bis Zell Kultur» schilderte am Leseabend letzten Donnerstag einige Eckpunkte aus Jacques Kuhns Biografie. Als er mit 87 Jahren Roswitha heiratete, sagte er: «In meinem nächsten Leben will ich Kinderwagen herstellen.» Er war anscheinend ein unbeirrbarer Optimist. Nur knapp verzichtete er darauf, Roswitha am Sterbebett versprechen zu lassen, noch einen 5. Tösstal-Krimi zu schreiben.

Auch die Idee, Krimis zu schreiben, stammt von Jacques Kuhn. Roswitha Kuhn lehnte das zunächst ab: «Ich wollte doch gar keinen Krimi schreiben. Das ist Knochenarbeit.» In einem Krimi müsse jede Einzelheit stimmen. Alles sollte logisch aufgebaut sein. So einen «Seelenerguss» hingegen könne man einfach runterschreiben. Und doch schreibt Kuhn weiter. Im nächsten Krimi ist sie bereits wieder auf Seite 80 angelangt.

Sie versuche, möglichst regelmässig am Buch zu arbeiten, sagt sie: «Wenn ich zu lange Pause mache, muss ich mich wieder neu mit den Figuren und ihrer Umgebung vertraut machen.» Das koste jedes Mal Anstrengung. Noch ist es ungewiss, wann der 5. Tösstal-Krimi erscheinen wird. Kuhn sagt nur: «Thomas Mann schrieb eine Seite pro Tag.»

Erstellt: 27.09.2019, 15:56 Uhr

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