Sterben zu Hause

Letzte Wünsche als Politikum

Dass es Spezialisten braucht, wenn es ums Sterben geht, bestreitet niemand. Dass die meisten Menschen daheim sterben möchten, auch nicht. Wer aber kommt dafür auf?

Zu Hause zu sterben, ist der Wunsch vieler. Die Klärung um die Finanzierung geht schleppend voran.

Zu Hause zu sterben, ist der Wunsch vieler. Die Klärung um die Finanzierung geht schleppend voran. Bild: Keystone

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Sie legen Blasenkatheter, stechen Zugänge zum Blutkreislauf und installieren Spritzenpumpen. Schmerzen, Atemnot und Angst sind ihr Spezialgebiet: Sieben Tage die Woche sind mobile Pallia­tive-Care-Teams unterwegs, um Menschen zu begleiten, die unheilbar krank sind. Diese Spezialisierung kostet, wie auch die Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Der Wunsch ist klar und in Studien belegt: Zwei Drittel der Menschen wollen daheim sterben. Alle Bewohnerinnen und Bewohner des Kantons Zürich sollen Zugang zu entsprechender Pflege haben. Es liegt nun schon ein Jahr zurück, dass der Präsident des Gemeindepräsidentenverbandes des Kantons Zürich, Jörg Kündig (siehe auch Gespräch rechts), die Gemeinden dazu angehalten hat, Leistungsvereinbarungen mit entsprechenden Anbietern abzuschliessen. Noch weiter zurück liegt ein Schreiben des Gesundheitsdirektors Thomas Heiniger, das die Gemeinden in die Pflicht nimmt.

Finanzierung komplex

Die ambulante Pflege steht im Pflichtenheft der Gemeinden, Spitalaufenthalte sind Aufgabe des Kantons. Die durchschnittlichen Spitex-Normkosten belaufen sich im Kanton Zürich pro Patient und Stunde auf rund 140 Franken. Die Wohngemeinde bezahlt die Differenz zwischen den Krankenkassentarifen und den Normkosten. Die spezialisierten Palliative-Care-Teams sind aufgrund von Mehrkosten durch hoch qualifiziertes Pflegepersonal, ungedeckte Fahrkosten, Weiterbildungen, Supervisionen und Teamsitzungen, Nachtpikett und 24-Stunden-Service teurer als die Spitex.

Deshalb sind Leistungsvereinbarungen zur Deckung der Finanzierungslücke mit den Gemeinden nötig. Bezahlen müssen die Gemeinden nur, wenn eine Leistung bezogen wird. Gemäss Christoph Schürch, Leiter des Mobilen Palliative-Care-Teams (MPCT) der Region Winterthur, benötigt auf 800 bis 1000 Einwohner etwa einer jährlich dieses Angebot.

«Wie Einwohner des Kantons Zürich am Lebensende betreut werden, hängt immer noch davon ab, wo sie wohnen.»

Medienmitteilung Verband  spezialisierter Palliative-Care-Leistungserbringer

Fünf der Anbieter im Kanton haben sich letztes Jahr zusammengetan und treten als Verband spezialisierter Palliative-Care-Leistungserbringer (SPaC) auf. Ein Ziel, das der Verband hat, ist, einst kostendeckend abrechnen zu können. Alle fünf Teams können ihre Leistung bis anhin nur mit Spenden decken.

Leistungsvereinbarungen haben nun 98 der 168 Zürcher Gemeinden unterzeichnet. Darunter fallen viele in Winterthur und Umgebung. Nördlich von Winterthur allerdings zeigt die Landkarte noch weisse Flecken. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Im Fall von Hettlingen, Seuzach, Dägerlen, Altikon, Dinhard, Ellikon an der Thur und Rickenbach ist ein neuer Spitex-Verband Grund für die offenen Fragen (siehe Artikel unten). Manche der Gemeinden im Weinland arbeiten mit einem Anbieter aus Schaffhausen zusammen, andere mit Stiftungen oder über ihre Spitex.

Schürch findet dies problematisch. Er spricht von «Practice», die Erfahrung sei zentral. Gerade junge Mitarbeiter der Spitex könnten diese kaum vorweisen. Oftmals seien nämlich Gespür und Wissen um die Situation gefragt. Wie bei einer Hebamme.

Versorgung gefährdet

Für Ilona Schmidt, Leiterin von Onko Plus, ebenfalls SPaC-Mitglied, sind die neuen, kostendeckenden Verträge relevant. Sie ist mit ihrem Team vor allem östlich von Winterthur unterwegs. «Alle alten Verträge mit den Gemeinden, die unsere Kosten nicht decken, helfen der Situation nicht.» Die Situation, von der sie spricht, ist letztlich vor allem unbefriedigend für die Anbieter. Fragt man Schürch, merken die Patienten nichts von der verworrenen politischen Situation im Hintergrund. «Die Menschen stehen im Vordergrund», sagt er.

Somit sei sein Team auch weiterhin in den Gemeinden vor Ort, wo man nicht kostendeckend abrechnen könne. In einer Medienmitteilung des SPaC heisst es allerdings: «Wie Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Zürich am Lebensende betreut werden, hängt immer noch davon ab, wo sie wohnen.»

Denkbar wäre in der Folge, dass Anbieter sich zurückziehen aus Gemeinden ohne entsprechende Verträge und der Patient letztlich unter der Situation zu leiden hätte, weil spezialisierte Fachkräfte gemäss Kündig nach wie vor Mangelware sind.

Exit hat Tabus gebrochen

Schürch weiss, dass er weiterhin auf die Gemeinden zugehen muss, will er dem Ziel des Verbands gerecht werden. «Die flächendeckenden Leistungsvereinbarungen brauchen Geduld.» Politik heisse manchmal warten. Immerhin seien in den letzten Jahren Quantensprünge zu verzeichnen, in den Spitälern sei man sensibilisierter, in der Bevölkerung ohnehin. «Grund ist auch, dass seit der Debatte um Exit offener über das Thema Sterben geschrieben und gesprochen wird.»

(Der Landbote)

Erstellt: 23.02.2017, 11:24 Uhr

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Jörg Kündig ist Präsident des Verbands der Gemeinde­präsidenten im Kanton Zürich.

Nachgefragt

«Ein Thema, das uns alle angeht»

Vor einem Jahr haben Sie die Gemeinden dazu angehalten, Leistungsvereinbarungen mit spezialisierten Palliative-Care-Teams abzuschliessen. Noch gibt es Lücken auf der Landkarte der Region. Warum?
Jörg Kündig: Gerade kleinere Gemeinden nagen an den steigenden Gesundheitskosten. Absolut gesehen ist der geforderte Beitrag aber nicht entscheidend. Hier ist Überzeugungsarbeit gefragt.

Wer muss diese leisten?
Die Anbieter sind gefordert. Gerade das Zürcher Oberland zeigt mit seiner sehr guten Abdeckung, was die Initiative von Einzelpersonen wert ist.

Wie in Gossau, wo Sie ­Gemeindepräsident sind.
Zum Beispiel. Im Oberland istder Verbandspräsident der ­Spezialisierten Palliative-Care-Leistungsträger tätig, Andreas Weber. Er ist Arzt. Es gibt in allen Regionen Figuren, die sich für die Sache einsetzen, das ist zentral.

Werden Sie erneut aktiv?
Die Position unseres Verbandes ist klar. Wir haben eine Emp­fehlung ausgesprochen, ein Weisungsrecht haben wir nicht.

Warum sollen sich die Gemeinden einsetzen?
Weil das Thema nahe bei den Menschen ist. Es geht uns alle an, auch wenn wir es erst sehen wollen, wenn wir das Angebot brauchen. Hier hat aber schon ein Umdenken stattgefunden. Wo vor zehn Jahren noch zehn Personen an Anlässen zum Thema ­waren, sind es heute hundert.

Es gibt ja Gemeinden, die sagen, ihre Spitex könne die Nachfrage abdecken im eigenen Angebot.
Das stimmt. Aber die Verfügbarkeit und die Spezialisierung übersteigen die Möglichkeiten einer kleineren Spitex.

Sie haben die finanzielle Ver­antwortung der Gemeinden vor einem Jahr als «schwer zu schluckende Kröte» bezeichnet. Haben Sie sie geschluckt?
Ja. Der Kanton beharrt auf der Trennung ambulant und stationär, er trägt ja die Kosten von Spitalaufenthalten. Das ist nachvollziehbar. Wir müssen vorwärtsschauen. Die Leistungsverein­barungen müssen und werden flächendeckend kommen.

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