Elsau

«Mein Herz schlägt für Griechenland»

Der Arzt Anastasios Voutsas ist Grieche und lebt seit einigen Monaten in Pfungen, wo er als Internist in einer Praxis in Elsau arbeitet.

Anastasios Voutsas in seiner Arztpraxis in Elsau: «Ich kenne Alexis Tsipras persönlich. Ob er unser Land wirklich retten und auf einen guten Weg bringen kann, ist derzeit fraglich.»

Anastasios Voutsas in seiner Arztpraxis in Elsau: «Ich kenne Alexis Tsipras persönlich. Ob er unser Land wirklich retten und auf einen guten Weg bringen kann, ist derzeit fraglich.» Bild: Heinz Diener

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Sie sind Grieche, Arzt und leben und arbeiten seit gut einem Jahr in der Schweiz beziehungsweise in der Region Winterthur. Warum sind Sie nicht in Ihrem Heimatland? Braucht Griechenland Sie denn nicht gerade jetzt in der Krise?
Anastasios Voutsas: Das ist eine gute Frage. Als ich vor über einem Jahr in die Schweiz zog, geschah dies aus rein familiären Gründen. Eine meiner beiden Töchter hat in Bern Psychologie studiert und dort ihren Mann, einen Schweizer, kennen gelernt und später geheiratet. Jetzt haben die jungen Eltern einen zweieinhalbjährigen Sohn. Mein Enkelkind heisst Iassonas. In seinen dunkelblauen Augen sehe ich Hoffnung. Und ein Versprechen. Das Versprechen, dass der liebe Gott uns nicht vergessen hat. Das war für mich Motivation genug, mit 65, am Ende meiner Karriere, hierherzuziehen und als Arzt in der Schweiz zu leben und zu arbeiten. Klar ist aber: Ich habe Heimweh. Ich fliege darum alle zwei Monate in mein Heimatland. Vor allem aber auch deshalb, um meine Verwandten, unter anderem meinen 101 Jahre alten Vater, zu besuchen.

Sie sind also kein Wirtschaftsflüchtling?
Auf gar keinen Fall. Aber ich habe viel Verständnis für all jene Griechen, die aufgrund der grossen ökonomischen Krise ausgewandert sind. Allein in den letzten Jahren haben insgesamt 250?000 Akademiker unser Land wegen der Perspektivlosigkeit verlassen. Gleichzeitig stellt dies natürlich auch eine grosse Tragik dar. Denn durch diesen Exodus ging unserem Land viel Wissen und viel Substanz verloren. Und man muss davon ausgehen, dass diese Leute kaum mehr jemals zurückkehren werden.

Sie sind hier in der Schweiz mit Ihren 65 Jahren im Pensionierungsalter. Erhalten Sie demnächst aus Griechenland eine Rente?
Ich habe in Griechenland tatsächlich einen entsprechenden Antrag für meine Rente gestellt. Doch diese wird mir erst mit 67 ausgezahlt. Die Frage, die sich mir angesichts der Krise stellt, ist aber, ob ich wirklich jemals eine Rente erhalten werde. Persönlich glaube ich eher nicht daran. Das klingt zwar jetzt nicht gerade optimistisch, ist aber wohl realistisch.

Was macht Ihnen derzeit am meisten Kummer, wenn Sie an Ihr Heimatland denken?
Dass so viele Menschen in meinem Land aus ökonomischen Gründen total verzweifelt sind und depressiv werden. Dieser Umstand hat in den letzten fünf Jahren fast zehntausend Menschen in den Selbstmord getrieben. Eine schreckliche Zahl. Unter diesen Menschen gab es eine Vielzahl qualifizierter Leute, die einen guten Arbeitsplatz hatten, die dann aber plötzlich alles verloren und sich ihrer Existenz beraubt sahen. Ich lebe zwar jetzt hier, aber mein Herz schlägt für Griechenland.

Inwieweit unterstützen Sie Ihre Verwandten in Griechenland?
Es ist für mich selbstverständlich, dass ich meine Verwandten regelmässig finanziell unterstütze. So zum Beispiel auch meine zweite Tochter, die auf Kreta lebt und dort Architektur studiert. Dann aber auch meinen Sohn, der Architekt ist und in Athen wohnt, und meinen hochbetagten Vater, der gerade mal eine Rente von 300 Euro pro Monat erhält.

Welche Diagnose stellen Sie als Arzt, wenn Sie an den gegenwärtigen Zustand des Patienten Griechenland denken?
Ich diagnostiziere eine Depression. Denn jeden Tag werden die Menschen mit schlechten Meldungen konfrontiert und viele kämpfen buchstäblich ums Überleben. Die Arbeitslosigkeit bei den jungen Menschen beträgt derzeit unglaubliche 71 Prozent. Im Unterschied zur Schweiz bekommen die Menschen in Griechenland nur sehr kurze Zeit ein paar Hundert Euro Arbeitslosenhilfe. Und dann ist aber Schluss. Diese Menschen haben keine Zukunft. Viele von Ihnen leben von der Rente ihrer Eltern, die ohnehin schon niedrig ist. Immer mehr Menschen sehen aufgrund der prekären finanziellen Lage auch keine Möglichkeit, zu einem Arzt zu gehen. Und das hat natürlich für die Mediziner und die Spitäler Folgen. Vielen Spitälern fehlt es aufgrund der nicht vorhandenen finanziellen Mittel heute an ganz grundlegenden Dingen. Manche griechische Krankenhäuser erinnern an den Stand der Spitäler in Entwicklungsländern.

Welches Medikament könnte dem Patienten Griechenland denn überhaupt noch helfen?
Das Problem Griechenlands ist seine hohe Verschuldungsquote. Trotz der rigorosen Sparbemühungen der letzten Jahre hat sich die Situation alles andere als verbessert. Die starren Auflagen der EU haben den Aufschwung in Griechenland verhindert be- ziehungsweise ihn abgewürgt. Die Troika, eine Kooperation von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Kommission, hat unser Land mit ihrem Spardiktat zerstört. Griechenland befindet sich derzeit auf einer Einbahnstrasse. Der Ausweg und das Medikament für Griechenland heisst deshalb: sofort raus aus diesem verdammten Euro! Denn so lange es keinen Schuldenschnitt gibt, so lange man also nicht bereit ist, etwa 40 Prozent unserer Schulden zu streichen, sehe ich dies derzeit als einzige Alternative.

Ihre pointierte Haltung kommt nicht von ungefähr, denn Sie sind aktives Parteimitglied der Regierungspartei Syriza. Aber kann die Rückkehr zur Drachme wirklich eine Option sein?
Ja, tatsächlich. Denn wenn man uns noch mehr Kredite gibt und uns gleichzeitig zu noch viel mehr Sparbemühungen zwingt, kann das auf lange Sicht keine Lösung sein. Wir haben zwar in Griechenland ein Investitionsprogramm aufgegleist, damit unser Land wieder auf die Beine kommen kann, aber die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will davon nichts wissen. Das ist aus meiner Sicht reiner Barbarismus.

Was sagen Sie denn zur Tatsache, dass sich andere Länder, wie Spanien, Portugal oder Irland, den harten Sparauflagen der EU-Kommission gefügt haben?
Das kann man nicht mit der Situation in Griechenland vergleichen. Das Vorgehen gegen unser Land ist in dieser Art einmalig. Doch klar ist auch: Das, was jetzt geschieht, ist letztlich eine Probefahrt, die zu einer Frontalkollision mit Europa führt.

Ihre Wut richtet sich vor allem gegen Deutschland?
Ja, denn die Deutschen sind leider sehr vergesslich. Deutschland hat im 20. Jahrhundert die wohl grössten Staatspleiten der jüngeren Geschichte hingelegt. Ihre heutige finanzielle Stabilität und ihren Status als Oberlehrer Europas verdankt die Bundesrepublik allein den USA, die sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg auf sehr viel Geld verzichtet haben. Das wird leider immer wieder vergessen.

Und was hat Griechenland selber bis heute falsch gemacht?
Das Problem sehe ich nicht bei Griechenland, sondern bei der falschen europäischen ökonomischen Politik. Diese Politik trägt einen Namen: Deutschland.

Allein Deutschland soll schuld an Griechenlands Misere sein?
Deutschland will nicht einsehen, dass wir unsere Schulden nur dann zurückzahlen können, wenn wir Raum bekommen, uns wirtschaftlich zu erholen. Denn die deutschen Politiker befinden sich am Gängelband der deutschen Medien, wie der «Bild»-Zeitung.

Wie sollte es Ihrer Ansicht nach nun weitergehen?
Ich wünsche mir in Griechenland eine Volksabstimmung, wie es sie in der Schweiz gibt. Das griechische Volk soll allein darüber entscheiden können, ob es aus dem Euro aussteigen will oder nicht.

Denkbar ist aber, dass es dazu gar nicht mehr kommen wird, da nun andere die Weichen bereits früher stellen werden.
Das kann sein. Ich habe Angst, dass jetzt alles aus dem Ruder läuft. Ich kenne den früheren Bauingenieur und heutigen Regierungschef Alexis Tsipras persönlich. Er kann zwar Statistiken erstellen, aber ob er unser Land wirklich retten und auf einen guten Weg bringen kann, ist derzeit fraglich. Und der Druck, der auf ihm lastet, ist gewaltig.

Welche Hoffnungen haben Sie noch für Ihr Land?
Die Hoffnung stirbt zum Glück zuletzt. Ich bin ein Optimist. Man muss kämpfen und darf nicht aufgeben. Ich habe schon als junger Student gegen den Faschismus und gegen die Militärjunta in Griechenland gekämpft. Ich wurde damals ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Aber ich wurde nicht gebrochen. Im Gegenteil: Mein Kampfeswille bleibt ungebrochen. Ich hoffe, dass die direkte Demokratie auch in Griechenland eingeführt wird und dass so das Volk in Abstimmungen sagen kann, wohin es will. Ein Kompromiss mit der EU könnte nur dann ein guter sein, wenn er Griechenland nachhaltig hülfe. (Der Landbote)

Erstellt: 26.06.2015, 21:44 Uhr

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