Sommerserie

«Mein Herz spricht einfach so laut»

Andrea Rubin verbringt den Sommer bei ihrer Schwester in Dinhard. Seit gut fünf Jahren lebt sie in Indien und Nepal, wo sie ihr Leben notleidenden Menschen widmet: ein Gespräch über Ängste, Elend, Besitz und das eigene Zuhause.

«Wenn Kinder lernen dürfen, verändern wir die nächste Generation und damit die ganze Gesellschaft», sagt Andrea Rubin.

«Wenn Kinder lernen dürfen, verändern wir die nächste Generation und damit die ganze Gesellschaft», sagt Andrea Rubin. Bild: Thomas Waser

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Es gibt keinen Weg zurück. Keinen Plan für ein Leben in der Schweiz. Keine Vision von einer Karriere. Für Andrea Rubin gibt es nur eine Mission: Das Leid von anderen Menschen lindern. Die 40-Jährige wuchs in Dinhard auf und machte eine Ausbildung zur Psychatriepflefachfrau. Sie bildete sich weiter in gewaltfreier Kommunikation, in Traumaberatung und Führung.

In Elgg leitete sie ein Betreutes Wohnheim und arbeitete dort mit Suchtkranken und psychisch kranken Menschen. Rubin hatte einen guten Job, ein gutes Leben, ein eigenes Haus. Aber sie hatte auch schon immer den Drang, die Welt ein bisschen besser zu machen. Deshalb half sie in ihren Ferien als Freiwillige in den Armutsvierteln dieser Welt.

2012 flog sie – auf Wunsch einer Kollegin – nach Indien an eine Internationale Konferenz für gewaltfreie Kommunikation. Dort habe sie sich gelangweilt, sagt sie. Aber als sie dann vor Ort Hilfsprojekte in den Dörfern besuchen konnte, wusste sie plötzlich: «Hier will ich sein. Hier werde ich mich einsetzen.» Sie brach ihre Zelte in der Schweiz ab und gründete 2013 den Verein Hope is life (siehe Infobox). Seit 2014 lebt Andrea Rubin in Indien und Nepal für ihre Projekte. Nur im Sommer kommt sie jeweils zwei Monate zu ihrer Schwester nach Dinhard, wo sie am Esstisch ein Interview gibt.

Geniessen Sie Ihre Zeit hier in der Schweiz?
Andrea Rubin: Erst wenn ich richtig in der Schweiz angekommen bin, das braucht immer seine Zeit. Der Aufenthalt in der Schweiz ist wichtig für mich, denn hier erhole ich mich körperlich. Das Leben in Indien zehrt ziemlich an mir. Und es ist schön und gibt mir Kraft, meine Familie und Freunde zu sehen. Aber ich habe hier auch einiges an Arbeit. Mehrmals täglich stehe ich in Kontakt mit meinen Mitarbeitenden in Indien und Nepal. Hier treffe ich Leute, um Spenden für den Verein zu sammeln und ich arbeite noch nachts als Sitzwache im Spital, um etwas Geld zu verdienen. Es sind also keine Ferien für mich.

Sie arbeiten auch hier noch?
Ja. Ich beziehe von Hope is life keinen Lohn. Durch die Vermietung von meinem Haus hier in Dinhard habe ich monatlich Geld für Versicherungen und laufende Kosten. Mit meiner Sommerarbeit hier verdiene ich wieder etwas. Zudem unterstützt mich meine Familie, weil all die Arbeit für mich zuviel war.

Kommen Sie trotz der vielen Arbeit gerne zurück?
Dieses Mal war es für mich emotional sehr schwierig hier anzukommen. Ich hatte einen richtigen Kulturschock, als ich Anfang Juni wieder in die Schweiz kam. Jetzt bin ich gerne hier.

Was war so schwierig?
Ich weiss nicht, warum es dieses Mal noch schwieriger war als sonst. Ich sass in unserem Garten und alles kam mir künstlich, arrangiert und unwirklich vor. Wie in einem Film. Ich bewege mich zwischen zwei Kulturen, die enorm unterschiedlich sind, da muss ich mich immer wieder dran gewöhnen. Momentan geniesse ich die Zeit in der Schweiz noch in vollen Zügen und freue mich dann im August wieder nach Hause zu gehen.

Mit «nach Hause» meinen Sie also Indien?
Ja! Dort schlägt mein Herz. Dort bin ich zuhause.

 «Es ist wunderbar, praktisch nichts mehr zu besitzen.»

Sie leben seit fünf Jahren in Indien und in Nepal, um für Ihre Hilfsprojekte zu arbeiten. Wie leben Sie dort?
Ich habe keine eigene Wohnung. In Indien lebe ich mit den Leuten zusammen, die für unseren Verein tätig sind. Ein Schweizer Team habe ich dort nicht. Ich arbeite nur mit Einheimischen zusammen und bei ihnen lebe ich auch. Manchmal habe ich einfach eine Matratze mit Moskitonetz in einer Zweizimmerwohnung, die von etwa acht Menschen bewohnt wird. Das sind sehr einfache Verhältnisse. In Nepal habe ich seit zwei Jahren ein kleines Bambushaus für mich. Aber das ist mir nicht wichtig. Ich brauche keine eigene Wohnung. Und überhaupt besitze ich kaum noch etwas. Fünf oder sechs Schachteln sind hier bei meiner Schwester eingelagert. Das ist alles. Und ich habe immer noch den Drang, diese auszumisten und zu reduzieren. Es ist wunderbar, praktisch nichts mehr zu besitzen.

«Ich vermisse das Gefühl, mal wieder richtig sauber zu sein. Sonst nichts.»

Fühlen Sie sich nicht rastlos oder entwurzelt so ganz ohne ein eigenes Zuhause?
Doch, rastlos bin ich manchmal. Aber das hat nicht mit meinem Wohnsitz oder meinen Sachen zu tun. Viel mehr sehe ich überall Arbeit, oft habe ich das Gefühl, dass wir uns noch mehr einsetzen könnten. Ein Gefühl von Zuhause oder Ankommen habe ich, wenn ich meine Freunde umarme – in der Schweiz, in Indien oder in Nepal. Mein indischer Ehemann ist auch ein sicherer Hafen für mich, auch wenn wir nicht zusammenwohnen. Er lebt mit seiner Grossfamilie und ich für meine Projekte. Es sind die Menschen, die mir ein Heimatgefühl geben.

Sie haben ein sicheres und komfortables Leben aufgegeben, um sich täglich Armut und Elend auzusetzen. Warum?
Mein Herz sagt mir, dass das der richtige Weg ist. Mein Herz spricht einfach so laut, das ist manchmal richtig beängstigend und mein Verstand ist damit oft etwas überfordert. Es geht mir nicht um Religion oder Politik. Solange Menschen leiden, werde ich nicht ruhig sitzen bleiben. Das ist mein Weg. Ich bin dort angekommen, wo ich immer hin wollte.

Was vermissen Sie?
Eine Badewanne und Paprikachips (lacht). Das Gefühl, mal wieder richtig sauber zu sein. Sonst nichts.

Sie sagen das so leicht. Ist Ihnen der Abschied von hier gar nicht schwer gefallen?
Doch, natürlich! Ich hatte Ängste, davor, dass ich keinen Lohn mehr habe, vor Gewalt und schlimmen Erlebnissen. Es gab viele Tränen. Aber ich habe meinen Weg gesehen und die Herausforderung, diesen zu gehen. Meine Arbeit gibt mir so viel, das möchte ich nicht missen. Ich möchte damit nicht mehr aufhören. Nie. Ich denke nicht an eine Rückkehr und auch nicht an den Tag, an dem ich mal pensioniert werden könnte. Das kommt in meiner Vorstellung vom Leben gar nicht vor.

Andrea Rubin hat viel Schreckliches zu berichten. Von indischen Männern, die ihre Frauen fast totschlagen, weil es zum normalen Umgang in einer Ehe gehört. Von alkoholisierten Eltern in Nepal, die ihre Kleinkinder auf offener Strasse blutig prügeln und alle Passanten lachen. Von einem Baby, das fast verhungert, weil seine Mutter entschieden hat, das wenige Essen nur noch den älteren Söhnen zu geben. Von einer Frau, die unter den Zug kam und dabei beide Beine und einen Arm verlor. Das Spital schickte sie ohne Behandlung nach Hause. Rubin weiss, dass in diesen Gegenden der Welt Kinder entführt und als Sklaven oder Prostituierte verkauft werden. Und dennoch ist ihr das Lachen nicht vergangen. Es breitet sich über ihr ganzes Gesicht aus, strahlt Freude und Wärme aus, wenn sie davon spricht, was sie mit all den Menschen zusammen verbessern konnte.

Wie halten Sie all diese schlimmen Erlebnisse aus?
Das alles geht natürlich nicht einfach an mir vorbei. Wenn ich vor Ort bin, rufe ich oft Familie oder Freunde aus der Schweiz an, um Erlebtes zu verarbeiten. Mittlerweile auch Freunde aus Indien oder Nepal. Diese Unterstützung ist für mich nicht wegzudenken. Auch hab ich keine Berührungsängste therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn mich ein Erlebnis zu sehr belastet. Wille und Kraft weiterzumachen, gibt mir die Tatsache, dass ich etwas verändern kann. Wir haben in den Dörfern, in denen wir arbeiten schon so viel bewirkt. Es braucht zwar Geduld und viele Gespräche. Alles dauert. Am einfachsten arbeiten wir mit Kindern, dann mit Frauen und dann mit den Männern. Aber ich erfahre einen grossen Respekt von den Menschen. An unseren Projektorten hatte ich noch nie ein schlechtes Erlebnis, das sich gegen meine Person richtete, auch wenn ich zu Beginn manchmal Angst hatte.

«Helden fallen nicht vom Himmel, sie müssen meistens erst unten durch und etwas riskieren.»

Auch nicht mit den gewalttätigen Leuten?
Nein. Anfangs dachte ich manchmal, die Männer müssten Monster sein, wenn ich sah, wie sie ihre Frauen behandelten. Aber es sind oft nur Menschen, die es nicht anders gelernt haben. Manche von ihnen weinen, wenn wir über ihr Verhalten sprechen. Mit unserem Projekt zur gewaltfreien Kommunikation haben wir es geschafft, dass in den Dörfern, in denen wir tätig sind, keine Frauen mehr geschlagen werden. Die ganze Gemeinschaft hat sich verändert. Auch in Nepal, wo praktisch ein ganzes Dorf dem Alkohol verfallen war, haben wir zusammen mit der dortigen Jugendgruppe erreicht, dass selbstgebrannter Alkohol verboten wurde. Die Regierung hat nun bei uns angefragt, wie wir das geschafft haben.

Und? Wie haben Sie das geschafft?
Die Jugendgruppe hat uns um Hilfe gebeten. Sie wollten gegen den Alkohol vorgehen, hatten aber keine Ahnung, wie sie sich organisieren sollen. Zuerst haben wir mal daran gearbeitet, wie man Sitzungen abhält, Entscheidungen fällt und sich Ziele setzt. Dann haben wir diese Schritt für Schritt umgesetzt. Wir haben den Jugendlichen auch aufgezeigt, dass Helden nicht vom Himmel fallen. Sie müssen meistens erst unten durch und etwas riskieren, bevor sie zu Helden werden.

Erstellt: 02.08.2019, 11:27 Uhr

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Hope is life

Die Arbeit von Hope is life für Kinder und gegen Gewalt

Gewaltfreie Kommunikation, Gleichbehandlung der Geschlechter sowie Bildung und den Schutz von Frauen und Kindern – dafür setzt sich Andrea Rubin aus Dinhard in Indien und Nepal ein. 2013 gründete sie in der Schweiz den Verein Hope is life. Er ist politisch und konfessionell neutral. 2014 kam die Stiftung Hope ist life India dazu, die Rubin vor Ort ins Leben rief. Nach den Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 leistete sie dort Traumaarbeit und entschied sich mit ihrem Verein langfristig aktiv zu werden. Sie arbeitet mit einheimischen Hilfsorganisationen zusammen und unterstützt Initiativen aus der Dorfbevölkerung. In beiden Ländern hat sie Tageszentren für Kinder eingerichtet, von denen zwei von der Primarschule Hettlingen finanziert wurden. In den Zentren erhalten Kinder Bildung, gutes Essen, Hilfe bei Problemen zu Hause und Schutz vor Gewalt und Entführung. Der Verein finanziert sich durch Spenden und Projektpatenschaften.

Mehr Infos: www.hope-is-life.ch. (rut)

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