Kollbrunn

«Musik geht weit über den Gehörsinn hinaus»

«Musik kann, wenn sie gut gemacht ist, zum Nachdenken anregen», sagt der Organist Alexander Seidel. Er spielt in Kollbrunn ein «spirituelles Orgelkonzert» und verspricht überraschende Orgelmusik abseits von der Beerdigungsschwermut.

«Jedes Orgelkonzert ist eine spirituelle Erfahrung», sagt der Organist Alexander Seidel. Foto: PD

«Jedes Orgelkonzert ist eine spirituelle Erfahrung», sagt der Organist Alexander Seidel. Foto: PD

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Was ist ein spirituelles Orgelkonzert?
Was bedeutet Spiritualität für Sie?
Ein guter Musiker muss spirituell sein – er muss seine Sinne schärfen und offen sein für Eindrücke aller Art. Musik spricht zu uns und ist häufig eine sehr sinnliche Erfahrung. Sie geht weit über den Gehörsinn hinaus. Nicht umsonst sagt man, Musik könne einem unter die Haut gehen.

Wie drückt sich das in Ihrer Musik aus?
Als Spezialist für Barockmusik spricht mich das Improvisatorische dieser Musik sehr an. Ich bin als Musiker gefordert, ein Stück mitzukomponieren, frei mit der Partitur umzugehen. Die Komposition verlangt das. Ich werde als Musiker angeregt, erlebe überraschende Momente, kann die Musik individuell mitgestalten – eine sehr sinnliche Aufgabe.

«Eigentlich ist jedes Orgelkonzert eine spirituelle Erfahrung.» 

Am Samstag werden Sie Stücke von vier Komponisten spielen. Welche Rolle spielte die Spiritualität im Schaffen von Händel, Bach, Bruhns und Caldara?
Die vier Künstler hatten je einen anderen Zugang zur Spiritualität. Caldara zum Beispiel unterlag vielleicht am meisten der Erwartungshaltung seines Auftraggebers, der Kirche. Seine Musik nimmt die gängigen Konventionen auf, ist vielleicht etwas brav. Dem liegt Bruhns gegenüber, dessen Musik etwas sehr Geniales, Augenblickliches hat. Er ist früh gestorben, bevor er eine Chance hatte, eine gesetzte Souveränität zu erlangen. Das unterscheidet ihn wiederum von Händel. Diese Unmittelbarkeit ging bei Händel mit den Jahren verloren, man spürt weniger Lust am Experimentieren. Was nicht heisst, dass Händels Musik nicht dennoch sehr gut gemacht, sehr festlich ist.

Und wo steht Bach in diesem spirituellen Quartett?
Bach war sehr gläubig, er war wohl der reformierteste Lutheraner. Er funktioniert als Komponist stark über den Verstand. Seine Genialität liegt darin, dass er eine sehr grosse Imaginationskraft beim Lesen von Texten hatte. Er komponierte äusserst intellektuell, aber dennoch erstaunlich emotional. Er kalkulierte genau, wie emotional Musik sein darf, um nicht in den Kitsch hineinzugeraten.

Das Thema des Konzerts ist das Nachdenken. Wie schafft Musik Raum zum Nachdenken?
Es braucht, so glaube ich, zwei Bedingungen, damit dies geschehen kann. Erstens muss der Musiker sein Handwerk beherrschen. Ich kann meine Gedanken nicht fliessen lassen, wenn ich ständig von Fehlern in der Musik irritiert werde. Und zweitens glaube ich, dass das Nachdenken dann anfangen kann, wenn der Musiker die Musik so präsentiert, dass man merkt: Er hat sie verstanden. Wenn er sie individuell, durchdacht und mit einem neuen Ansatz aufführt. Wie wenn jemand bei einem Vortrag eine neue, überraschende These vorbringt. Dann beginnt man nachzudenken.

Ist das Konzert auch etwas für Menschen, die sich für wenig spirituell oder religiös halten?
Das ist, wenn ich mich richtig erinnere, eine Wortschöpfung des Pfarrers. Es geht darum, dass es nicht einfach nur ein Konzert ist, sondern auch noch Texte gelesen werden. Aber eigentlich ist ja jedes Orgelkonzert eine spirituelle Erfahrung. Man sieht ja weder den Musiker noch die Orgel und kann und muss sich während der Konzertdauer ganz dem Klang hingeben.

Unbedingt. Man kann die Kirche an diesem Samstag auch einfach als Kulturraum für sich nutzen, einfach Orgelmusik hören. Diese ist an diesem Abend zudem wohl interessanter als bei vielen Gottesdiensten, wo lediglich zwei, drei Lieder begleitet werden, oder bei den Beerdigungen, wo Orgelmusik einen schwermütigen, traurigen Beiklang hat. Am Samstag kann ich eine andere Orgelmusik präsentieren: temporeich und überraschender, als es wohl viele vermuten.

Spirituelles Orgelkonzert mit Stücken von Bach, Händel, Caldara und Bruhns und Lesung. Orgel: Alexander Seidel. Samstag, 16. März,18.30 Uhr, kath. Kirche St. Antonius, Kollbrunn. (Der Landbote)

Erstellt: 14.03.2019, 17:27 Uhr

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