Neftenbach

«Wir können gemeinsam verschieden sein»

Vier Kirchgemeinden feierten am Sonntag gemeinsam «500 Jahre Reformation». Dass eine der Gemeinden katholisch ist, sei kein Widerspruch, finden die Pfarrer.

Die Kinder haben an einem speziellen Kinderprogramm teilgenommen und unter anderem Drachen gebastelt.

Die Kinder haben an einem speziellen Kinderprogramm teilgenommen und unter anderem Drachen gebastelt. Bild: Nathalie Guinand

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«Benignus mein Freund, ich dachte schon, du hättest verschlafen», sagt der Neftenbacher Pfarrer Andreas Goerlich neckisch zu seinem Pfarrkollegen der katholischen Kirche Pfungen. Bevor der ökumenische Gottesdienst in der Mehrzweckhalle des Schulhaus Auenrain in Neftenbach losgeht, haben die beiden Männer noch Zeit, sich kurz auszutauschen.

«Das wird heute eine grosse Sache», sagt Goerlich und richtet die weissen Beffchen, das weisse Leinenstück, seines schwarzen Talars. Über ein Jahr haben die vier Kirchgemeinden Anlässe zum Thema Reformation veranstaltet und so das 500-Jahr-Jubiläum der Kirchenspaltung gefeiert. «Es geht aber heute nicht darum, zu zeigen, was uns trennt, sondern wo unsere Gemeinsamkeiten liegen», sagt Benignus Ogbunanwata.

Durchschnittlich 40 Leute

Die reformierten Kirchen aus Dättlikon, Pfungen und Neftenbach sowie die katholische Kirche Pfungen haben sich für dieses Projekt zusammengetan. «Es haben jeweils um die 40 Personen an den Veranstaltungen teilgenommen», sagt Goerlich. Besonders gut in Erinnerung sei ihm der Besuch der griechisch-orthodoxen Kirche in Zürich geblieben. «Da haben wir einen Bus für 70 Personen gefüllt.»

Mit dem Ausflug nach Zürich wollten die Pfarrerinnen und Pfarrer darauf aufmerksam machen, dass es schon vor der Reformation Spaltungen innerhalb des christlichen Glaubens gab. «Was uns trennt, ist auch eine Realität», sagt Ogbunanwata. Es gehe nicht darum, von heute an alles gemeinsam zu machen. «Die Möglichkeit zu haben, etwas gemeinsam zu tun, reicht schon.» Er hoffe sehr, dass dieses ökumenische Projekt nicht das letzte gewesen sei.

Selbst komponiert

Unter dem Motto «Gemeinsame Schätze im Himmel» halten die insgesamt fünf Pfarrpersonen den Gottesdienst. Dieser wird musikalisch umrahmt. Zum ersten Mal treten die beiden Musikvereine aus Neftenbach und Pfungen gemeinsam auf. Auch der Pfungemer Ad-Hoc-Chor, der Kirchenchor Dättlikon und der Singkreis Pfungen stehen zum ersten Mal zusammen auf der Bühne. «Sogar die Dirigenten haben sie für die Proben ausgetauscht», sagt Pfarrer Goerlich. Normalerweise herrsche eher Konkurrenz unter den Vereinen. «Mit diesem Projekt haben wir alle etwas näher zusammengebracht.»

Die vorgetragenen Lieder sind mit einer Ausnahme allesamt Eigenproduktionen, die extra für diesen Gottesdienst geschrieben wurden. Sie handeln vom Zusammenstehen und Glauben, von Liebe, Vertrauen und Zukunft. «Alle diese Punkte sind Schätze, die wir pflegen sollten», sagt der Pfungemer Pfarrer Johannes Keller. Im Verlauf des Gottesdiensts behandelt jeweils eine Pfarrerin oder ein Pfarrer einen der Begriffe und legt dazu symbolisch einen farbigen Ball in eine Schatzkiste. Am Ende bleibt noch wenig Platz in der Kiste, ein Begriff wurde noch nicht genannt.

Diesen letzten farbigen Ball bringen die Kinder, welche am Kinderprogramm teilgenommen haben, auf die Bühne. Mit einer grossen selbst gebastelten Karte gingen sie auf Schatzsuche und haben dabei einen grünen Ball mit der Aufschrift «Zukunft» gefunden. Singend kommen die gut 20 Kinder nach ihrer Entdeckungstour zurück in den Saal. Neben dem Ball haben sie wohl auch Bastelmaterial für Drachen gefunden, die sie bunt verziert mittragen. «Es sind die Kinder, die Zukunft haben und unsere Zukunft sind», sagt Pfarrer Keller.

Gemeinsamkeiten betont

Noch einmal unterstreichen die Pfarrerinnen und Pfarrer, dass es bei der Feier zur Reformation um die Gemeinsamkeiten geht, die das Christentum in sich verbindet: «Wir können gemeinsam verschieden sein.»

Dass der Gottesdienst auf den diesjährigen Bettag gefallen ist, ist wohl ein glücklicher Zufall. Denn bereits am 17. September 1797 wurde in der Schweiz zum ersten Mal ein gemeinsamer Bettag der katholischen und reformierten Kirche gefeiert, der seit dem Folgejahr staatlich angeordnet ist. Ob sich allerdings schon damals Katholiken und Reformierte in einer Kirche getroffen haben, bleibt offen.

Erstellt: 15.09.2019, 16:58 Uhr

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