Aadorf

«Wir sind ein Geschäft wie jedes andere»

Die Raiffeisenbank Aadorf feiert ihr 100-jähriges Bestehen und ist erfolgreich wie nie. Direktor Peter Bühler prägt die Bank seit über 20 Jahren. Im Interview spricht er über Jeans in der Kirche und Abzocker in der Bankenwelt.

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Peter Bühler, Sie gelten vielerorts als lustigster Bankdirektor der Region und wurden von Regierungsrätin Carmen Haag in einer Rede schon als «quirlig» bezeichnet.
Peter Bühler (lacht): Ja, das ist für mich ein Kompliment. Ich schätze Zitate, weil sie oft viel Wahres enthalten und erzähle auch gern den einen oder anderen Witz. Dass ich so auftreten kann, empfinde ich als Privileg, das ich mir im Laufe der Jahre erarbeitet habe.

Inwiefern erarbeitet?
Ich gehe beispielsweise ab und an sonntags in die Messe, ganz leger in Jeans und T-Shirt. Da wurde mir von älteren Personen anfangs auch schon gesagt, dass es sich für einen Bankdirektor doch nicht gehöre, so den Gottesdienst zu besuchen. Ich habe ihnen dann geantwortet, dass der Herr im Himmel mich nicht nach meinen Kleidern beurteilen würde, sondern nach meinem Herzen, was sie zum verstummen brachte. Eine solche Freiheit muss man sich manchmal erstreiten. Ich möchte mit meinem Humor und meinem Auftreten das Mystische des Bankgeschäfts durchbrechen. Wir sind ein Geschäft wie jedes andere auch, unser Produkt ist einfach Geld.

Seit 22 Jahren leiten Sie die Raiffeisenbank Aadorf. Was hat Sie ins Bankengeschäft gezogen?
Eigentlich hatte ich den Banken und Versicherungen nach einer Banklehre und dem Wirtschaftsstudium abgeschworen. Ich erlebte damals bei der Schweizerischen Bankgesellschaft in Winterthur die erste Generation der angelsächsischen Banker. Und mit deren Kultur konnte ich nichts anfangen. Für mich muss immer auch die Ethik stimmen und nicht nur das Gehalt. Zudem war ich unternehmerisch interessiert. Ich wollte ein eigenes Geschäft. Im Bankenbereich kann man das nur bei der Raiffeisen erreichen, bei der die einzelnen Banken unabhängig wirtschaften. Als ich in Aadorf angefangen habe, gab ich mir für den Anfang mal fünf Jahre in diesem Job.

Warum sind Sie so lange geblieben?
Es ist einfach immer etwas Spannendes passiert. Wir haben die Filialen in Elgg und dann in Wiesendangen gebaut. Ich begann mit vier Mitarbeitenden und habe heute 34. Die Bilanzsumme lag bei 92 Millionen Franken, heute haben wir 892 Millionen Franken. Und trotz des Wachstums konnten wir unsere Werte beibehalten. Irgendwann habe ich dann realisiert, dass ich erst der vierte Bankleiter in der Geschichte bin. Mit einem Stirnrunzeln habe ich mich gefragt, ob ich ein Sesselkleber bin.

Und? Sind Sie ein Sesselkleber?
Das müssten Sie natürlich andere fragen. Aber ich glaube nicht. Ich bin noch voller Elan und leite die Bank mit viel Dynamik. Aber manchmal frage ich mich schon, ob ich den Job noch weitere zehn Jahre machen möchte.

Was lässt Sie zweifeln?
Die Regulatorien werden immer verrückter und dabei sind wir kein Player in dem gleichen Spiel, das die Grossbanken treiben. Diese sind unverbesserlich und ihre Machenschaften gehen weiter. Wir mussten als Folge zum Beispiel alle Kunden, die ein Depot bei uns haben, anfragen, ob sie Amerikaner sind. Denn wir dürfen keine Amerikaner mehr zu unseren Kunden zählen. Ein Landwirt hat mich angerufen und gefragt, ob ich spinne, dass ich ihm solche Briefe schreibe und wie ich nur auf die Idee komme, er könne Amerikaner sein. Für uns ist das schwer erklärbar. Denn wir sind eine Genossenschaftsbank für die Menschen, die in unserem Gebiet leben und arbeiten. Wir machen keine spekulativen Auslandsgeschäfte, müssen aber die selben Regeln einhalten, wie die Grossbanken. Da frage ich mich, ob das auf die Dauer noch mein Beruf sein kann.

Aber gehört die Raiffeisenbank bei dem rasanten Wachstum nicht auch bald zu den «Grossen»?
Als die Finanzmarktaufsicht die Raiffeisengruppe als ‘too big to fail’ bezeichnete, war ich mächtig stolz. Wir sind die drittgrösste Bank der Schweiz. Aber unseren Prinzipien und unseren Werten sind wir dennoch treu geblieben. Manche Kunden sagen uns schon, dass wir langsam «wie die Grossen» sind. Natürlich ist es mit den heutigen Gesetzen auch bei uns aufwendiger, einen Kredit zu bekommen. Früher reichten ein Gespräch und eine Unterschrift. Das dürfen wir heute gar nicht mehr. Aber es ist bei uns immer noch anders als bei einer Grossbank.

In der Finanzkrise haben viele Bankkunden das Vertrauen in die Grossbanken verloren. Die Raiffeisen- und andere Regionalbanken haben dazugewonnen. Profitieren Sie noch immer von diesem Zulauf?
Wir haben ganz klar davon profitiert und viele neue Kunden gewonnen. Aber man muss diese auch halten können. Unsere Wachstumszahlen sehen nur so aus, weil wir kaum Kunden verlieren. Todesfälle sind dabei der häufigste Grund.

Die Filialen Ihrer Bank wurden mehrmals Opfer von Bankräubern. Sie stellten damals auch Forderungen an die Politik, um Opfer besser zu schützen. Warum exponieren Sie sich so?
Wir fühlten uns damals ohnmächtig, was sehr frustrierend war. Wir hatten das Gefühl, dass die Täter alle Rechte haben, die Opfer jedoch keine. Ich finde noch immer, dass sich da etwas ändern müsste und ich werde nicht müde, meine Forderungen zu wiederholen. Ich bin ein politischer Mensch. Auch bei der Abzockerinitiative habe ich mich für ein Ja engagiert. Damit habe ich mir in meiner Branche keine Freunde gemacht.

Aber Sie gehören ja auch zur Branche.
Natürlich. Und ich beziehe ein gutes Gehalt. Aber ich stelle mir immer die Frage, ob ich rot werden müsste, wenn es öffentlich würde. Und das müsste ich nicht. In der Finanzbranche ist das Lohngefüge vielerorts völlig aus dem Ruder gelaufen. Das zerstört die Solidarität in unserer Gesellschaft und muss aufhören. Kein normaler Arbeiter kann das noch verstehen. Darum habe ich mich auch nicht gescheut, den Chef von Raiffeisen Schweiz zu kritisieren und mich für die Abzockerinitiative stark zu machen. Dafür galt ich dann als Nestbeschmutzer, aber damit kann ich leben.

Was ist heute Ihr Zitat des Tages?
(holt einen Kalender von seinem Pult) ‘Was vermag uns zu trösten in den menschlichen Beziehungen voller Fehler und Mühsal ausser Treue und gegenseitige Zuneigung unter wirklich guten Freunden?’ Ein schönes Zitat von Augustinus – und es passt.

Erstellt: 08.04.2015, 18:11 Uhr

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Ein Blick in die Chronik

100 Jahre Raiffeisenbank Aadorf

Im Restaurant Falken wurde die heutige Raiffeisenbank ­Aadorf im Jahr 1915 als «Darlehenskassenverein der Munizipalgemeinde Aadorf» gegründet. 1919 trat sie dem Thurgauer Verband der (Raiffeisen-)Darlehenskassen bei. Nach 25 Jahren hatte sie eine Darlehens­summe von 1,9 Millionen Franken. Ihr «Kassengebäude» an der Châtel- strasse 21 bezog sie 1964. Zehn Jahre später wird die Darlehenskasse zur Raiffeisenbank. Im Jahr 1995 übernimmt die Bank die Raiffeisenbank Schlatt-Elgg
und baut ihren heutigen Standort in Aadorf.

2005 hat die Genossenschaft 5000 Mitglieder. 2009 kommt die Geschäftsstelle in Wiesendangen hinzu. Heute hat die Raiffeisenbank Aadorf rund 8500 Genossenschafter und wird voraussichtlich in den nächsten zwei Jahren die Milliardengrenze in der Bilanz­summe erreichen. Ihren 100. Geburtstag feiert die Bank mit verschiedenen Anlässen rund ums Jahr.

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