Ellikon an der Thur

Zusammen bauen sie ihr Gemüse an

Die Vertragslandwirtschaft ist ein Gegenmodell zum konventionellen Lebensmittelgeschäft. Ein Besuch in den Gärten der Genossenschaft Gmüesabo in Ellikon an der Thur.

Genossenschafter Raphael Hagmann nimmt seine Tochter Malea einfach mit zur Gartenarbeit in Ellikon.

Genossenschafter Raphael Hagmann nimmt seine Tochter Malea einfach mit zur Gartenarbeit in Ellikon. Bild: Heinz Diener

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Klimawandel, Pestizidrückstände im Trinkwasser und die Verschwendung von Lebensmitteln: Auf allen Ebenen wird die heutige Herstellung von Lebensmitteln hinterfragt. Anhänger der solidarischen Landwirtschaft tun dies schon länger.

Eine davon ist die Genossenschaft gmüesabo mit Sitz in Winterthur, die 2014 gegründet wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt baute sie schon seit 2009 in Thalheim an der Thur unter dem Dach des Holzlabors Gemüse für zeitweise 130 Abonnenten an.

Seit Januar 2018 wachsen Tomaten, Kohl und Co. in Ellikon an der Thur. Dort hatte die Forel Klinik ihre eigene Gärtnerei aufgegeben, welche die Genossenschaft wieder belebt hat. Ein Blick auf das alternative Modell:

  • Die Idee

Gmüesabo hat sich ganz der Vertragslandwirtschaft verschrieben. Sie produziert direkt für die Konsumentinnen und Konsumenten ohne Zwischenhandel,biologisch und kleinräumig. Drei Abo-Grössen stehen zur Auswahl. Die Abonnenten holen wöchentlich in verschiedenen Depots ab, was die Felder hergeben, 46 Mal pro Jahr. Ihr Gemüseabo zahlen sie Anfang Jahr als Gesamtbetrag. So hat die Genossenschaft Planungssicherheit und garantierte Abnehmer. Die derzeit rund 125 Abonnenten sind in der Regel Genossenschafter, die Anteilsscheine gekauft haben. Jeder sollte zwölf Stunden pro Jahr Arbeit leisten, auf dem Feld, bei der Administration oder in der Logistik. Wer diese Stunden nicht arbeitet, bekommt eine Rechnung. «Aber eigentlich ist schon gedacht, dass man mitarbeitet», sagt Gärtnerin Livia Baumgartner. Das helfe der Genossenschaft und schaffe eine Verbindung zum Produkt. «Wir rechnen da aber auch die Stunden aller Familienmitglieder an.» Und an mehreren Aktionstagen pro Jahr sei die Stimmung und meist auch die Arbeit recht locker.

  • Der Genossenschafter

An diesem Herbstmorgen in Ellikon hacken Raphael Hagmann und seine Tochter Malea (3) in Regenkleidern in der nassen Erde. «Wir jäten und machen damit Platz für den Spätfenchel», sagt er, ein Arbeitseinsatz für die Genossenschaft. Seit zehn Jahren ist er Abonnent beim Gmüesabo. Er finde es aufregend, dass er auch mal neue Gemüsesorten im Korb finde, die er vielleicht sonst nie gekauft hätte. Zudem passe das Modell zu seiner politischen Haltung. «Das wirtschaftliche System dahinter interessiert mich, der Landwirt trägt das Risiko nicht allein, das gefällt mir.» Er lebt in Winterthur und arbeitet gerne auf dem Feld, auch mit der Tochter. «Bisher wurden wir noch nicht als zu ineffizient ausgemustert», sagt er und lacht.

  • Das Gartenteam

Livia Baumgartner und Daniel Debrunner sind fest angestellt und kümmern sich als Profis um den Gemüseanbau. Sie gehören zur fünfköpfigen Betriebsgruppe, die alles organisiert. «Wir entscheiden, was wir anbauen», sagt Baumgartner. Zwar macht sie gelegentlich Umfragen, welches Gemüse die Abonnenten gerne auf dem Teller hätten. «Aber wir schauen auch, dass es am Ende nicht nur Broccoli und Kopfsalat gibt.» Wer etwas wirklich nicht mag, der kann von einem Tauschkorb im Depot Gebrauch machen. Alles wird biologisch angebaut. «Wir arbeiten mit Nützlingen und Pflanzenpräparaten, um zum Beispiel Pilzerkrankungen vorzubeugen», sagt Baumgartner. Zudem gebe es keine Monokulturen und auch seltene und alte Sorten würden gepflanzt.

Das Gartenteam bewirtschaftet die Felder professionell: Thomas Frei, Daniel Debrunner und Livia Baumgartner (von links).

  • Der Landwirt

Unterstützung erhält die Genossenschaft auch aus der Nachbarschaft. Landwirt Thomas Frei bewirtschaftet den Hof neben der Gärtnerei und ist auch Mitglied der Betriebsgruppe. Er hält Milchkühe für die Bio-Käse-Produktion. Für die Genossenschaft sind seine Maschinen im Einsatz, zum Beispiel beim Kartoffelanbau. Seine Hühner legen Eier für das Eierabo, das als Zusatz gelöst werden kann. Und in seinem Hofladen verkauft er Gemüse, wenn von einer Sorte mal sehr grosse Mengen anfallen. «Aber eigentlich produzieren wir keine Überschüsse», sagt Frei. Alles komme in die Körbe, in denen immer mindestens fünf Sorten liegen – auch nicht so Perfektes. Grosse Mengen Tomaten wurden zum Beispiel auch schon zu Sugo verkocht oder Bohnen gedörrt. Für die Winterkörbe. «Ideen hätten wir viele», sagt Livia Baumgartner und lacht. Denn ganz konventionell sind die Einschränkungen auch für eine Genossenschaft: Personal, Zeit und Geld.

Alles Gemüse landet in den Körben. Foto: Heinz Diener

Im Rahmen der Erläbniswuche der Aktion«Stadtgmües» (Winterthur) öffnet die Gärtnerei von gmüesabo am Samstag, 26. Oktober von 13.30 bis 16 Uhr ihre Türen. Weitere Infos unter www.gmüesabo.ch oder www.stadtgmües.ch.

Erstellt: 11.10.2019, 16:28 Uhr

Kein reger Zulauf zu Genossenschaften

Obwohl sich derzeit viele Menschen mit dem Thema Nahrung und Umwelt befassen, verzeichnet die Genossenschaft Gmüesabo als Alternative keinen regen Zulauf. «Wir haben aber auch kaum Werbung gemacht», sagt Livia Baumgartner.

Auch die Winterthurer Genossenschaft StadtLandNetz stellt keine erhöhte Nachfrage fest. Sie existiert seit fast zehn Jahren und hat derzeit 25 Abonnenten. «Unsere Infrastruktur im Depot käme jedoch schnell an ihre Grenzen, wenn wir stark ausbauen würden», sagt Aktuar Dennis Waech.

Anders als Gmüesabo bezieht StadtLandNetz das Bio-Gemüse nach Demeter-Standard bei einem Landwirt und baut nichts selbst an. Mitarbeit ist keine Pflicht.

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