Islikon

Das Ende der «Pflästerlipolitik»

Der Greuterhof in Islikon soll im nächsten Jahr für rund 2,6 Millionen Franken saniert werden

So soll das Foyer des Greuterhof-Gevierts mit der Kaffeebar ab nächstem Spätsommer aussehen.Visualisierung: Innoraum AG

So soll das Foyer des Greuterhof-Gevierts mit der Kaffeebar ab nächstem Spätsommer aussehen.Visualisierung: Innoraum AG

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Nach vielen Jahren ist es nun konkret: Von April bis September 2020 soll das historische, im Viereck mit einem Innenhof angelegte Greuterhof-Geviert in Islikon (siehe Box) saniert werden. Dies schreibt die Stiftung Greuterhof in einer Medienmitteilung. Es ist die erste umfassende Sanierung des Gebäudes und Teil eines Masterplans, der weitere Reparaturen bis 2030 vorsieht.

Eine der ersten Fabriken der Schweiz
1777 gründete der Textilfärber und -drucker Bernhard Greuter (1745–1822) an der Landstrasse in Islikon erfolgreich eine der ersten Fabriken der Schweiz. Die Baumwollkrise durch den Amerikanischen Bürgerkrieg, das Aufkommen von chemischen Farben und die englische Massenproduktion führten 1880 jedoch zur Aufgabe des Unternehmens. Das Gebäude wurde danach auf verschiedene Arten genutzt, zuletzt als Unterkunft für Gastarbeiter. Bis 1978 der Unternehmer Hans Jossi denGreuterhofin desolatem Zustand übernahm und ihn vor dem Abriss rettete. 1981 gründete er eine Stiftung zum Erhalt des Greuterhofs.(gab)

In der nun geplanten ersten Etappe ist nebst der dringenden Sanierung des teils undichten Dachs und der Fassade an der Hauptstrasse auch der Einbau von neuen Nasszellen vorgesehen. Gleich daneben soll zudem erstmals ein Lift eingebaut werden, der bis ins Telefonmuseum führen soll. «So stellen wir den behindertengerechten Zugang zu den denkmalgeschützten Räumen sicher, und der Lift trägt zum Werterhalt der Liegenschaft bei», heisst es in der Mitteilung.

Der Jossi-Saal, benannt nach dem 2004 verstorbenen Stiftungsgründer und Unternehmer Hans Jossi, soll vergrössert werden. Aus dem heutigen Foyer soll eine Kaffeebar entstehen. Diese würde, wie es der Grossteil des Areals bereits ist, von der Greuterhof AG gepachtet. «Jugendliche mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf» könnten sich dort zu Baristas, also Kaffeeexperten, entwickeln, schreibt die Stiftung in der Mitteilung.

Diese hat das Baugesuch letzte Woche bei der Gemeinde Gachnang eingereicht, wie Präsident Andreas Jäger sagt. Voraussichtlich in den nächsten Wochen wird es öffentlich aufgelegt werden.

Von 1,3 auf 2,6 Millionen

Dass das Geviert des Greuterhofs dringend saniert werden muss, hat die Stiftung in den letzten Jahren immer wieder betont. 2016 war die Rede von 1,33 Millionen Franken, die dafür nötig seien. Rund ein Jahr später lag der Betrag bei 1,7 Millionen, nun soll die Sanierung also rund 2,6 Millionen Franken kosten. «Das ist sehr positiv, weil wir mehr finanzieren konnten und dadurch auch mehr sanieren können», sagt Präsident Jäger. In den Jahren zuvor habe man einfach «dringend, dringend» das Dach sanieren und die Fassade verschönern wollen. «Wir wollten damals eine Luxusvariante, einen Ferrari von einem Dach, bauen lassen», sagt Jäger. In den letzten Jahren hat die Stiftung immer wieder kleine Reparaturen am Dach vorgenommen. «Pflästerlipolitik», wie Jäger sagt.

«Erst waren wir traurig darüber,
im Nachhinein war es aber  ein Glücksfall.»
Andreas Jäger, Präsident Stiftung Greuterhof

Das nun geplante Projekt ist von einer reinen Dach- und Fassadensanierung weggekommen. Auch, weil man enger mit der Denkmalpflege zusammenarbeitete. So sass der Chef der Denkmalpflege, Ruedi Elser, seit 2017 in der Restaurierungskommission des Greuterhofs. «Er hat uns sehr wertvolle Tipps gegeben», sagt Jäger. Etwa, dass bei einem solchen Gebäude zuerst die Infrastruktur aufgewertet werden solle. Deshalb habe man nun auf das «Ferraridach» verzichtet, um stattdessen Geld für Infrastruktur wie Nasszellen oder einen Lift zu haben.

Sanierung einst verschoben

Eigentlich wollte die Stiftung bereits im Sommer 2018 sanieren. Aber Renato Blättler von der Greuterhof AG, der Pächterin des Greuterhof-Hotels, legte sein Veto gegen den Zeitpunkt der Sanierung ein: Er befürchtete, die kurzzeitige Schliessung während der Bauzeit würde die Kunden des erst 2015 eröffneten Hotels vergraulen.

«Erst waren wir traurig darüber, im Nachhinein war es aber ein Glücksfall», sagt Jäger heute. Denn durch die Verzögerung habe man das Projekt noch einmal komplett überarbeitet: «Wir hatten mehr Zeit und haben ein Nutzungskonzept und darauf einen Masterplan bis 2030, quasi eine Vision, erarbeitet», sagt Jäger.

In einer möglichen zweiten Etappe würde die Nordseite des Gevierts erneuert. Dort bräuchte es wiederum einen Lift. «Weil die Niveauhöhe der Stockwerke im Geviert variiert, ist man mit nur einem Lift nicht überall behindertengerecht.» Denn das Geviert ist nicht in einem Stück, sondern durch Anbauten im Laufe der Zeit entstanden. Wenn man den Masterplan 2030 komplett umsetzen würde, kämen erneut Kosten in der Höhe von mehreren Millionen Franken auf die Stiftung zu.

Hypothek aufgenommen

Eine andere Richtung hat man auch bezüglich Schulden eingeschlagen: Vor dreieinhalb Jahren sagte Jäger noch, man wolle keine Schulden machen, um das Projekt umzusetzen. Nun ist in der Medienmitteilung von einem Bankkredit die Rede. Der Zins soll über die fixen Pacht- und Mieterträge der Greuterhof AG bezahlt werden. «Wir gehen davon aus, dass unser Schlüsselmieter erhalten bleibt, wir haben ein sehr enges Verhältnis», sagt Jäger. Man wolle deshalb gemeinsam mit ihm in die Zukunft gehen. «Das bedeutet aber auch, dass wir nicht alle paar Jahre umbauen und seinen Betrieb schliessen können.» Also habe sich die Stiftung entschieden, einen grossen Schritt zu machen. «Und das schaffen wir nicht alleine mit eigenen Mitteln», sagt Jäger. Die nun gewählte Fremdfinanzierung sei bewusst sehr vorsichtig gewählt, damit der Zins tragbar ist. «Der Schrecken von 2012 liegt uns noch in den Knochen», sagt Jäger. Damals war die Stiftung hochverschuldet und musste die ehemalige Scheune des Greuterhofs an einen Investor verkaufen.

Von den 2,6 Millionen Franken Baukosten wird die Stiftung rund 800000 Franken selber aufbringen können. Noch offen ist, wie viel Geld von Stiftungen zusammenkommt, Kanton und Gemeinde werden sich ebenfalls beteiligen. Zudem ist zusammen mit der Greuterhof AG ein Fundraising geplant.

Während des Umbaus von Frühling bis Spätsommer wird das Geviert für Veranstaltungen geschlossen sein, ebenso das Telefonmuseum. Das Hotel Greuterhof bleibt hingegen geöffnet.

Erstellt: 02.12.2019, 10:50 Uhr

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