Alterspflege

Alternatives Pflegemodell expandiert

Lange galt: Pflegeheime sind Spitäler. Die Zürcher Firma Almacasa ist Vorreiterin eines neuen Verständnisses, das auf mehr Komfort und Selbstbestimmung setzt. 2021 will sie in Pfungen ihren vierten Standort aufmachen – den zweiten in der Region.

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Es klingt düster, wenn Liliane Peverelli von herkömmlichen Alterspflegeheimen erzählt. «Langeweile, Nutzlosigkeit, Einsamkeit» – das seien die Plagen, die das Leben in vielen Heimen bestimmen und den würdevollen Lebensabend erschweren. Mit der Firma Almacasa wolle sie eine Alternative bieten und den Menschen im Alter ein würde- und lustvolles Leben ermöglichen.

Was gut klingt, ist in der Realität nicht ganz einfach. «Natürlich ist nicht immer alles nur heile Welt – schliesslich arbeiten wir mit Menschen, die in einer fragilen Lebenssituation zu uns kommen», sagt auch Almacasa-Mitgründer Vincenzo Paolino. Er und Liliane Peverelli kennen sich seit 23 Jahren, haben vorher viele Jahre in einem öffentlichen Alters- und Pflegeheim gearbeitet. 2013 haben sie in Weisslingen ihren ersten eigenen Standort eröffnet.

Neue Werte in der Pflege

Auch wenn die Alltagsrealität nicht immer ganz mit dem Ideal vereinbar ist: Peverelli und Paolino waren damit auf dem richtigen Zug. «Wir sind der Zeit zehn Jahre voraus», ist sich Peverelli sicher. Denn seit 2016 predigt auch der Heimverband Curaviva, was Almacasa ausmacht: überschaubare Wohngruppen statt riesige Alterszentren, Mitwirkung statt Bevormundung, ein möglichst normaler Alltag statt «Leben in einer Institution».

Drei Standorte hat Almacasa mittlerweile – im Zürcher Quartier Friesenberg, in Oberengstringen und in Weisslingen. Weitere sollen dazukommen: Auf 2021 ist ein Standort in Pfungen geplant, auf Anfang 2022 einer in Gossau. Ein Projekt in Illnau-Effretikon ist ebenfalls angedacht, die Umsetzung aber momentan ungewiss. Langfristig sind die Pläne noch ambitionierter: «Unser Traum ist es, dass es in 15 Jahren, wenn wir in Pension gehen, sicher zehn Almacasas gibt», sagt Paolino.

Achtsames Wachstum

Damit die Qualität nicht leidet, setze man auf ein langsames, «organisches» Wachstum und baue nun zusätzliche Elemente zur Qualitätssicherung ein. «Bisher waren wir immer so nah dran am Alltagsgeschehen – da war das gar nicht so nötig», meint Peverelli. Insbesondere die Mitarbeiterschulung sei nun entscheidend. Dafür werden regelmässig Weiterbildungen vor Ort und am Hauptsitz in Urdorf durchgeführt. Auch regelmässige Angehörigenabende würden helfen, am Puls der Bewohner zu bleiben.

Darüber hinaus sind es vor allem die Details, die das Konzept von Almacasa ausmachen. Die Bewohner haben Türklingeln beim Zimmer – die Mitarbeiter warten, bevor sie ins Private eintreten. Warme Farben, Bilder, Pflanzen, Haustiere und ein wöchentlicher Apéro – das alles soll stimulieren und die Lebensfreude erhalten.

So normal wie möglich

«Selbstbestimmt umsorgt» ist das Motto. Entsprechend ist es willkommen, wenn sich die Bewohner auch betätigen – beim Essen, das jeweils frisch zubereitet wird, im hauseigenen Kräutergarten oder beim Singen und Klavierspielen. Nicht alle Bewohner können das – immerhin handelt es sich um ein reines Pflegeheim. «Sie müssen aber auch gar nicht unbedingt selbst mitanpacken», erklärt Peverelli. «Nur schon der Geruch von gebratenen Zwiebeln oder frischem Kaffee oder das Geklapper von Töpfen und Geschirr wirken als Stimulation und sind förderlich.»

Getreu der Vision von Curaviva setzen die beiden Gründer von Almacasa auf eine enge Einbettung in die jeweiligen Gemeinden. In Weisslingen biete eine Anwohnerin einmal monatlich ein Nachtsingen an, auch eine Schulklasse und die örtliche Guggenmusik hätten schon Auftritte gehabt. In Oberengstringen wiederum wurde mit dem Pfarrer ein mehrmals pro Jahr stattfindender Gottesdienst speziell für Menschen mit Demenz aufgegleist. Entsprechend hofft Paolino, dass Gemeinden vermehrt auf solche lokale Lösungen setzen statt auf überregionale Grossheime. «Es braucht nicht unbedingt ein Riesengebäude, das gleich signalisiert: Ich bin ein Pflegeheim», findet er. Lieber soll alles familiär und so normal wie möglich wirken.

Offen und tolerant

Der Normalisierung hat sich Paolino auch in einem anderen Bereich verschrieben. Als langjähriger Präsident des LGBT-Vereins «Queer Altern» setzt er sich auch in seiner Firma dafür ein, dass homo-, bi- und transsexuelle Menschen sich selber sein können. «Sexualität ist ein Thema, über das in Pflegeheimen nicht gern gesprochen wird, und bei der Homosexualität ist das noch stärker der Fall. Sicher hat sich einiges verändert in den letzten Jahrzehnten, aber nur sehr langsam. Wir wollen da mit gutem Beispiel vorangehen», erklärt er. Bewohner, die sich daran stören, seien ihm nicht bekannt. «Viele Leute sind weiter, als man denkt.» Und schliesslich gelte nicht nur in diesem Bereich: «Ob das Almacasa zu einem passt oder ob man es lieber etwas grösser und anonymer mag, kann man selbst entscheiden.»

Erstellt: 17.10.2019, 06:32 Uhr

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