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Armee übt in der Region und muss wegen Nebel warten

Östlich von Winterthur üben Soldaten während drei Tagen den militärischen Ernstfall. Zum Abschluss der Übung bilden sie in Oberwinterthur ein Defilee.

Montagmorgen, kurz nach zehn Uhr. Ein süsslicher Duft liegt in der Luft. Trotz dichtem Nebel ist sofort klar, wo man ist – in Frauenfeld. Die Zuckerfabrik südwestlich des Waffenplatzes ist der Grund für den Geruch.

«Eigentlich sollte es jetzt knallen», sagt Oberstleutnant Marc Ramel. Er ist der Chef Kommunikation der Mechanisierten Brigade 11, welche die nächsten drei Tage die Artillerieabteilung 16 «beübt», wie es im Militärjargon heisst. Das bedeutet, dass diese Abteilung getestet wird, ob sie das im Wiederholungskurs (WK) Gelernte beherrscht.

Über 40 Kilogramm schwer

Dass es noch nicht geknallt hat, daran ist eben der Nebel im Thurtal schuld. Nur im Kriegsfall würden die Panzerhaubitzen trotzdem schiessen und auch treffen. Diese Panzer wurden in den USA produziert und bilden seit Ende der 1960er-Jahre das Rückgrat der Schweizer Artillerie (siehe Kasten). Früher wurde noch von Islikon aus über die Stadt Frauenfeld hinweg geschossen, was heute nicht mehr erlaubt ist.

Die Artillerie Eine Panzerhaubitze der Schweizer Artillerie wiegt 27 Tonnen. Anders als beispielsweise ein Kampfpanzer schiesst die Haubitze nicht direkt, sondern indirekt auf das Ziel – das wesentliche Merkmal der Artillerie, in der Fachsprache «indirektes Feuer» genannt. Bei den direkt schiessenden Waffen sieht der Schütze in der Regel sein Ziel, die Flugbahn des Geschosses ist dabei relativ flach. Beim indirekten Schiessen der Artillerie hingegen besteht kein solcher Sichtkontakt. Die Informationen über das Ziel erhält der Schütze von Beobachtern im Zielraum. Die Bekämpfung erfolgt dann im sogenannten Bogenschuss. Laut einem Bericht des Schweizer Bundesrates von 2016 wird indirektes Feuer «auch in Zukunft eine wesentliche Fähigkeit bleiben, welche die Armee zur Erfüllung ihrer Verteidigungsaufgabe benötigt».(mab)

Computerbildschirme werfen ihr Licht auf die Gesichter der Soldaten. Sie sitzen im dunklen Kommandoraum eines mit Netzen gut getarnten Schützenpanzers und bereiten die Schüsse vor. Wann der Befehl dazu kommt, das wissen auch sie nicht. «Scheint draussen die Sonne?», fragt einer. Ja, der zuckerwattige Nebel hat sich inzwischen aufgelöst.

Wo steht das zu zerstörende Ziel? Wie stark bläst der Wind und woher? Oder wie hoch ist der Luftdruck in den verschiedenen Luftschichten? Diese und weitere Daten werden draussen im Feld erhoben und in den mobilen Kommandoraum gemeldet. Ein Rechencomputer ermittelt daraus die Flugbahn respektive die dafür nötigen Einstellungen für das Geschützrohr. Doch nicht nur der horizontale und vertikale Winkel des Rohrs wird so berechnet, sondern auch die dafür benötigte Ladung, mit der das Geschoss abgefeuert wird. Ein solches Geschoss hat einen Durchmesser von 15,5 Zentimetern und wiegt 41 Kilogramm.

Ab und an Flugraum sperren

Ist alles berechnet, gibt der Kommandoraum den Befehl zum Feuern raus an die Panzerhaubitzen. Heute wird die Schussdistanz auf dem Waffenplatz Frauenfeld voraussichtlich nur zweieinhalb Kilometer betragen, wobei das Geschoss in seinem bogenförmigen Flug bis in 250 Meter Höhe steigen wird. In der üblichen Distanz von 15 Kilometern kann es so hoch sein, dass der Luftraum für Flugzeuge vorübergehend gesperrt werden muss. Solche Weiten werden an anderen Orten in der Schweiz geschossen, das Maximum von 28 Kilometer nirgendwo mehr. Bis 15 Kilometer Reichweite liegt die Treffgenauigkeit bei 15 Metern.

«Ohne Mampf kein Kampf»

Ein Soldat

Und welches kriegerische Szenario liegt der dreitägigen Truppenübung zugrunde? Im Nordosten der Schweiz stehen sich zwei Staaten gegenüber, wobei die eine Armee durch die Schweiz marschieren will, um dem Gegner in den Rücken zu fallen. Der Auftrag: Diesen Durchmarsch verhindern respektive stoppen. Und: Sabotage oder Anschläge von Sympathisanten beider Staaten in der Schweiz verhindern.

Zwölf Uhr. Trotz Sonnenschein heisst es weiter warten respektive sich bereithalten auf dem Waffenplatz Frauenfeld. Genug Zeit fürs Mittagessen auf dem Feld, denn: «Ohne Mampf kein Kampf», sagt ein Soldat.

Eine Panzerhaubitze durchquert den Wassergraben mühelos. Video: mab

Zum Abschluss der dreitägigen Übung gibt es am Mittwoch ab 14 Uhr in Oberwinterthur ein Defilee auf der Frauenfelderstrasse unweit des Technoramas. Der letzte militärische Vorbeimarsch dieser Grösse fand in Winterthur vor elf Jahren statt.

«Armee gehört allen»

Man habe jahrelang keine Defilees mehr durchgeführt und sei etwas davon weggekommen, bestätigte Brigadier Benedikt Roos am Montag auf dem Waffenplatz Frauenfeld. Er ist der Kommandant der Mechanisierten Brigade 11, zu der die Artillerieabteilung 16 gehört. Stattdessen habe die Armee vermehrt Tage der offenen Tür respektive Besuchstage durchgeführt oder sei an Gewerbeausstellungen mit einem Stand präsent gewesen.

«Die Machtpolitik ist zurück»

Benedikt Roos, Brigadier

Nun habe man sich wieder einmal für ein Defilee entschieden, sagte Roos. «Die Armee gehört allen Bürgern, und das wollen wir zeigen.» Er könne verstehen, wenn man solche Militärfahrzeuge als martialisch empfinde. Aber die Welt sei nicht mehr so friedlich wie auch schon. Roos erinnerte an die Manöver der Nato auf der einen und von Russland auf der anderen Seite in der jüngeren Vergangenheit. «Die Machtpolitik ist zurück», sagte Roos. In einem solchen Umfeld sei die Schweiz gut beraten, auf der letzten Eskalationsstufe ein allerletztes Mittel zu haben – Kampftruppen wie beispielsweise die Artillerie.

«Kein Staat im Staat»

Den Auftrag der Schweizer Armee gebe die Politik vor, sie sei dadurch demokratisch legitimiert, sagte Roos weiter. Er sei zutiefst vom Milizsystem in der Armee überzeugt, «wir sind kein Staat im Staat». Die Sinnfrage nach einer Armee in der Schweiz werde heute weniger gestellt als noch vor zehn Jahren. Doch Roos räumte auch ein, dass es bei der Rekrutierung von Militärangehörigen derzeit etwas Probleme gebe. Zwar würden wieder mehr Leute Ja zum Militär sagen, «aber öfter ‹ohne mich›». Während des Kalten Krieges zählte die Schweizer Armee rund 600 000 Soldaten, heute sind es noch etwa 100 000.

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