Ossingen

Auf der Suche nach den Täufer-Wurzeln

Eine Reisegruppe aus den USA besucht in der Region Orte ihrer Wiedertäufervorfahren. Einen Stopp machte der«Brubaker-Clan» am Mittwoch in Ossingen, auf dem Burghof von Lydia Flachsmann.

Auf den Spuren ihrer Vorfahren: Der «Brubaker-Clan» aus den USA besuchte auf seiner Reise den Hof von Lydia Flachsmann bei Ossingen.

Auf den Spuren ihrer Vorfahren: Der «Brubaker-Clan» aus den USA besuchte auf seiner Reise den Hof von Lydia Flachsmann bei Ossingen. Bild: Johanna Bossart

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Der riesige Reisecar wirkt fehl am Platz in den engen Strassen des Weilers Burghof, einer Ansammlung von Bauernhäusern ausserhalb von Ossingen. Mühsam manövriert der Car um die engen Kurven und hält dann an. Rund fünfzig Personen aller Altersgruppen steigen aus und nehmen die schmale Dorfstrasse in Beschlag, ausgerüstet mit Regenjacke und Fotoapparat. Zum Beispiel Demas Brubacher, Rentner, braungebrannt, kurze Hosen, ein weisses T-Shirt, auf dem mit pseudomittelalterlicher Schrift der Grund für die Reise prangt: «Brubaker Heritage Tour 2018».Die Reisegruppe aus den USA gehört zum Clan der Bruppacher, die aus der Region Zürich in die USA ausgewandert sind. Nachfahren dieser Auswanderer – manche schreiben sich Bruppacher, andere Brubacher oder Brubaker – haben sich für diese zweiwöchige Reise in die Schweiz und ins Elsass angemeldet, um hier an den Originalstätten mehr über ihre Vorfahren zu erfahren.

Neuanfang als Amish

Die Bruppacher sind wie viele Täuferfamilien im 17. Jahrhundert vor Verfolgung und Unterdrückung geflohen und via Elsass in die USA ausgewandert, wo sie als Amish People zum Teil bis heute eine eigene, sehr traditionelle Lebensform und eine eigene Sprache, eine Art Alt-Hochdeutsch, bewahren.

Strenggläubig ist von der Reisegruppe, die in Burghof lautstark die schönen Riegelhäuser bestaunt, niemand mehr, alle aber kommen aus einem traditionellen, religiösen Umfeld. Einige sind in Amish-Gemeinden aufgewachsen, zum Beispiel Lydia King. Als Teenager habe sie sich aber für ein weltlicheres Leben entschieden. «Das ist schon recht ungewöhnlich, vor allem weil ich zu meinen Eltern nach wie vor ein gutes Verhältnis habe», erzählt sie. Die Reise in die Schweiz habe sie auf Wunsch der Eltern gemacht. «Sie wollten unbedingt, dass ich sehe, wo unsere Familie herkommt.» So geht es vielen: «Hier sind unsere Wurzeln.»

Gerstensuppe und Folklore

Ossingen ist ein kurzer Stopp zwischen dem Täufermuseum in Schleitheim und den Täuferhöhlen am Bachtel. Auf dem Burghof wird die Gruppe von Lydia Flachsmann empfangen. Flachsmann hat selber Wiedertäuferwurzeln. Mit Pfarrern reiste sie zu einer sogenannten Reconciliation-Tour in die USA, zur Aufarbeitung der Verfolgung der Täufer und zur Aussöhnung. Dort lernte Flachsmann die Mennonitin Lois Ann Mast kennen, die seit 29 Jahren Reisegruppen in die Schweiz führt.

Das Mittagessen auf dem Burghof ist jedes Jahr ein fixer Programmpunkt: «Die Gastfreundschaft, die wir bei Lydia erleben, ist wunderbar», schwärmt Mast. Flachsmann, die auf dem Hof auch ein Bed and Breakfast und ein Krippenmuseum betreibt, ist als Gastgeberin in ihrem Element. Gerstensuppe, Würste und Holundersirup tischt sie auf, und etwas Folklore, tragen sie, ihre Tochter und einige Freunde doch alle traditionelle Trachten. Die Gäste sind begeistert, zücken die Kamera und kaufen die Strohhandarbeiten, die Flachsmann im Hofladen anbietet. Stan Brubaker meint: «Es ist schön, im Land meiner Ahnen so willkommen geheissen zu werden.»

«Das Interesse, die Schweiz und die Stätten, wo unsere Vorfahren gelebt haben, kennen zu lernen, ist in den USA riesig», weiss Mast. Die Brubaker-Tour war lange im Vorfeld ausgebucht und nächstes Jahr plant sie, mit zwei Gruppen in Ossingen vorbeizuschauen. (Der Landbote)

Erstellt: 15.06.2018, 09:33 Uhr

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