Brütten

Bachs mystische Vielstimmigkeit

Er ist eben erst 30 Jahre alt geworden. Doch trotz seiner noch jugendlichen Reife wagt sich der Geiger Sebastian Bohren an den Kosmos der Solo-Sonaten von Johann Sebastian Bach. In der reformierten Kirche Brütten spielte er am Sonntag vor einer interessierten Zuhörerschaft drei davon auswendig.

Sebastian Bohrens Bach-Rezital sorgte in der Kirche Brütten für Standing Ovations.

Sebastian Bohrens Bach-Rezital sorgte in der Kirche Brütten für Standing Ovations. Bild: Barbara Truninger

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Die Solo-Sonaten Bachs sind für jeden Geiger eine geistige und technische Herausforderung. Dass Sebastian Bohren in der reformierten Kirche Brütten gleich drei davon hintereinander spielte, und das erst noch auswendig, ist eine sagenhafte Leistung – konzentrationsmässig und auch physisch.

Ob in der tiefsinnigen, dreizehn Minuten dauernden Chaconne der Partita II d-Moll BWV 1004 oder in der komplexen, technisch hoch anspruchsvollen Fuge der C-Dur-Sonata III BWV 1005, Bohren durchdrang diese vielschichtige Musik mit brillanter Klarheit und inniger Musikalität.

Seine wertvolle Stradivari-Geige King George 1710 entfaltetein den Doppelgriffen und der Schein-Polyphonie eine Vielfalt an Klangfarben, die eine grossartige strukturelle Transparenz zur Folge hatte. Die Violine ist ja eigentlich ein Melodie-Instrument, darauf ohne harmonisches Begleitinstrument eine Vielstimmigkeit zu entfalten, ist wie ein mystisches Wunder. Bohren spielte alles auswendig, und das mit einer rhythmischen Egalität und weitatmigen Phrasierung, die die Zuhörerschaft packte.

Nicht nur hochmusikalisch – auch hochintelligent

Den Schluss machte die E-Dur- Partita III BWV 1006 mit französischen Tänzen, die Bohren nach über einer Stunde Spielzeit mitlockerer Ausgelassenheit präsentierte. Die Standing Ovation des spürbar mitgerissenen Publikums war herzlich – schön, dass die reformierte Kirche Brütten für dieses «Bach-Laboratorium», wie Bohren sein Projekt nennt, nicht nur den Raum unentgeltlich zur Verfügung stellt, auch die Spenden kommen vollumfänglich seiner CD-Produktion zugute.

«Auch heute spiele ich noch sehr gerne im Gottesdienst, aber nur in Gemeinden und mit Menschen, denen ich mich verbunden fühle.»

Denn aktuell bereitet sich Bohren darauf vor, die sechs Solo-Sonaten und -Partiten von Bach auf CD einzuspielen. Wie er vor dem Konzert dem für ein so anspruchsvolles Programm erstaunlich zahlreichen Publikum sagte, spielt er die drei Werke, die er diesen August aufnimmt, möglichst jeden Monat einmal öffentlich, um seine Interpretation so reifen zu lassen.

Der Winterthurer besuchte das Sportgymnasium für Hochbegabte im Rämibühl Zürich. So konnte er sich schon früh auf sein Violinstudium konzentrieren. Dass er nicht nur hochmusikalisch, sondern auch hochintelligent ist, zeigen seine CD-Einspielungen mit Werken, die nicht jeder kennt. So hat er etwa die Aufnahmen von Violinkonzerten Mendelssohns und Schuberts mit einem Violinkonzert von Karl Amadeus Hartmann gepaart. Demnächst tritt Bohren imneuen Saal der Elbphilharmonie Hamburg auf, und 2018 debütiert er am Lucerne Festival.

Dieser sympathische Geiger ist längst zu einer der interessantesten Schweizer Musikerpersönlichkeiten auf dem internationalen Parkett gereift. Doch kaum jemand weiss, dass er schon in seiner Jugendzeit in Gottesdiensten spielte: «Als ich sechzehn Jahre alt war», erzählt er im Gespräch, «suchte ich nach Möglichkeiten, regelmässig vor Publikum aufzutreten – und zwar möglichst ohne den Druck.» Sein Vater schlug ihm vor, bei verschiedenen Kirchgemeinden anzufragen, ob er einmal im Gottesdienst spielen dürfe. So entstanden über die Jahre Freundschaften und zahlreiche Konzerte. «Auch heute spiele ich noch sehr gerne im Gottesdienst, aber nur in Gemeinden oder mit Menschen, denen ich mich verbunden fühle.»

Besondere Bild-Wort-Klang-Gottesdienste in Brütten

So eine Verbindung hat sich mit Pfarrer Leonhard Jost von der Reformierten Kirchgemeinde Brütten entwickelt: «Ich kenne Pfarrer Jost seit vielen Jahren. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden und haben in zahlreichen Gottesdiensten, auch ausserhalb Brüttens, zusammengearbeitet. Die von ihm organisierten Bild-Wort-Klang- Gottesdienste sind dabei wirklich etwas Besonderes.» Sich mit seiner Musik auf Bilder einzulassen, reizt den geistig regsamen Musiker Bohren. Das kann man wiederum am 12. November im Gottesdienst in Brütten erleben, in dem es um Luther und das 500-Jahr- Reformations-Jubiläum geht.

(Der Landbote)

Erstellt: 26.06.2017, 17:51 Uhr

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