Gachnang

Bald hat er Zeit für einen Hund

Matthias Müller tritt Ende Monat nach 21 Jahren als Gachnanger Gemeindepräsident zurück. Dabei hatten ihn einige vor seiner Wahl noch als Verräter beschimpft. Ein Rückblick.

An diesem Tisch hat er so manche Stunde verbracht: Matthias Müller im Sitzungszimmer des Gachnanger Gemeinderats.

An diesem Tisch hat er so manche Stunde verbracht: Matthias Müller im Sitzungszimmer des Gachnanger Gemeinderats. Bild: Nathalie Guinand

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Eigentlich wollte der heute 66-jährige Gachnanger Gemeindepräsident Matthias Müller (EVP) ja mal Kinderarzt werden. «Das hätte mir gefallen, vom Ziel und dem Beruf, mit den Kindern zu arbeiten», sagt Müller, im Sitzungszimmer der Gemeindeverwaltung Platz genommen hat. Doch rasch war klar: Das begonnene Medizinstudium mit all seinen naturwissenschaftlichen Fächern war nicht Müllers Welt. Er entschied sich nach einem Jahr für die Fussstapfen seines Vaters, begann in Bern Jus zu studieren und machte sich später als Anwalt selbständig. Auch politisch prägte ihn sein sein Vater, der als FDP-Parlamentarier im Frauenfelder Gemeinderat und Thurgauer Kantonsrat aktiv war: «Zuhause am Küchtentisch haben wir immer viel diskutiert.»

Die Risse gekittet

Müller ist seit 1998, und somit seit deren Gründung, Präsident der Politischen Gemeinde Gachnang, die sich aus den ehemaligen Ortsgemeinden Gachnang, Islikon, Kefikon, Oberwil und Niederwil zusammensetzt (siehe Kasten rechts). Müller war als Ortsvorsteher von Niederwil bereits seit 1991 im Rat der Munizipialgemeinde Gachnang aktiv. Als es darum ging, wem sich die Niederwiler anschliessen sollen, fiel der Entscheid bei der dritten Abstimmung mit zehn Stimmen Unterschied auf Gachnang. Müller hatte zusammen mit der Behörde für einen Anschluss an Frauenfeld geweibelt. «Zuerst nannten sie mich Verräter, später haben sie mich zum Gemeindepräsidenten gewählt.»

Es war eine Kampfwahl, als Müller im Herbst 1997 gegen Jakob Hürlimann, den Präsidenten der Munizipalgemeinde antrat, der bereits 18 Jahre im Amt war. «Seine Schwäche war, dass er sich vor allem für die Ortsgemeinde Gachnang stark machte», sagt Müller. Diese Bevorzugung bestraften die Wähler der neugeschaffenen Gemeinde: Hürlimann verlor sowohl das Präsidium als auch den Sitz im Gemeinderat. Am Ende schaffte es gar kein einziger «Goochlinger» in die neue Behörde. «Es war ein Abkanzeln», sagt Müller.

«Das hat vielleicht auch ein wenig zur Schlichtung dieser Grabenkriege beigetragen.»Matthias Müller über seine Rolle nach der Gemeindefusion

Im Gegenzug setzten sich die Gachnanger durch, als es um den Namen der neuen Gemeinde ging. Islikon fand keine Erwähnung, weil Gachnang besser mobilisierte. «Sie brachten damals die Blinden, die Lahmen und die Gehörlosen an die Versammlung», sagt Müller überspitzt. Kurz gesagt: Es herrschte nicht gerade die beste Stimmung nach dem Zusammenschluss, Müller musste Risse kitten. Und er hatte einen Vorteil: Der in Frauenfeld geborene Müller ist weder Gachnanger noch Isliker. «Das hat vielleicht auch ein wenig zur Schlichtung dieser Grabenkriege beigetragen.»

Es gibt Probleme und diese müssen wir lösen. Dafür sind wir gewählt worden. Nicht um zu streiten oder auf Andere zu zeigen.» Matthias Müller, abtretender Gemeindepräsident von Gachnang

Ist man heute zusammengewachsen? «Ich glaube es ist nicht schlecht gelungen, ab und an bricht wieder mal etwas auf bei jener Generation, die noch lebt», sagt Müller mit einem Schmunzeln. Die Bundesfeier veranstaltet heute jeder Ortsteil im Turnus, etwas vom Ersten, das Müller aufgleiste. Auch ein gemeinsames Mitteilungsblatt war Müller wichtig: Sein Namensvorschlag: Tegelbachzytig. «Denn dieser Bach ist das verbindende Element, der durch die ganze Gemeinde fliesst.»

Herzinfarkt überlebt

Diesen Geist des Gemeinsamen betont Müller immer wieder. «Es gibt Probleme und diese müssen wir lösen. Dafür sind wir gewählt worden. Nicht um zu streiten oder auf Andere zu zeigen.» Er sieht die Gemeinde als Vermittler zwischen Parteien. Müller sagt aber auch: «Jedem recht getan ist eine Kunst, die niemand kann.» Umso wichtiger sei es deshalb, alle in derselben Situation gleich zu behandeln und ernst zu nehmen. «Nur so bleibt diese Philosophie authentisch.» Den Gemeinderäten habe er wiederum Freiheit und Verantwortung in ihren Ressorts gewährt. «Das Volk hat euch gewählt, weil sie euch etwas zutrauen», sei seine Botschaft.

Mit den Jahren ist Müller gelassener geworden. Dazu beigetragen hat sicher auch das einschneidendste Erlebnis: Ein Herzinfarkt, den er im Herbst 2008 im Büro der Verwaltung erlitt. «Damals hätte es auch Ersatzwahlen geben können», sagt Müller trocken. Dass er nicht ohnmächtig geworden sei, habe ihm das Leben gerettet, so konnte er Hilfe rufen. Als ihn der Doktor nach vier Wochen Reha fragte, was er nun mache, wenn er zurückkehre, sagte Müller: «Dann sitze ich an den Computer und schreibe drei Rücktritte.»

«Er ist vom Typ her jemand, der ebenfalls lösungsorientiert arbeitet und den Menschen miteinbezieht.»

Matthias Müller über seinen Nachfolger

Als er nach sieben Wochen wieder auf der Verwaltung auftauchte, hatte er kein einziges Sichtmäppchen auf seinem Pult. «Das war für mich ein wichtiger Moment, weil ich merkte, dass die Gemeinde und die Verwaltung auch ohne mich überlebt.» Danach habe er lernen müssen, mehr Nein zu sagen. Nach und nach trat er kürzer: 2012 schloss er seine Anwaltskanzlei, 2014 trat er nach 14 Jahren aus dem Kantonsrat zurück, wo er auch als Fraktionspräsident fungierte.

Enkelkinder und lesen

Müllers Nachfolger per 1. Juni ist Roger Jung (parteilos), der zuvor als Gemeindeschreiber in Rickenbach ZH die Verwaltung führte. Er hat bereits einen Schlüssel, einen Computerzugang und begleitet Müller seit mehreren Monaten. Sorgen, dass sich die Philosophie unter Jung gross ändern wird, macht sich Müller nicht: «Er ist vom Typ her jemand, der ebenfalls lösungsorientiert arbeitet und den Menschen miteinbezieht.»

«Ich werde mir einen Hund zulegen. Das wollte ich schon immer. Aber ich habe mir immer gesagt, es gibt keinen, solange ich keine Zeit dafür habe.»Matthias Müller, über die Zeit nach dem Rücktritt

Die letzte Gemeindeversammlung wird Müller am 24. Mai leiten. Danach freut er sich, «nicht mehr so eine fremdbestimmte Agenda» zu haben. Zwei Bücher über Nelson Mandela lägen schon lange Zeit ungelesen auf seinem Nachttisch. In den nächsten Wochen komme zudem ein weiteres, das fünfte, Enkelkind zur Welt. Und: Er wird sich einen Hund zulegen: «Das wollte ich schon immer. Aber ich habe mir immer gesagt, es gibt keinen, solange ich keine Zeit dafür habe.»

Erstellt: 29.04.2019, 20:24 Uhr

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