Turbenthal

«Bei uns darf man auch makaber sein»

Seit 20 Jahren leitet die Turbenthalerin Silvia Isgrò ein Ferienlager für Jugendliche, die eine Krebserkrankung hinter sich haben.

Silvia Isgrò leitet schon seit 20 Jahren eine Ferienwoche für krebsbetroffene Jugendliche.

Silvia Isgrò leitet schon seit 20 Jahren eine Ferienwoche für krebsbetroffene Jugendliche. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Woche Auszeit von Therapien, Spital, schrägen Blicken und besorgten Angehörigen. Eine Woche mit anderen Jugendlichen, die wissen, was es heisst, Krebs zu haben. Und trotzdem soll die Woche unbeschwert sein. Das bietet der Verein «Die Woche :-) für krebsbetroffene junge Menschen» mit Sitz in Turbenthal.

Jedes Jahr im Herbst reisen die Jugendlichen mit einem vierköpfigen Leiterteam ins bündnerische Tschamut am Fusse des Oberalppasses. Und das schon seit 20 Jahren.

Dass es das Ferienlager überhaupt noch gibt, ist unter anderem der Initiative von Silvia Isgrò zu verdanken. Denn schon mehrmals war das Projekt in Gefahr.

Wenig für Jugendliche

Doch von Anfang an: Vor 20 Jahren arbeitete Silvia Isgrò als Buchhalterin bei der Krebsliga des Kantons Zürich. Ihre Chefin fragte damals bei ihr an, ob sie nicht jemanden kenne, der ein Jugendlager für Krebsbetroffene leiten wolle. «Doch, ich!», sagte Isgrò und tat es. Erst als Co-Leiterin, später dann alleine. Das Lagerprojekt wurde nach einer Spendenaktion ins Leben gerufen, die so erfolgreich war, dass man Geld für ein neues Projekt hatte. «Für Jugendliche gab es sehr wenige Angebote, deshalb hat man gezielt für diese Altersgruppe etwas gemacht», erinnert sich Silvia Isgrò.

Nach einigen Jahren wollte die Krebsliga des Kantons Zürich das Angebot anders ausrichten und das Lager in dieser Form nicht mehr durchführen. Dann sprang die Kinderkrebshilfe Schweiz auf den Zug auf und nahm das Lager in ihr Angebot auf. Silvia Isgrò und das bisherige Leiterteam hatten sich schon auf das Ende des Projekts eingestellt. «Doch dann ging es zum Glück weiter.»

Bis vor zwei Jahren auch die Kinderkrebshilfe Schweiz das Lager nicht mehr in dieser Form durchführen wollte. «Es sollte therapeutischer sein und mehr Bezug zur Krebserkrankung haben», sagt Isgrò. Das wiederum konnte und wollte das bisherige Leiterteam nicht leisten. «Ich bin Buchhalterin und keine Therapeutin», sagt die Turbenthalerin. Und auch die anderen Lagerleitenden wollten an der bisherigen Version festhalten, darunter ein Künstler, eine Pflegefachfrau der Onkologie im Zürcher Kinderspital und ein Sozialpädagoge. Zudem habe dies genau das Besondere des Lagers ausgemacht. «Es war eine Auszeit von Therapie und Behandlungen, es ging rein um den Spass und die Zeit mit Gleichgesinnten.» Wer medizinisch Unterstützung brauchte, war mit der Pflegefachfrau für Onkologie im Leiterteam gut aufgehoben.

Das Lager nicht aufgeben

Somit fuhren Silvia Isgrò und ihre Leiterkollegen 2017 zum vermeintlich letzten Lager. Sie hatten jedoch vor, sich einen Abend zusammenzusetzen und zu überlegen, wie man mit dem Projekt weiterfahren könnte. «Und schon am Treffpunkt mit den Jugendlichen am Bahnhof war für mich klar, dass es weitergehen muss», sagt Isgrò. «Ich wollte das Lager nicht aufgeben.» Die anderen drei im Leiterteam waren gleicher Meinung.

«Ich war überrascht, wie schnell wir einige Spenden zusammenhatten, für einen Verein, von dem bisher noch niemand gehört hatte.»

Somit gründete Isgrò nach ihrer Rückkehr aus Graubünden einen neuen Verein, verteilte bei Freunden und Bekannten Einzahlungsscheine für Spenden und gab der Idee bis im April 2018 Zeit, um Realität zu werden. «Ich war überrascht, wie schnell wir einige Spenden zusammenhatten, für einen Verein, von dem bisher noch niemand gehört hatte.» Mit den Spenden wird der Aufenthalt der Jugendlichen komplett finanziert. Sie müssen lediglich für die Anreise und persönliche Auslagen aufkommen.Und somit starten dieses Jahr am 5. Oktober Jugendliche und Leiterinnen zum 20. Mal in eine Ferienwoche im Bündnerland.

«Es wird über die Krankheit gesprochen, man macht sich aber auch darüber lustig und lacht.»

Gewohnt wird in einem Berghotel mit Vollpension, das die Gruppe für sich alleine hat. «Wir werden immer sehr verwöhnt.» Täglich gibt es einen Workshop, der sportlich oder kreativ ausgerichtet ist. Es sollen Aktivitäten sein, welche die Jugendlichen alleine nicht machen würden. Zum Beispiel geht die Gruppe Bergkristalle suchen, Gold waschen, absolviert ein Kickbox-Training, stellt Glasperlen her, sprayt Graffiti, macht Yoga oder lernt an einem Schweizer Tag Schwingen und Alphornblasen. Geleitet werden diese Workshops von Externen, die Isgrò oft in ihrem Umfeld anspricht.

Der Krebs ist natürlich ein Thema unter den Jugendlichen. «Es wird über die Krankheit gesprochen, man macht sich aber auch darüber lustig und lacht.» So treffen sich zum Beispiel die Jugendlichen, die aufgrund ihrer Erkrankung Hormone spritzen müssen, zur «Hormonparty». «Und man darf bei uns makaber sein.» Ein Junge meinte mal zu Isgrò, dass er es geniesse, so reden zu dürfen. Seine Eltern würden das nicht mögen und somit halte er sich zu Hause zurück. «Es ist oft so, dass die Kinder ihre Eltern schützen möchten, weil sie wissen, dass diese durch die Krankheit auch sehr belastet werden», sagt Isgrò.

Grenzen überschreiten

Sie selbst leitet das Lager aus reiner Freude an der Sache. «Ich habe die Jugendlichen lieb gewonnen und es ist immer eine ganz besondere Stimmung.» Der Krebs sei ein dunkles Gespenst, das etwas in die Ferne rücke. Keiner der jungen Leute müsse sich erklären, alle würden das machen, was sie können, auch wenn sie durch die Krankheit eingeschränkt sind. «Und manchmal wachsen die Jugendlichen über sich hinaus.» Zum Beispiel ein Mädchen, das ein Bein amputieren musste und nun eine Prothese trägt. Beim Kickbox-Training machte sie zwar mit, schonte ihr Bein jedoch. Am nächsten Tag auf einer Wanderung stellte sich die Frage, ob sie den Weg zurück zum Hotel runterlaufen oder mit dem Zug fahren möchte. «Sie lief wie ein junges Reh über Stock und Stein.»Silvia Isgrò fragte sie, ob ihr das Bein keine Probleme mache. Da habe das Mädchen gemeint, dass sie beim Kickboxen gemerkt habe, dass ihre Prothese viel mehr aushalte, als sie gedacht habe. «Sie sagte: Wenn etwas kaputtgeht, ist es ja nur Material und kein Knochen mehr», erzählt Silvia Isgrò. Solche Momente seien für sie besonders wertvoll.

«Die Woche :-) für krebsbetroffene junge Menschen» findet vom 5. bis 12. Oktober statt. Es gibt noch freie Plätze: www.verein-die-woche.ch.

Erstellt: 15.08.2019, 10:29 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!