Urteil

Beschuldigter lässt seinen Mittelfinger sprechen

Ein 64-jähriger Mann stand wegen Beschimpfungen und Hausfriedensbruch vor Gericht. Kurz vor der Verhandlung zeigte er dem Privatkläger offenbar den Mittelfinger und wurde wenig später doch freigesprochen.

Unmissverständliche Geste vor der Gerichtsverhandlung: Trotzdem wurde der Angeklagte freigesprochen.

Unmissverständliche Geste vor der Gerichtsverhandlung: Trotzdem wurde der Angeklagte freigesprochen. Bild: Symbolbild/Keystone

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Der Beschuldigte liess an seiner Gemütslage im Bezirksgericht Winterthur keine Zweifel aufkommen. Die ganze Prozedur schien ihn gröber zu ärgern, seine Körperhaltung war von Kopf bis Fuss ablehnend. Und sagen wollte er auch möglichst wenig. Auf Fragen der Richterin antwortete der Mann mit dem karierten Hemd immer wieder leicht genervt mit dem gleichen Satz: «Ich verweise auf das Polizeiprotokoll», «ich verweise auf das Polizeiprotokoll», «ich verweise auf das Polizeiprotokoll».

Vor Gericht musste er erscheinen, weil ihm Hausfriedensbruch und Drohungen gegen eine 86-jährige Frau vorgeworfen wurden. So heisst es in der Anklageschrift etwa, er habe ihr in Winterthur zugerufen: «Du verdammti Sau häsch dim Sohn dini Dummheit vererbt!» Einmal habe er zudem seine rechte Hand mit geballter Faust in ihre Richtung gestreckt und ihr bei anderer Gelegenheit in einem Einkaufszentrum den Mittelfinger gezeigt. Eines Abends habe er zudem bei ihr geklingelt und dann die Tür mit dem Fuss blockiert, so dass sie nicht mehr geschlossen werden konnte, worauf die ältere Frau acht mal «use, use!», gerufen habe, bevor er wieder gegangen sei.

Der Sohn wollte vermitteln

Unklar blieb während der Verhandlung, wie es zu den Auseinandersetzungen gekommen war oder in welcher Beziehung die Klägerin und der Beschuldigte zueinander standen.

«Wir wollen nur, dass er endlich
aufhört damit.»
Privatkläger

Die ältere Frau liess sich vor Gericht von ihrem Sohn vertreten, der im Anzug erschienen war. Er habe versucht, zwischen den beiden zu vermitteln, sagte er zur Richterin, was ihm aber nicht gelungen sei. «Es hat einfach nicht mehr aufgehört. Meine Mutter hatte Angstzustände.» Er habe den Beschuldigten deshalb mehrmals versucht zu kontaktieren. Ohne Erfolg. Gerade eben vor dem Gerichtssaal habe er ihn deshalb das erste Mal gesehen. Und prompt habe ihm der 64-Jährige als erstes den Mittelfinger entgegengestreckt. «Das ist erniedrigend und unnötig», sagte der Privatkläger mit ruhiger Stimme. Er wolle mit dem Gang vor Gericht nur eines erreichen: «Dass es endlich aufhört. So etwas geht nicht in unserer Gesellschaft.» Dem Mann soll klar werden, dass das nicht toleriert werde. Während der Ankläger sprach, lachte der 64-jährige Beschuldigte an einer Stelle in höhnischem Tonfall.

«Es war niemand dabei. Die Vorfälle lassen sich nicht zweifelsfrei
nachweisen.»
Richterin

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Verurteilung wegen Drohung, Hausfriedensbruch und Beschimpfung sowie eine Geldstrafe von 3750 Franken und eine Busse von 700 Franken. Das Bezirksgericht sprach den in der Region wohnhaften Beschuldigten allerdings frei. Es handle sich um ein klassisches Vier-Augen-Delikt, sagte die Richterin. «Es war niemand dabei und die Vorfälle lassen sich nicht zweifelsfrei nachweisen.» Zudem seien die Aussagen der Klägerin bei den verschiedenen Befragungen nicht ganz identisch gewesen. «Wurde die Tür nun mit dem Fuss blockiert oder mit der Schulter?» Ähnliche Fragen stellten sich auch bei den Beschimpfungen. «Sie konnte sich nicht genau erinnern.» Das heisse aber nicht, dass die Anklage falsch gewesen sei. «Wir gehen davon aus, dass es Streit gegeben hat.» Wenn sich alles so wie von der Privatklägerschaft geschildert zugetragen habe, wäre eine Verurteilung möglich gewesen. Das Gericht habe aber die Aufgabe, im Zweifel für den Beschuldigten zu entscheiden.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Sohn sagte aber nach der Verhandlung, dass seine Mutter und er es wohl nicht anfechten werden.

Erstellt: 10.07.2019, 16:38 Uhr

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