Zuckerrüben

Bittere Zeiten im Zuckergeschäft

Der Preis für Zuckerrüben hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Für viele Landwirte aus der Region Winterthur lohnt sich der Anbau kaum noch, einige haben bereits aufgegeben.

2019 sei grundsätzlich ein gutes Zuckerrübenjahr, sagt Landwirt Marc Peter aus Wiesendangen. Das nasse Wetter sei aber eine Herausforderung und verzögere die Ernte.

2019 sei grundsätzlich ein gutes Zuckerrübenjahr, sagt Landwirt Marc Peter aus Wiesendangen. Das nasse Wetter sei aber eine Herausforderung und verzögere die Ernte. Bild: Madeleine Schoder

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Landwirt Marc Peter baut in Wiesendangen auf neun Hektaren Zuckerrüben an. Sie gehören zu den wichtigen Kulturen auf seinem Betrieb, dessen Strukturen darauf ausgelegt sind. Die Zuckerfabrik in Frauenfeld ist nur einige Kilometer entfernt. Mit anderen Landwirten rund um Wiesendangen ist Peter in einem Rüben-Ring organisiert und er sagt: «Die Stimmung ist sehr schlecht.» Der Branchenpreis für die Zuckerrüben hat sich über die letzten zehn Jahre fast halbiert. Erhielten die Bauern damals um die 80 Franken pro Tonne, sind es heute noch 44 Franken.

Über die Schmerzgrenze

2009 stellte der Bund den bis dahin geltenden Leistungsauftrag an die Schweizer Zuckerindustrie ein. 2013 hob die EU die Zuckermarktordnung auf. Seit 2017 gelten in der EU keine Anbaubeschränkungen mehr. Die Rüben-Produktion in der EU stieg daraufhin an, die EU-Preise sackten ab und die Schweizer Preise mussten mitziehen. Der Bund unterstützt die einheimischen Bauern derzeit mit einem Mindestzoll von 70 Franken pro Tonne Zucker sowie einem um 300 Franken erhöhten Flächenbeitrag von 2100 Franken pro Hektare Rüben. Die Massnahmen sind jedoch bis 2021 befristet.

«Die Schmerzgrenze ist überschritten», sagt Landwirt Peter. Ein grösserer Produzent aus Wiesendangen habe die Zuckerrüben bereits aufgegeben, andere spielten zumindest mit dem Gedanken. Er selbst halte vorerst am Anbau fest: «Investitionen werde ich aber sicher keine tätigen.» Man müsse sich bewusst sein, dass die landwirtschaftlichen Strukturen für immer verschwänden, wenn man sie einmal aufgebe. Fällt die Produktion unter die kritische Schwelle für die beiden Zuckerfabriken, dann würde Zucker aus Schweizer Zuckerrüben der Vergangenheit angehören.

Zucker aus der Schweiz
Rund 4500 Zuckerrübenpflanzer beliefern die beiden Zuckerfabriken in Frauenfeld und Aarberg BE, die zur Firma Schweizer Zucker AG gehören. Seit 2016 werden zudem nicht biologisch angebaute Zuckerrüben aus Österreich und Deutschland importiert, um die Auslastung der Fabriken zu verbessern. Im Durchschnitt produziert die Firma Schweizer Zucker 250000 Tonnen Zucker pro Jahr. Der Bruttoverbrauch in der Schweiz liegt laut Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz um 350000 Tonnen, was bedeutet, dass rund ein Drittel des hier verbrauchten Zuckers aus dem Ausland importiert werden muss. Derzeit könne die Rübenzuckerproduktion in der Schweiz einen ausreichenden Beitrag für eine genügende Versorgung liefern, heisst es in der Studie. Würden die Bedingungen des Weltmarkts aber liberalisiert, dann werde sich das verschlechtern.(nid)

2018 gab es noch rund 4500 Rübenpflanzer in der Schweiz. Seit 2009 haben rund 2000 Landwirte den Anbau von Zuckerrüben aufgegeben, darunter auch Rolf Spahn aus Marthalen: «Zuckerrüben lohnen sich schlichtweg nicht mehr für mich.» Bis 2015 hatte Spahn auf rund zwei Hektaren Zuckerrüben gepflanzt. Mit dem Geld, dass er bis 2013 bekommen habe, habe er die Versicherungen für seinen Betrieb decken können. «Es waren um die 8000 Franken für 180 Tonnen. Dafür würde ich es heute noch machen.»

«Ich will anständige Preise»

Von den 44 Franken pro Tonne, die man heute erhalte, bliebe nach Abzug von Produktions- und Transportkosen zu wenig übrig. Da helfe auch der Flächenbeitrag des Bundes nicht viel: «Diese Zahlungen sollte man alle abschaffen und einfach wieder anständige Preise für die Produkte bezahlen. Wie in jeder anderen Branche auch», sagt Spahn.

«Ich habe nicht gern aufgehört, für die Fruchtfolge waren die Zuckerrüben irrsinnig», sagt Spahn, die Bodenstruktur profitiere. Aber er wisse von vielen Landwirten, die sich ebenfalls überlegen, aufzuhören, oder den Anbau zumindest flächenmässig einzuschränken.

Schweizer Zucker habe einen der höchsten Reinheitsgrade, die man überhaupt erreichen könne. «Ich sehe nicht ein, wieso wir uns von den Welthandelspreisen so unter Druck setzen lassen.» Wenn es nach Spahn ginge, sollte sich die Schweizer Produktion standhaft zeigen. Er ist überzeugt, dass die Abnehmer früher oder später der Qualität wegen bereit wären, höhere Preise für Schweizer Zucker zu bezahlen.

Höhere Preise für Kunden

Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, die die Zuckerbranche selbst in Auftrag gegeben hat, kommt zum Schluss, dass die Zuckerpreise keine allzu hohe Differenz zu den EU-Preisen aufweisen dürfen. Dies um den Standort Schweiz zu sichern. Die Studie hält aber fest, dass es «unbestritten» Massnahmen zur Kostendeckung braucht.

Für Zusatzkosten in der Landwirtschaft solle der Bund aufkommen im Sinne des heutigen Flächenbeitrags, der direkt an die Landwirte geht. Einen Teil der Mehrkosten könne zudem auf die Konsumentinnen und Konsumenten verteilt werden, schlägt die Studie weiter vor. Ein moderater Grenzschutz soll einen Mindestpreis sichern. Bei einem Zuschlag von 100 Franken pro Tonne Zucker wäre mit einem Aufschlag von rund einem Rappen pro Tafel Milchschokolade zu rechnen. Für den Erhalt der Branche sei zum Schluss aber der politische Wille und eine breite Abstützung bei Kundinnen und Vebrauchern entscheidend.

«Das Glas ist halbvoll»

Von der Abstützung überzeugt ist Guido Stäger, Geschäftsleiter von Schweizer Zucker AG: «Die Kunden stehen zu uns.» Dem Schweizer Zucker gehe es gar nicht so schlecht, das Glas sei halb voll. Grund- und Richtpreis seien nun schon seit drei Jahren stabil bis leicht steigend. Stäger plädiert ebenfalls dafür, die unterstützenden Massnahmen des Bundes weiterzuführen nach 2021: «Mit einem geeinigten Auftreten der ganzen Branche sollten wir das erreichen können.» Das Ziel sei, in der Schweiz genug Rüben anzubauen, um den Bedarf an Schweizer Zucker decken zu können.

Erstellt: 18.11.2019, 18:50 Uhr

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