Tösstal

«Der Naturpark ist keine Schicksalsfrage»

Stefan Forster hält einen Naturpark im Zürcher Oberland nicht nur für gut machbar, der Experte sieht diesen als einzige denkbare Strategie. Die Region bewege sich bereits in diese Richtung.

Das Zürcher Oberland ist ein Voralpengebiet und zählt mit dem geschützten Hörnli-Bergland zu den wertvollsten Landschaften der Schweiz.

Das Zürcher Oberland ist ein Voralpengebiet und zählt mit dem geschützten Hörnli-Bergland zu den wertvollsten Landschaften der Schweiz. Bild: Daniel Fleuti

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Wie sieht das Tösstal in 50 Jahren idealerweise aus?
Stefan Forster: Wichtig ist, dass es anders bleibt als die Regionen rundherum. Das Gebiet sollte sich von der Zürcher Agglome­ration unterscheiden und nicht im Einheitsbrei aufgehen. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, wäre eine Naturparkstrategie.

Was unterscheidet das Tösstal denn von anderen Regionen?
Die Natur- und Kulturwerte sind hier noch intakter als anderswo. Das könnte man weiterent­wickeln und pflegen. Und zwar nicht nur mit Aufwertungsmassnahmen. Ein Naturpark umfasst auch das Gewerbe und die Landwirtschaft. Wie spiegeln sich die regionaltypischen Werte in den Produkten? Diese Differenzen sollte man langfristig erhalten und fördern. Nur so bleibt man einzigartig.

Natur und Kultur gibt es doch fast überall. Warum soll man gerade im Tösstal darauf setzen?
Wirklich überall? Die meisten Leute wohnen heute in Räumen, in denen es kaum noch intakte Natur- und Kulturlandschaften gibt. Das ist eine Chance für ländliche Gebiete wie das Tösstal. Alle diese Regionen haben unverwechselbare Hintergründe. Eine Naturparkstrategie kann dabei helfen, diese ins Schaufenster zu rücken. Absolut einmalig ist etwa die Industriegeschichte im Tösstal, mit der man sich noch stärker positionieren könnte.

«Die Frage ist, was strategisch die Alternative wäre. Ich sehe keine, ausser nichts tun.»Stefan Forster

Das klingt eher abstrakt. Was würde ein Naturpark im Tösstal ganz konkret bedeuten?
Es gäbe keine radikalen Änderungen. Ob ein Naturpark ein­gerichtet wird, ist auch keine Schicksalsfrage. Das Gebiet hat sich im Vergleich zu anderen schon weit in diese Richtung entwickelt, etwa mit dem Natürli-Label. Ein Naturpark könnte diesen Prozess unterstützen.

Verglichen mit den Bergenim Bündnerland sind die Hügel im Tösstal nicht so spektakulär.
Klar, eine Felswand und das Hochgebirge wirken auf den ersten Blick spektakulärer. Aber das Tösstal ist ein interessantes Voralpengebiet mit viel Geschichte, eigenem Ökosystem und speziellen Kulturlandschaften. Darauf sollte man aufbauen.

Nochmals: Was ist genaudas Ziel eines Naturparks?
Eine Strategie entwickeln, die sich der Nachhaltigkeit verpflichtet. Zusammen mit der Bevölkerung schält man heraus, was die Region einzigartig macht und welche Projekte daraus entwickelt werden können. Das stiftet Identität. Durch Pärke entstehen so auch neue Denkräume.

Man kann also nicht sagen,mit dem Naturpark will man mehr Touristen, mehr Natur oder mehr Wirtschaft?
Nein. Es geht viel eher darum, eine Balance zwischen diesen Bereichen zu erreichen. Natur und Kultur sind die Grundlagen für die Wertschöpfung in einem Natur­park.

Es gibt in der Schweiz mittlerweile 15 Naturpärke. Kanndas Tösstal von diesen lernen?
Ein gutes Beispiel ist die Biosphäre respektive der Naturpark Entlebuch, den es seit zehn Jahren gibt. Vorher war die Region weitgehend unbekannt. Heute ist das anders: Der Tourismus ist professionell organisiert, und die Produkte werden vermarktet. Der Park liegt ähnlich wie das Tösstal in einem Voralpengebiet mit vergleichbaren ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen.

Gemeinderäte im Tösstal haben sich bisher eher kritisch ­geäussert, vor allem, wenn es um die Finanzierung geht.
Die Diskussionen muss man führen. Die Frage ist, was strategisch die Alternative wäre. Ich sehe keine, ausser nichts tun. Die Raumplanung lässt relativ wenig Spielraum. Und das Naturpark­konzept entspricht den regionalpolitischen Strategien zu 100 Prozent. Zudem waren die Leute auch in anderen Parkregionen anfangs skeptisch. In der Umsetzungsphase hat sich das jeweils geändert. Kein bestehender Park hat heute Akzeptanzprobleme.

Trotzdem: Es gibt viele Landwirte im Tösstal, die nicht in einem Park leben und arbeiten wollen.
Das verstehe ich. Beim Begriff Naturpark denkt man an eine Käseglocke, unter der nichts mehr erlaubt ist, was falsch ist. Über diese Bezeichnung haben wir uns oft den Kopf zerbrochen. Dennoch ist der Name gesetzt. Der Begriff ist bekannt, und man kann sich auch international ­etwas darunter vorstellen.

Es wird also sicher keine neuen Auflagen geben?
Nein. Und das ist nicht einfach eine Behauptung. Die ersten Naturpärke sind mittlerweile zehn Jahre alt. Man kann die Leute dort fragen. Naturpärke basieren immer auf freiwilliger Mitarbeit.

Naturschützer befürchten,dass ein Naturpark mehr Leute ins Tösstal locken könnte,was die Natur belastet.
Klar, ein erfolgreicher Park lockt mehr Ausflügler ins Gebiet. Aber ein Naturpark kann auch dazu beitragen, dass die Besucher­ströme besser gelenkt oder entflochten werden. Der Park kann ein Besuchermanagement ermöglichen, das sowohl nach ökonomischen als auch nach ökologischen Gesichtspunkten Vorteile bringen kann.

Wie geht es weiter?
Die betroffenen Gemeinden haben 2017 der Ausarbeitung eines Managementplans zugestimmt. Das Herzstück dieses Plans ist die Erarbeitung von Projekten, die in den nächsten vier Jahren umgesetzt werden sollen. Dazu gehört auch die Einbindung bereits bestehender Projekte.

Dann wird auch der Namedes Parks ein Thema.Haben Sie einen Vorschlag?
Nein, das muss man erst noch ausdiskutieren. Wichtig ist, dass er von der Bevölkerung getragen wird. (Landbote)

Erstellt: 15.01.2018, 14:20 Uhr

Stefan Forster leitet an der ZHAW den Forschungsbereich Landschaft Tourismus und Nachhaltige Entwicklung am Institut Umwelt und natürliche Ressourcen. Der 49-Jährige hat mit seinem Team eine Machbarkeitsstudie für einen regionalen Naturpark im Zürcher Berggebiet verfasst. Zudem haben er und sein Team unter anderem auch die Naturpärke Schaffhausen sowie den Naturpark Beverin in ­Graubünden entwickelt. (roh) (Bild: Madeleine Schoder)

Naturpark

13 Gemeinden sind beteiligt

Der Gemeindeverband Pro Zürcher Berggebiet lancierte 2015 die Idee, einen Naturpark einzurichten. Das Projekt ist auf Akzeptanz angewiesen.


Fläche Naturpark. Quelle: Pro Zürcher Berggebiet, Grafik: da

Seit 2007 gibt es in der Schweiz die Möglichkeit, regionale Naturpärke von nationaler Bedeutung zu definieren. Bis heute sind 15 solche Pärke entstanden. Einer der ersten ist die Unesco-Biosphäre Entlebuch. Das jüngste Projekt ist der Regionale Naturpark Schaffhausen, der seit Anfang Jahr in Betrieb ist.

Der geplante Naturpark im Zürcher Oberland ist aktuell in der Projektphase und könnte sich dereinst über das Gebiet von 13 Gemeinden in den Kantonen Thurgau, St. Gallen und Zürich erstrecken (siehe Karte). Die ­betroffenen Gemeinden sind bereits über den Verband Pro Zürcher Berggebiet eng miteinander vernetzt. Bekannt ist die Region vor allem auch dank der Marke Natürli, die dem Verband gehört.

Nur wer Ja sagt, ist dabei

Trotz der guten Vernetzung ist nicht sicher, ob das Projekt um­gesetzt werden kann. Denn bevor beim Bund überhaupt ein Gesuch eingereicht werden kann, sind in allen betroffenen Gemeinden Abstimmungen nötig. Dabei müssen dem Vorhaben mindestens so viele Gemeinden zustimmen, dass der Park die Mindestfläche von 100 Quadratkilometern nicht unterschreitet. In den 13 beteiligten Gemeinden leben auf einer Fläche von 290 Quadratkilo­metern 54 300 Einwohner.

Dass es wohl nicht einfach wird, eine Mehrheit zu überzeugen, zeigen Beispiele aus anderen Regionen. Denn bereits mehrere Parkprojekte sind bei Abstimmungen gescheitert. Im Jahr 2014 lehnten drei von vier Gemeinden einen Naturpark im St. Galler Neckertal ab. Ebenfalls abgelehnt wurden ein Naturpark Simplon im Wallis und der Park Thunersee-Hohgant in Bern. Erst kürzlich gescheitert ist das Nationalparkprojekt Adula. (roh)

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