Elgg/Hagenbuch

«Die Artenvielfalt nimmt immer noch ab»

Die Gemeinden Elgg und Hagenbuch investieren von 2019 bis 2026 40 000 Franken in die Biodiversität. Agronom André Matjaz erklärt, um was es im sogenannten Vernetzungsprojekt geht.

Der Neuntöter braucht Blumenwiesen und Hecken als «Jagdsitz» um zu überleben.

Der Neuntöter braucht Blumenwiesen und Hecken als «Jagdsitz» um zu überleben. Bild: Martin Freuler

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Seit 2007 beteiligen sich Elgg und Hagenbuch an einem sogenannten Vernetzungsprojekt. Ihr Unternehmen GeOs ist damit beauftragt. Um was geht esgenau?
André Matjaz: Es geht darum, die Landschaft zu vernetzen. Isolierte Biotope haben eine beschränkte Wirkung auf die Förderung von Arten, die Tierarten müssen sich austauschen können. Damit sie die Distanzen überwinden können, brauchen sie Trittsteine.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein vernetzendes Element kann beispielsweise sein, wenn Landwirte beim Schnitt von Wiesen 10 Prozent stehen lassen. Damit haben gewisse Insekten eine Chance, ihren Fortpflanzungszyklus zu durchlaufen. Andere Beispiele wären Hecken mit vorgelagertem Saum, Blumenwiesen oder Buntbrachen auf Ackerland. Die Vogelart Neuntöter ernährt sich beispielsweise von Grossinsekten und braucht dafür einen Jagdsitz. Also etwa eine Hecke mit Ästen, von wo aus sie die Insekten jagen kann. Dann braucht die Hecke Dornen, denn darauf spiesst der Vogel die Insekten auf und legt sich so einen Vorrat an.

«Der Neuntöter braucht eine Hecke mit Dornen. Darauf spiesst er die gejagten Insekten auf.»

Oh, makaber. Wie wählen Sie denn die Tierarten aus, die Sie fördern wollen?
Wir können nicht für alle Arten spezifische Massnahmen ergreifen. Deshalb fördern wir sogenannte Schirmarten, die in der traditionellen Kulturlandschaft noch häufig waren und heute unter Druck geraten sind. Bei diesen geht man davon aus, dass die Massnahmen weiteren Arten nützen.

Und funktioniert es?
Das ist nicht ganz einfach zu sagen, man muss die Arten einzeln anschauen. Aber insgesamt kann man sagen, dass die gewöhn­lichen Arten noch da sind und anspruchsvolle Arten zumindest nicht zurückgehen. Manche sind heikler als andere und es gibt auch Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben. So kann der Feldlerche auf dem Weg nach oder in Afrika etwas zustossen.

Was stört die Vögel hier bei uns?
Lärm oder viel Bewegung mögen sie nicht. Es sind Vögel, die im Freiland brüten, das Nest ist in der Wiese und nicht in einem Baum versteckt. Im Auge haben wir beispielsweise Fluggeräte wie Drohnen oder Modellflugzeuge. Die Feldlerchen könnten sie für potenzielle Feinde halten. Manche Tiere gewöhnen sich an störende Einflüsse, zum Beispiel Rehe etwa an Strassen oder Seilbahnen. Bei der Feldlerche glaube ich allerdings eher weniger daran.

«Eine Blumenwiese kann man nicht überall anpflanzen, es kommt auf die Lage und den Nährboden an.»

Was ist konkret die Aufgabe Ihres Unternehmens?
Wir reichen ein Konzept für die Gemeinden ein, das vom Kanton bewilligt und als förderungswürdig eingestuft werden muss. Dann beraten wir Landwirte vor Ort und schauen mit ihnen, wo es Möglichkeiten zur Artenförderung gibt. Eine Blumenwiese kann man nicht überall ansäen,es kommt auf die Lage und die Nährstoffe im Boden an. Wir versuchen, für jeden Betrieb passende Massnahmen zu finden.

Sie sprechen mit allen Landwirten in den Gemeinden?
Ja, wir sprechen mit allen. Wenn sie sich beteiligen, verpflichten sie sich, gewisse Massnahmen einzuhalten. Dafür erhalten sie einen finanziellen Beitrag und werden durch den Kanton kon­trolliert. Gibt es Probleme, können die Landwirte auf uns zukommen.

Machen denn auch alle mit?
Die Vollerwerbsbetriebe machen fast alle mit. Es gibt allerdings Betriebe, die sich aus verschiedenen Gründen nicht beteiligen möchten. Etwa weil die Landwirte mit Ökologie generell nichts am Hut haben, bald pensioniert werden oder zu wenig geeignete Flächen auf dem Gemeindegebiet besitzen. Tendenziell werden es eher mehr Betriebe.

«Die Qualität ist noch nicht da, wo wir sie gerne hätten.»

Wie viele Gemeinden beteiligen sich denn insgesamt an solchen Projekten?
Mittlerweile ist ein Grossteil aller Gemeinden im Kanton beteiligt. Im Jahr 1993 hat man auf der Grundlage der Öko-Beitragsverordnung angefangen, ökologische Ausgleichsflächen zu schaffen. Mengenmässig hat man seitdem schon etwas erreicht, aber die Qualität ist noch nicht da, wo wir sie gerne hätten.

Was heisst das?
Man kann eine vielfältige Wiese durch Intensivierung, also Düngung, innerhalb von einem Jahr von 50 Planzenarten auf 20 reduzieren. Entsprechend reduziert sich die Zahl der Insekten, die auf diesen speziellen Lebensraum und dessen Blütenangebot angewiesen sind. Diese sind wiederum Nahrungsgrundlage für Vögel und Säugetiere und Reptilien. Umgekehrt dauert es aber mindestens 50 Jahre, um die Arten wieder auf natürliche Weise anzusiedeln. Für gewisse Arten fehlen auch grossflächige Lebensräume. Alles rückt zusammen und Siedlungsräume breiten sich aus. Gesamtschweizerisch sind wir noch nicht aus der Baisse des Artenschwunds heraus, die Vielfalt nimmt immer noch ab. (Der Landbote)

Erstellt: 17.01.2018, 10:37 Uhr

Agronom André Matjaz.

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