Schiedsrichter

«Die Entscheide sind zu 99 Prozent richtig»

Bekim Zogaj ist einer der wenigen Schweizer Linienrichter auf internationaler Bühne. Ein Gespräch über das Leben als Unparteiischer, Saläre und den Videobeweis.

Bekim Zogaj (ganz rechts) bei seiner «Nebenbeschäftigung». Der Mitarbeiter des Tiefbauamtes der Stadt Winterthur ist einer der wenigen internationalen Linienrichter der Schweiz, mit Einsätzen etwa auch in Saudiarabien, wie hier bei der Begegnung Al Ahli gegen Al Shabab.

Bekim Zogaj (ganz rechts) bei seiner «Nebenbeschäftigung». Der Mitarbeiter des Tiefbauamtes der Stadt Winterthur ist einer der wenigen internationalen Linienrichter der Schweiz, mit Einsätzen etwa auch in Saudiarabien, wie hier bei der Begegnung Al Ahli gegen Al Shabab. Bild: pd

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Er war schon einmal im «Landboten», Bekim Zogaj, vor zwei Jahrzehnten. Nach der obligatorischen Schule hatte er eine Lehrstelle als Zahntechniker gesucht und über 60 Bewerbungen verschickt. Aber niemand wollte den Sohn einer kosovarischen Zuwandererfamilie haben. «Weil ich keine Lehrstelle fand, blieb mir nur, das zehnte Schuljahr zu machen», erzählt er. Es folgte die Handelsschule, dann das KV. Heute arbeitet Zogaj für die Stadt, in der Administration des Tiefbauamtes, im Hauptberuf.

Im Nebenberuf ist er Schiedsrichterassistent, seit Anfang dieses Jahres als Teilprofi. Zogaj führt die Fahne in der Super League und auf internationalem Parkett: in der Europa League und bei internationalen Freundschaftsspielen. Nur die Champions League und die offiziellen Länderspiele bleiben ihm noch verwehrt. Dafür müsste Sandro Schärer, der Schiedsrichter, mit dem Zogaj die meisten seiner Spiele bestreitet, in die Elite aufsteigen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Schärer, mit Jahrgang 1988, hat eine steile Karriere hingelegt. Aber wie im Sport gilt auch bei den Unparteiischen: An der Spitze ist die Luft dünn. Nur sieben Schiedsrichter und zehn Assistenten haben in der Schweiz den Fifa-Status. Die Plätze sind für jedes Land begrenzt. Es ist ein steter Wettkampf. Ein Sport im Sport, für den sich Zogaj schon in jungen Jahren entschieden hatte, wie er jetzt, bei seinem zweiten Auftritt im «Landboten» erzählt.

Sie haben als Junior für den FC Wiesendangen gespielt. Warum wird man Schiedsrichter, wenn man Fussballer werden könnte?
Bekim Zogaj: Ich war ein ziemlich emotionaler Spieler und habe fast in jedem Match eine Gelbe Karte wegen Reklamierens bekommen. Da hat mir der Club nahegelegt, ich solle Juniorenspiele pfeifen, und mich zum Schiedsrichterkurs angemeldet.

Ihre Karriere ist also das Resultat einer Erziehungsmassnahme.
Ja, und einer wirksamen. Als ich selbst Juniorenspiele pfiff, habe ich gesehen, wie schwierig das ist. Gleichzeitig hat es mir Spass gemacht. Jetzt ist aus der Faszination ein Teilzeitjob geworden und ich habe Dinge erlebt, die ich als Fussballer kaum je erlebt hätte.

Als Linienrichter sind Sie mit Schiedsrichter Sandro Schärer unterwegs. Wie eng ist diese gegenseitige Bindung?
70 Prozent meiner Einsätze sind mit Sandro Schärer als Hauptschiedsrichter. Mit ihm hatte ich auch meine bisherigen Auslandeinsätze. Es ist allerdings nicht so, dass man als Schiedsrichter oder Assistent mit dem Team aufsteigt. Jeder muss für sich aufsteigen. Schiedsrichter, die international tätig sind, also den Fifa-Status haben, haben in der Regel zwei, drei Assistenten, die auch diesen Status haben.

Was braucht es, um so weit zu kommen?
Man muss die richtige Persönlichkeit und ein gutes Fussballverständnis haben und ein Teamplayer sein.

Wie qualifiziert man sich für die internationalen Spiele?
In der Super League wird man in jedem Spiel von einem Offiziellen beobachtet und bewertet. Am Ende der Saison entscheidet eine Kommission, welcher Assistent den Status bekommt.

Sie sind jetzt 38, mit 45 scheidet man als Profi-Linienrichter aus. Wie weit reicht es noch in den nächsten sieben Jahren?
Die Hoffnung ist sicher, dass es für die Champions-League reicht.

Und eine EM oder WM?
Die Europameisterschaften 2020 sind für uns kaum zu schaffen. Die EM 2024 wäre vielleicht ein Ziel. Aber das ist ein langer Weg und man braucht auch Glück.

«Das ist keine leichte Zeit für mich im Büro, ich bin in jeder Znüni-Pause der Regelexperte.»Bekim Zogaj, Linienrichter

Vor einigen Jahren gab es bei den WM-Schiedsrichtern noch grosse Qualitätsunterschiede. Täuscht es, oder hat sich das gebessert?
Man muss eines verstehen: Die Fifa besteht aus Kontinentalverbänden, jeder Verband stellt seine besten Schiedsrichter. Natürlich kann man sagen, dass die europäische und die asiatische Champions League sportlich nicht dieselbe Qualität haben. Aber bei den Schiedsrichtern ist dieser Qualitätsunterschied heute nicht mehr gegeben. Die Ausbildung ist viel besser geworden. Man muss sich nur mal anschauen, wie gut an dieser WM gepfiffen wird.

Das Gespräch kommt auf den Videoschiedsrichter. Für Zogaj kam das Thema nicht unerwartet, er hat in einer Mappe die Regeln mitgebracht. Die Wichtigste: Der Videoschiedsrichter greift nur ein, wenn mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Fehlentscheid vorliegt. Und den tatsächlichen Entscheid fällt der Schiedsrichter nach Prüfung der Videobilder. Auch sind die Situationen, in denen die Videobilder beigezogen werden, begrenzt: Auf Szenen, die einem Tor oder Strafstoss vorausgehen, Vorfälle mit Platzverweis, Spielerverwechslungen.

Die Kritik, etwa am Videobeweis, ist gross. Muss man davon ausgehen, dass gewisse Dinge noch justiert werden?
Man muss wissen, dass der Videobeweis schon länger eingesetzt wird, in Italien, Deutschland und Portugal. Nur an der WM ist es eine Premiere. Ohne Videoschiedsrichter hatten wir Schiedsrichter eine durchschnittliche Trefferquote von 93 Prozent, wie Untersuchungen zeigen. Mit Videoschiedsrichter liegt die Quote bei fast 99 Prozent. Ein Prozent ist immer Ermessenssache. Dann sollte sich der Video-Schiedsrichter nicht einschalten, sondern nur, wenn eine Situation eindeutig ist.

Viele Zuschauer ärgern sich aber über die Spielunterbrüche und die vielen Penaltys.
Es stimmt, wegen des Videoschiedsrichters haben wir mehr Unterbrüche und einen Rekord bei den Penaltys. Man muss aber auch bedenken, dass durchschnittlich 6 Minuten pro Spiel für Einwürfe verloren gehen und 7 für Freistösse. Ich selbst bin ein Gerechtigkeitsfanatiker, ich finde den Videoschiedsrichter gut.

Müssen wir uns im Fussball auf noch mehr Technik einstellen?
Mit der Torlinientechnologie und dem Videoschiedsrichter wurde viel erreicht. Ich glaube, mehr technische Eingriffe braucht es nicht. Spekuliert wird, ob irgendwann eine «Challenge» eingeführt wird, dass das Team den Videobeweis verlangen kann, wie man es vom Tennis kennt.

Sie sind mit dem Hauptschiedsrichter via Funk verbunden.
Ja, die Assistenten und der Videoschiedsrichter, der zentral in Moskau sitzt, sind dem Kommunikationssystem zugeschaltet.

Sie kennen bestimmt den Film «Les Arbitres». Was an dieser Dokumentation besonders Eindruck macht, ist der Originalfunk. Wie der Schiedsrichter in dem Durcheinander die Orientierung behalten muss.
Das ist für den Hauptschiedsrichter tatsächlich eine Kunst. Seit dem Film sind die Funksysteme aber etwas besser geworden, man kann den Aussenlärm etwas minimieren. Weil es trotzdem noch Funklöcher geben kann, haben wir Schlüsselwörter und dürfen über das Kommunikationssystem keine Verneinungen brauchen, also zum Beispiel nicht «kein Foul» sagen, weil das «Kein» verschluckt werden könnte. Es kommt auch darauf an, zur richtigen Zeit zu kommunizieren, bei einer Rudelbildung die Situation zu beruhigen und erst dann zu sanktionieren.

Sind Sie oft Zielscheibe von Gehässigkeiten?
In der Super League hört man das Übliche: «Wofür hast du eine Fahne» und dergleichen. Auf internationaler Ebene ist der Respekt gegenüber den Unparteiischen grösser. Aber man ist sowieso so im Tunnel drin, dass man vieles nicht wahrnimmt. Ich nehme ausserdem nie etwas persönlich. Ich war selber als Fussballer auch emotional und sehe darum alles etwas gelassener.

Emotional war auch die «Doppeladler-Affäre». Wieder eine Frage, mit der Zogaj gerechnet hat, er der selbst mit zehn Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz gekommen war. Sein Vater sei ursprünglich Saisonnier gewesen, erzählt er. Er habe die ganze Familie daheim mit Geld unterstützt, wie das bei Kosovaren üblich sei. Einen Familiennachzug hätten sie nie vorgehabt, doch dann spitzten sich die Verhältnisse im Balkan zu, und die Familie übersiedelte in die Schweiz. Xherdan Shaqiri hatte diese Woche seine eigene Zuwanderergeschichte erzählt. Zogaj kennt ihn ebenso wie Granit Xhaka, aus der Zeit, in der beide noch Junioren und Zogaj noch Hauptschiedsrichter war. Zur Affäre will er sich als Fifa-Offizieller aber nicht äussern, das wäre nicht professionell. Darum Themenwechsel.

Sie sehen fit aus. Wie viel trainieren Sie pro Woche?
Sechs bis acht Stunden. Wir haben ein Programm, das unter der Verantwortung von Nati-Arzt Etienne Fournier erarbeitet wurde. Dazu gehören Intervallläufe und Krafttraining. Alles wird via Garmin-Uhr aufgezeichnet und wir müssen wöchentlich unsere Trainingsdaten einschicken.

«Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker, ich finde den Videobeweis gut.»Bekim Zogaj, Linienrichter

Und vor der Saison werden Sie dann nochmals geprüft?
Wir haben einen Medical-Check, einen Laktatstufentest, wo man rennt, bis man nicht mehr kann. Ein Hauptschiedsrichter, muss man wissen, rennt im Schnitt zwischen 10 und 14 Kilometer pro Spiel, ein Assistent etwa 6 bis 7. In Deutschland hat man einen Vergleich gemacht, zwischen dem Spieler Thomas Müller und dem Schiedsrichter Felix Brych. Dabei kam heraus, dass Brych 1,9 Kilometer im Sprint zurückgelegt hat, Müller 1,1 Kilometer.

Apropos Sprint: Wenn es nach dem Videobeweis Elfmeter gibt, zeigt der Schiedsrichter auf den Punkt und sprintet in Superman-Manier seinem Arm hinterher. Sind solche Gesten einstudiert?
Zum Teil, ja. Zum Beispiel müssen die Schiedsrichter vor dem Rausgehen und nach dem Reinkommen den Bildschirm mit den Händen andeuten. Das Loslaufen ist dazu da, dass es schnell weiter geht und um eine Pulkbildung zu verhindern.

Es gibt Schiedsrichter, die zeigen Karten wie Verkehrslotsen, andere eher beiläufig.
Ja, da hat jeder seinen Stil. Es gibt auch kulturelle Unterschiede; Europäer kommunizieren Karten anders als Lateinamerikaner.

Geht man als Schiedsrichter auf einen Heisssporn anders zu als auf einen besonnen Spieler?
Bei klaren Unsportlichkeiten nicht. Dort wo wir einen Ermessensspielraum haben, spielt die Persönlichkeit des Schiedsrichters mit hinein. Wir sprechen vom Players-Management. Wenn man weiss, dass ein Spieler leicht die Fassung verliert, muss man ihm eine Karte nicht auf arrogante Art zeigen.

Fussballer verdienen Millionen. Und Schiedsrichter?
In der Superleague verdienen Schiedsrichter 1200 Franken pro Spiel, Assistenten 600, plus Anreise in der ersten Klasse. Die Vorbereitung über mehrere Tage ist darin eingeschlossen. Dazu kommt ein monatlicher Fixlohn.

Und in der Champions-League?
Je nach Schiedsrichter-Kategorie zwischen 4500 bis 5800 Euro. In den Länderligen hängen die Saläre von den TV-Erlösen ab. Darum haben die Engländer und die Deutschen gut bezahlte Profis, in der Schweiz ist nun dafür der erste Schritt gemacht.

Als Werbeträger wurden Schiedsrichter bisher nicht entdeckt. Warum eigentlich?
Wir sind nicht so sehr im Fokus. Und es wird schnell heikel. Etwa wenn ein Team denselben Sponsor hat wie der Schiedsrichter.

Wie ist eigentlich Ihr Leben im Hauptberuf bei der Stadt, jetzt während der WM?
Es ist klar, das ist keine leichte Zeit für mich im Büro. Ich bin in jeder Znünipause Regelexperte. Aber ich mache das auch gerne. (Landbote)

Erstellt: 28.06.2018, 14:39 Uhr

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