Wiesendangen

«Die Fusion ist eine absolute Erfolgsgeschichte»

Wo steht die Gemeinde Wiesendangen fünf Jahre nach der Fusion? Die ehemalige Bertschiker Gemeindepräsidentin Brigitte Boller und der Wiesendanger Gemeindepräsident Urs Borer im Gespräch.

Seit 2014 ist die Gemeinde Bertschikon mit Wiesendangen fusioniert. Es war die erste Fusion im Kanton nach 80 Jahren.

Seit 2014 ist die Gemeinde Bertschikon mit Wiesendangen fusioniert. Es war die erste Fusion im Kanton nach 80 Jahren. Bild: Marc Dahinden

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Über fünf Jahre sind seit der Fusion von Wiesendangen und Bertschikon vergangen. Ist die Zusammenlegung mittlerweile abgeschlossen?
Brigitte Boller: Fast. Die Wasserversorgungen werden noch miteinander verbunden. Was das Technische betrifft, haben wir sonst alles erledigt.

Urs Borer: An der Kultur können wir noch arbeiten.Die Leute sollen sich willkommen fühlen. Ich denke, es ist für die Menschen in den Aussenwachten eine Umstellung, dass sie nun ein Teil von Wiesendangen sind. Dass sie zu uns gehören, wollen wir beispielsweise mit der besseren ÖV-Anbindung der Buslinie 611 nach Bertschikon und Gundetswil zeigen. Auch wenn damit nicht alle Aussenwachten bedient werden können.

Boller: Die Aussenwachten waren schon immer abgelegen, viele Bewohner schätzen aber genau das.

Im ehemaligen Gemeindegebiet von Bertschikon leben 1000 Personen, im Rest der Gemeinde rund 5500 Personen.Die Siedlungsenwicklung des Kantons sieht vor, dass das Dorf Wiesendangen weiter wachsen soll, während Einzonungen im restlichen Gemeindegebiet nicht mehr bewilligt werden. Ist das ein Problem?
Borer: Das istdie Strategie des Kantons. Teilweise glauben die Leute deshalb, Wiesendangen kümmere sich nicht um sie. Dabei liegt das nicht in derKompetenz des Gemeinderates.Wir setzen uns aber beim Kanton für die Aussenwachten ein.

«Für mich war das Wichtigste, dass wir von unten nach oben gearbeitet haben.»
Brigitte Boller, Gemeinderätin Wiesendangen und ehemalige Gemeindepräsidentin Bertschikon

Dass der Kanton Einzonungen in Aussenwachten bewilligt, scheint aber doch eher unwahrscheinlich. Das könnte auch andere Gemeinden auf den Plan rufen.
Borer: Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass sich die ländlichen Gebiete stark entwickeln können, ist nicht allzu gross.

Wie steht es um die Identität von Bertschikon? Der Name ist weg, das Wappen auch.
Boller:Die Identitätwird sich wandeln, doch das geht nur langsam.Unser Gemeindeberater sagte immer, es dauere etwa eine Generation.

Borer: In der Gemeinde Bertschikon waren die Dörfer das Identifikationsmerkmal. Das ist immer noch so.Man kann eigentlich sagen, dass früher die Gemeinde Bertschikon das künstliche Gebilde war, jetzt ist einfach die Gemeinde Wiesendangen der Oberbau.

«Teilweise glauben die Leute, Wiesendangen kümmere sich nicht um sie.»
Urs Borer, Gemeindepräsident Wiesendangen

Der Wandel der Identität braucht also einfach seine Zeit?
Borer: Es ist auch eine Frage der Perspektive. Mal ist man Weltbürger, Schweizer oder Zürcher, je nachdem wo ich mich bewege. Und wenn man offen ist, dann spielt es eigentlich keine Rolle, ob die Gemeinde nun Wiesendangen oder Bertschikon heisst.

Es gibt auch kritische Stimmen, etwa aus Gundetswil, wo der Gemeinderat eine Handyantenne und ein Tierheim mit Hundegebell bewilligt hat. Man setze sich nicht für die Anwohner ein, heisst es dort.
Borer: Die Leute haben manchmal das Gefühl, dass ihr Anliegen auch jenes der Gemeinde sein muss. Das ist nicht unsere Aufgabe, wir nehmen ihnen keine Probleme ab. Sie haben nun die Möglichkeit, den Rechtsweg zu beschreiten. Wir haben im Vorfeld auch mehrmals mit den Anwohnern gesprochen.

Boller: Wir machen das, was wir können und auch müssen. Wir dürfen ein Baugesuch nicht einfach so ablehnen, nur weil ein Teil der Gemeinde dagegen ist. Wo kämen wir da denn hin? Dafür haben wir eine Bauordnung. Wenn man rekurriert, kümmern sich Gerichte darum. Das hat aber nichts mit der Fusion zu tun.

Die Fusion als Sündenbock?
Boller: Mag sein, dass die Fusion «schuld» ist und herhalten muss, wenn etwas anders ist als vorher und dies jemandem nicht passt. Gegenüber dem Gemeinderat hat diesen Vorwurf jedoch niemand direkt geäussert.

Borer: Es wird vermischt. Man fühlt sich nicht ernst genommen und sagt, es wäre ohne Fusion anders. Aber das ist eine Illusion.

Boller: Ohne Fusion wären wohl einfach die Bertschiker Gemeinderäte schuld.

Eine Fusion schafft Synergien, heisst es von den Befüwortern oft. Welche sind in Neu-Wiesendangen entstanden?
Borer: Auf der Verwaltung konnten wir Stellen einsparen. Wir haben nur noch einen Gemeindeschreiber und einen Finanzsekretär. Bei den Werken sind wir aber zu weit gegangen und hatten plötzlich zu wenig Personal. Das haben wir korrigiert und seit diesem Jahr wieder zwei Personen für die Leitung der Bereiche Immobilien und Werke angestellt. Insgesamtklappte esab dem ersten Tag sehr gut. Die neue Verwaltung war am 1. Januar 2014 bereit. Wir wollten, dass sich die Leute wohlfühlen. In einer Gemeinde, die professionell aufgestellt ist.

Boller: Es haben sich vor allem Synergien inder Führung ergeben. Es wird zunehmend schwieriger, professionelle Leute zu finden, die in einer kleinen Gemeinde arbeiten wollen.

Bertschikon hatte schon 2008 einen runden Tisch mit der Bevölkerung durchgeführt, an dem die Fusion Thema wurde. Warum? Eine finanzielle Not gab es damals ja nicht.
Boller: Wir haben gesehen, dass es mittel- und langfristig Engpässe geben wird. Etwa beim Personal auf der Verwaltung. Es wurde auch immer schwieriger, Leute für ein politisches Amt zu begeistern. Durch die Fusion haben wir einen Engpass vermieden. Für die Bevölkerung sind aber alltäglichere Dinge wichtig. Ob der Schneepflug am 1. Januar 2014 einsatzbereit war, zum Beispiel. Bei uns klappte das, auch wenn es am ersten Tag der Fusion nicht schneite.

Borer: Bei kleinen Gemeinden geht es sehr stark darum, dass kaum mehr Leute für ein Amt gefunden werden. Heute bräuchte Bertschikon für den Gemeinderat, die Rechnungsprüfungskommision und die Schulpflegeinsgesamt 15 Personen. Aktuell sind drei Bertschiker in der Gemeinde Wiesendangen im Amt.

«Wir haben das Gefühl, dass wir nun bessere Dienstleistungen für die gesamte Bevölkerung anbieten können.»
Urs Borer, Gemeindepräsident Wiesendangen

Was hat sich durch die Fusion für die Alt-Wiesendanger geändert?
Borer: Wir haben uns mehr in Richtung Eulachtal geöffnet. Etwa durch die Alterszentren. Wiesendangen war vorher nach Seuzach orientiert, Bertschikon ins Eulachtal. Nun kann man wählen, das ist auch für Alt-Wiesendangen eine Bereicherung.

Aktuell vertreten nur noch Sie, Frau Boller, Bertschikon im siebenköpfigen Wiesendanger Gemeinderat. Wieso gibt es keine Quote?
Boller: Das ist in einer Gemeinde nicht erlaubt, in einer Stadt mit Wahlkreisen ginge es hingegen.

Borer: Das war mit ein Grund, weshalb ich 2014 für eine Legislatur zurückgetreten bin, um Platz für zwei Bertschiker zu machen. Am Anfang war das sicher wichtig. Aber jetzt ist es an der Bevölkerung, entsprechende Personen aufzustellen. Das kann man nicht verordnen, das muss von unten her wachsen. Viel gewichtiger finde ich, dass wir mit Martin Hübscher einen Bertschiker als Kantonsrat haben, der zudem noch SVP-Fraktionspräsident ist.

«Wir können nicht sagen, wie lange wir Bertschiker genügend Geld und andere Ressourcen gehabt hätten, um selbständig bestehen zu können.»
Brigitte Boller, Gemeinderätin Wiesendangen und ehemalige Gemeindepräsidentin Bertschikon

Was ist ihre Bilanz nach fünf Jahren Fusion?
Borer: Es ist eine absolute Erfolgsgeschichte. Wir haben das sehr professionell durchgezogen. Wir haben das Gefühl, dass wir nun bessere Dienstleistungen für die gesamte Bevölkerung anbieten können.

Boller: Das kann ich unterschreiben. Ich würde es nochmals so machen. Wir können nicht sagen, wie lange wir Bertschiker genügend Geld und andere Ressourcen gehabt hätten, um selbständig bestehen zu können. Oder was in einer Not passiert wäre. Wir hatten Glück, dass wir bei der Bevölkerung mit der Fusion auf offene Ohren gestossen sind. Es war für mich wie ein aufgelegter Match beim Jassen, eigentlich muss man gewinnen.

Was für einen Tipp können Sie fusionswilligen Gemeinden geben?
Boller: Für mich war von Anfang an das Wichtigste, dass wir die Bevölkerung im Boot hatten und so ganz, ganz sachte von unten nach oben gearbeitet haben. Der Gedanke ist langsam gewachsen. Anders als im Thurgau, als sich Gemeinden in den Neunzigern zusammenschliessen mussten.

Borer: Auch die konstruktive Zusammenarbeit auf Ebene des Gemeinderats und der Verwaltung war wichtig. Man hat auf ein gemeinsames Ziel hingearbeitet, weil man davon überzeugt war.

Erstellt: 27.05.2019, 16:12 Uhr

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