Wiesendangen

«Die grösste Herausforderung war, die Geduld zu bewahren»

Martin Hübscher, SVP-Kantonsrat aus Liebensberg, ist zum Fraktionspräsidenten gewählt worden. Ein Besuch auf dem Hof des 49-Jährigen bei einem Glas Most.

Martin Hübscher aus dem Wiesendanger Weiler Liebensberg ist seit Ende August SVP-Fraktionspräsident im Kantonsrat.

Martin Hübscher aus dem Wiesendanger Weiler Liebensberg ist seit Ende August SVP-Fraktionspräsident im Kantonsrat. Bild: Nathalie Guinand

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Sie engagieren sich als Landwirt für die Einzonung von Landwirtschaftsland in eine Gewerbezone zwischen Bahnhof Wiesendangen und A1. Obwohl die Gemeinde vor einem Jahr Nein stimmte. Weshalb?
Martin Hübscher: Bei so schönem Land wie dort tut es einem natürlich weh, wenn es überbaut wird. Aber letztendlich muss man es im ganzen Kontext sehen. Durch die Zentralisierung und die bereits bestehende Erschliessung muss deutlich weniger Land verbraucht werden, als wenn jedes Dorf im Kanton ein eigenes Gewerbegebiet bauen würde.

Man kann gespannt sein, ob sich die Wiesendanger im November umstimmen lassen. Wie schätzen Sie das ein?
Persönlich denke ich, dass es gewagt ist, wenn der Gemeinderat jetzt schon wieder mit diesem Geschäft kommt. Ich bin nicht ganz sicher, ob die Bevölkerung das goutieren wird. Obwohl das Projekt sachlich gesehen überzeugend ist.

Sie kommen aus der Landwirtschaft, sind Agraringenieur und setzen sich stark für die Bauern ein. Ist das die Erklärung für den Erfolg innerhalb der Partei?
Sicher auch. Ich bin aber eher sachpolitisch unterwegs und kann gut mit allen Leuten das Gespräch suchen. Eine meiner Stärken ist sicher, dass ich gut zuhören und relativ schnell analysieren, mich konsensorientiert einbringen und trotzdem meine Positionen halten kann.

Was hat Sie in den drei Jahren im Parlament bisher am meisten überrascht?
Als Unternehmer, der sich sehr an kurze Entscheidungswege gewöhnt ist, war das am Anfang schon die grösste Umstellung. Wie lange es teilweise dauert, bis es zu einem Entscheid kommt. Oder wie viel gesprochen wird. Ich kann mich an meine erste Debatte erinnern, die über eine Stunde dauerte und am Ende sagten wir einstimmig Ja. Das kannst du fast nicht verstehen, wenn du nicht im Politbetrieb drin bist. Aber es ist ein Parlament, und da wird parliert, aus unterschiedlichen Optiken. Das war die grösste Herausforderung, die Geduld in solchen Momenten zu bewahren.

«Persönlich denke ich, dass es gewagt ist, wenn der Gemeinderat jetzt schon wieder mit diesem Geschäft kommt.»Martin Hübscher, 
Kantonsrat und SVP-Fraktionspräsident Wiesendangen 

War die SVP eigentlich schon immer «Ihre» Partei?
Ja, ich bin bürgerlich. Nicht nur wenn es um die Landwirtschaft, sondern auch um Grundeigentumswerte geht, vertritt die SVP das, was mir am ehesten entspricht. Als Präsident des Winterthurer Bezirksvereins war es aber natürlich wichtig, dass man in allen Parteien Ansprechspartner hatte und zwischen allen vermitteln konnte.

Drei Jahre im Kantonsrat und bereits SVP-Fraktionspräsident. Ein steiler Aufstieg. War das alles so geplant?
Politik kann man schlecht planen. Ich habe relativ lange gebraucht, bis ich mich für den Kantonsrat entschieden habe, auch beim Fraktionspräsidium dauerte es. Aber wenn ich mich einmal entschieden habe, dann versuche ich das so gut wie möglich zu machen, das ist meine Devise. Man muss dann wieder schauen, wenn sich andere Konstellationen ergeben. Ich bin ein politischer Quereinsteiger.

Bei Ihrer Wahl 2015 lagen Sie trotzdem bereits auf Platz vier der Liste, für die Wahlen 2019 auf Platz eins.
Vorher war lange Hansjörg Schmid aus Dinhard unser Landwirt im Kantonsrat, 2011 trat er zurück. Wir waren der Überzeugung, dass Winterthur-Land, als flächenmässig grösser Landwirtschaftsbezirk, unbedingt einen Landwirt im Kantonsrat braucht.

Was für eine Landwirtschaft entspricht Ihnen am ehesten?
Eine unternehmerische, produktionsorientierte Landwirtschaft, in der Innovationen möglich sind und eine Perspektive bietet. Sowohl für junge Bauern, als auch für Unternehmer, die eine gewisse Investitionssicherheit fordern.

Wir haben einen sehr trockenen Sommer erlebt. Müssen sich die Bauern angesichts des Klimawandels neu erfinden?
Es ist eine stetige, aber langsame Veränderung, die schon immer stattgefunden hat. Wir produzieren ja auch nicht mehr das Gleiche wie vor 200 Jahren. Das läuft parallel zum technologischen und biologischen Fortschritt sowie den gesellschaftlichen Ansprüchen. Es wird — ja muss — immer einen Wandel geben. Der Trend in der Schweiz geht immer mehr in Richtung pflanzliche Produkte, das ist für uns schwierig, denn in der Schweiz sind zwei Drittel Grasland und das müssen wir noch irgendwie veredeln.

Aber sehen Sie die Trockenheit als eine zusätzliche Herausforderung an?
Ja, es ist eine Herausforderung. Besonders für Spezialkulturen weil es dort Bewässerungssysteme braucht. Aber es wird diesbezüglich auch geforscht. Etwa, welchen Gräsern die Trockenheit am wenigsten ausmacht.

Die Landwirtschaft steht momentan unter Beschuss: Gleich über zwei Agrarinitiativen stimmen wir am 23. September ab.
Was ist Ihre Haltung zu den Initiativen über Ernährungssouveränität und Fair Food? Der Bauernverband hat Stimmfreigabe beschlossen, die Zücher SVP lehnt die Initiativen ab.
Die Frage ist, wieso gibt es gleich zwei Agrarinitiativen? Man ist offensichtlich nicht mit der jetzigen Agrarpolitik zufrieden. Die Landwirtschaft steht in einem Zielkonflikt zwischen der Produktion und anderen Anforderungen der Gesellschaft.

Letzten Herbst sagte das Stimmvolk deutlich ja, die Ernährungssicherheit in die Verfassung aufzunehmen.
Ja, der Bundesrat hätte also eine Grundlage, um Gesetze zu verabschieden, wie sie nun von den Initiativen gefordert werden, auch in punkto Nachhaltigkeit. Aber er ist offenbar nicht bereit dazu. Ich verstehe deshalb die Bauern, die nun Druck machen wollen, weil sich nichts ändert, quasi im Sinne einer Durchsetzungsinitiative.

Woher kommt denn die von Ihnen angesprochene Unzufriedenheit in der Agrarpolitik?
Ich glaube, den Leuten ist es wichtig, zu wissen, woher ihr Essen kommt.Ich gehe aber nicht davon aus, dass die Initiativen angenommen werden. Sie sind jedoch noch einmal ein Zeichen an den Bundesrat.

Könnte man die Verantwortung nicht einfach den Konsumenten überlassen?
Ich bin grundsätzlich für die Wahlfreiheit, aber ich bin auch für faire Rahmenbedingungen und die haben wir momentan nicht. Bezüglich Tierschutzgesetzen ist nichts deklariert. Wenn das so wäre, dann hätte man Wahlfreiheit. Das Gleiche ist mit positiven Deklarationen: Wenn wir ein Produkt ohne gentechnisch veränderte Organismen verkaufen, dürfen wir das nicht draufschreiben. Dann wirkt unser Produkt wie eines aus dem Ausland, das hingegen oftmals gentechnisch verändert worden ist.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.09.2018, 17:57 Uhr

Zur Person

Martin Hübscher, 49-jährig, hat ursprünglich Landwirt gelernt. Später schloss er ein Studium zum Agraringenieur ab. Der Hof in Liebensberg, den er zusammen mit seiner Frau führt, ist auf Milch- und Obstproduktion spezialisiert. Seine Frau gibt Floristikkurse. Erste politische Erfahrungen sammelte Hübscher nach seinem Studium in der Junglandwirtenkommission des Schweizerischen Bauernverbandes. Danach präsidierte er während mehr als einem Jahrzehnt den Bauernverband des Bezirks Winterthur. Im Vorstand des Zürcher Bauernverbands ist er bis heute tätig. Seit 2015 vertritt er die SVP im Kantonsrat.

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