Laax/Seuzach

Die hängenden Gärten von Laax

In der Skistation auf dem Crap Sogn Gion wuchert ein kleiner Tropenwald. Ein Gärtner aus Seuzach hat 950 Topfpflanzen auf 2229 Meter Höhe geliefert. Er hegt und pflegt sie nun, auch wenn ringsum der Schneesturm tobt.

Der Seuzacher Gärtner Andreas Dreisiebner hat einen speziellen Auftrag gefasst: Er begrünt die Skistation «Galaaxy» in den Bündner Bergen mit 950 Topfpflanzen.

Der Seuzacher Gärtner Andreas Dreisiebner hat einen speziellen Auftrag gefasst: Er begrünt die Skistation «Galaaxy» in den Bündner Bergen mit 950 Topfpflanzen.

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Vor der Glasscheibe tanzen Schneeflocken. Bei minus 12 Grad fegt ein eisiger Wintersturm um die Skistation. Hinter der Glasscheibe gedeiht einZitronenbäumchen mit neun Früchten, die bereits mehr gelb als grün sind. Drei Meter weiter vorne steht eine Bananenstaude, dann folgt eine kleine Palme, dann Dutzende weitere Blumentöpfe. Sogar an der Decke hängen Pflanzen. Das Restaurant der Bergstation auf dem Crap Sogn Gion im bündnerischen Laax ist neuerdings ein Gewächshaus mitten im Tiefschnee.Der Gärtner auf 2229 Meter über Meer ist Andreas Dreisiebner aus Seuzach. 950 Pflanzen hat er seit September per Gondelbahn auf die Bergstation gebracht. Jetzt stellt er mitten zwischen den Skitouristen eine Leiter an die Wand und klettert hinauf zu einem Blumentopf, um an den Röhrchen des Bewässerungssystems zu tüfteln.

400 Stunden Gartenarbeit

«Ein verrückter Auftrag», sagt Dreisiebner selbst. Ende August habe er einen Anruf erhalten von einem Rapper aus dem bunt zusammengewürfelten Deko-Team des Crap Sogn Gion. Ein paar Tage später gab es eine gemeinsame Besichtigung, dann ging es los. Seither haben Dreisiebner und sein Team über 400 Stunden auf dem Berg gegärtnert. Er selbst habe schon zehn Tage und sechs Nächte auf dem Crap Sogn Gion verbracht. «An den Abenden habe ich mit den Pflanzen meine Ruhe, da arbeite ich am liebsten.»

Der Underground-Gastronom Sami Khouri ist in Zürich unter dem Label Mr. Samigo mit Pop-up-Restaurants bekannt geworden. Er und sein Team haben die angemüffelte Bergstation im Skigebiet von Laax auf diese Saison hin kräftig aufgefrischt. Galaaxy heisst sie jetzt, hat von aussen einen weiss-grauen Camouflage-Anstrich und drinnen rosarote und violette Wände mit Regalen voller Schallplatten und flimmernden Uralt-Videobildschirmen. Das grosse Restaurant, zuvor mit dem Charme einer alten Kantine, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Farbiges Licht, rosarote Polster – und Dreisiebners hängender Garten.

«Ja, jede Pflanze ist echt»

«Die Gäste fragen mich hier oft: Ist das denn alles echt? Ich zeige dann auf die braunen Blattspitzen: Ja, alles ist echt.» Mit dem Luxmeter habe er die Räume ausgemessen, bevor er die richtigen Pflanzenarten ausgewählt habe, erklärt Dreisiebner. «Der Durchzug im alten Gebäude ist nicht ganz einfach.» 20 kleine Gewächse habe er in den Anfangswochen ersetzen müssen. «Das ist normal. Die Feinabstimmung läuft noch, wichtig ist, dass das Grundkonzept funktioniert.» Spezielle Pflanzenkohle verhindert, dass es im Restaurant nach Gärtnerei riecht. Einige Blumentöpfe sind an ein Bewässerungssystem mit Hightechsensoren angeschlossen, das auch Dünger liefert.

Der Clou der Installation sind die hängenden Blumentöpfe an der Decke mit speziellen Farnen und Anthurien, direkt über den Köpfen der Restaurantgäste. Um diese Pflanzen zu bewässern, hat Dreisiebner einen Bewässerungsstab entwickelt mit einem Endoskop, einer kleinen Digitalkamera an der Spitze, mit der er die Wasserstandsanzeige an den Töpfen kontrollieren kann. «Ein bisschen Hirnschmalz habe ich schon in die Sache investiert», schmunzelt er. Wie viel ihm der Auftraggeber für den Tropenwald im Skigebiet bezahlt, verrät Dreisiebner nicht. «Am Anfang lag das Budget bei mehreren Zehntausend Franken. Die Planung ist aber rollend, es sind seither noch viele Pflanzen dazugekommen.»

«Es ist schrill und schräg»

Im Unterland ist Dreisiebner auch als umweltbewusster CVP-Politiker und Solarenergiepionier bekannt. Wie passen da 950 Tropenpflanzen im Hochgebirge ins Bild? «Die Skistation müsste man energetisch sanieren. Die Isolation ist an einigen Stellen antik», sagt Dreisiebner. Die Bepflanzung sei aber nachhaltig. «Das sind mehrjährige Pflanzen, die halten bei entsprechender Pflege jahrelang.» Die Umgestaltung der Galaaxy sei zwar «schrill und schräg», aber ein faszinierendes Projekt. Und die Wirkung der Pflanzen im Bergrestaurant sei doch wunderbar. «Sie dämpfen den Lärm und verbessern das Raumklima. Die Galaaxy ist eine richtige Oase im Skigebiet.» Auch die Auftraggeber schwärmen über die Bepflanzung: «Die Pflanzenwelt in der Galaaxy entwickelt sich hervorragend», sagt Robert Adam, der Betriebsleiter der Gastronomie. «Ich bin gespannt und hoffe, es geht so weiter, denn die Pflanzen schaffen eine ganz besondere grüne Galaaxy-Atmosphäre und runden das Gesamtbild ab.»

Die Installation des Gartens ist grundsätzlich abgeschlossen. Dreisiebner ist daran, die Pflege ans Personal vor Ort zu übergeben. Sechs bis acht Stunden Einsatz pro Woche seien nötig. Man hat den Eindruck, Dreisiebner zweifle noch etwas daran, ob jemand auf der Bergstation den nötigen grünen Daumen für seine Pflänzlein hat. Er wird den hängenden Garten wohl auch weiterhin immer wieder besuchen. Vielleicht steht er dann auch einmal auf die Ski. Denn dafür hatte er bis jetzt keine Zeit. «Ich habe mich nur um die Pflanzen gekümmert.» (Der Landbote)

Erstellt: 12.12.2017, 19:18 Uhr

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