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«Die Heime müssen klar Stellung beziehen»

Begleitet aus dem Leben scheiden, kann eine Lösung sein. Der ­Gerontologe Markus Leser plädiert für einen besonnenen Umgang mit Sterbehilfe.

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Herr Leser, Sie sind Gerontologe und beschäftigen sich beim Verband Curaviva von Berufs wegen mit dem Sterben. Schweizweit wählen immer mehr Bewohner von Alters- und Pflegeheimen den begleiteten Freitod. Warum?
Markus Leser: Vor zehn Jahren war der begleitete Freitod kaum ein Thema. Heute schon. Es wird aber viel mehr dar­über gesprochen, als es dann tatsächlich getan wird. Die Zahlen wachsen in der gesamten Gesellschaft, aber auf sehr tiefem Niveau.

War­um wird so viel mehr ­dar­über gesprochen als früher?
Bis vor zehn Jahren waren Sterben und Tod Privatsache. Seit man dar­über öffentlich redet, ist Bewegung ins Thema gekommen. Das Sterben ist enttabuisiert worden. Das ist gut so. Das Ausmass von begleitetem Suizid ist aber nicht so riesig, wie von den Medien suggeriert wird.

Von wie vielen reden wir?
Nur jeder zehnte über 65-Jährige lebt in einem Heim. Rund 60 Prozent der Heimbewohner leiden an Demenz und dürfen deshalb keinen begleiteten Freitod machen. Dieser wird nur Menschen bewilligt, die auch urteilsfähig sind. Es sind gesamthaft weniger als ein Prozent, die so sterben wollen.

Aber Sterbehilfeorganisationen haben doch viel Zulauf!
Das stimmt. Aber nur weil jemand Mitglied wird, heisst das noch nicht, dass er es auch tun wird. Das ist ein Fehlschluss. Viele treten bei, um die Möglichkeit zu haben. Nur wenige tun es wirklich. In der Medienberichterstattung gehen zudem die Alternativen vergessen.

Die da wären?
Es gibt eine breite Palette an Möglichkeiten, die «ein gutes Leben bis zuletzt» ermöglichen sollen. Medizin und Pflege haben bei der Begleitung von Schwerkranken grosse Fortschritte gemacht. Psychologische Betreuung kann eine grosse Rolle spielen und das vor sieben Jahren lancierte nationale Projekt zum Thema Palliative Care. Palliative Care setzt sich zum Ziel, unheilbar kranken Menschen bis zum Schluss eine höchst mögliche Lebensqualität zu ermöglichen. Diese im Vergleich zum begleiteten Suizid unspektakulärere Begleitung im Stillen wird in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen. Das ist schade.

Früher hiess es «nur sterben muss man», heute kann ich ­sogar das entscheiden. Ganz schön kompliziert …
Ja. Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, wird uns auch im Alter nicht genommen. Jeder muss selber genau schauen, was für ihn passt, und dann entscheiden. Und dasselbe müssen auch die Heime machen. Sie müssen die Fragen beantworten: Was lassen wir zu? Was nicht? Da braucht es eine Offenheit von allen Seiten. Denn in dieser Frage gibt es kein abschliessendes Richtig oder Falsch. Das muss jede Person und jede In­sti­tu­tion für sich selber entscheiden.

Welche Rolle kommt den ­Alters- und Pflegeheimen zu?
Sie müssen sich klar positionieren. Es ist wichtig, dass Heime Neueintretenden von Anfang an ihre Position mitteilen.

Haben Sie einen Überblick, wie die Heime sich entscheiden?
Genaue Zahlen haben wir nicht. Aber es gibt Häuser, die etwa aufgrund einer religiösen Trägerschaft das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Andere sagen, wir lassen begleiteten Suizid zu, weil das Heim die Heimat der Person ist. Und da solle sie frei sein, selber zu entscheiden, wenn sie die Bedingungen erfüllt.

Wie ist das Pflegepersonal ­betroffen?
Pflegende sind mit dem Sterben und Tod dauernd konfrontiert, sie sind dafür auch speziell geschult. Das Lebensende ist immer be­lastend. Im Einzelfall kann man nicht ausschliessen, dass das sehr schwierig sein kann.

Wie gross ist das Risiko, dass ich irgendwann als alter Mensch das Gefühl habe, nur noch eine Last zu sein und zu kosten?
Das darf nicht passieren, das wäre eine sehr gefährliche Entwicklung. Deshalb ist es wichtig, auch die Alternativen aufzuzeigen, zum Beispiel mit Palliative Care.

Erstellt: 03.02.2016, 09:35 Uhr

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