Persönlich

Die musizierende Rettungssanitäterin

Die 26-jährige Jasmin Sewer hat vor kurzem eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin begonnen. Daneben leitet sie den Musikverein Kemptthal. Die Musik ist für sie Ausgleich zu einem Job, bei dem sie nie weiss, was sie erwartet.

Jasmin Sewer vor einer Ambulanz des Rettungsdienstes Winterthur. Sie fährt sie oft auch selbst.

Jasmin Sewer vor einer Ambulanz des Rettungsdienstes Winterthur. Sie fährt sie oft auch selbst. Bild: Marc Dahinden

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In einer Toilette am Stauffacherplatz in Zürich liegt eine Frau am Boden, sie ist bewusstlos. Jasmin Sewer steht daneben, auch ein Polizeibeamter ist anwesend. «Habe ich mich wirklich für den richtigen Job entschieden?», habe sie sich einen ganz kurzen Moment lang gefragt, sagt Sewer. «Doch schon Sekunden später war der Zweifel wieder weg.»

Die 26-Jährige hat vor fünf Wochen ihre Ausbildung zur Rettungssanitäterin begonnen. Angestellt ist sie beim Rettungsdienst Winterthur, der bei Notfällen im Versorgungsgebiet des Kantonsspitals ausrückt. Der Einsatz in Zürich war einer ihrer ersten. Er fand allerdings während eines Praktikums bei Schutz & Rettung in Zürich statt. Es ist aber nicht Sewers erste Ausbildung. Sie hat eine Lehre als Fachangestellte Gesundheit abgeschlossen und sich danach noch an einer höheren Fachschule zur Pflegefachfrau weitergebildet.

«Schon während meiner ersten Ausbildung hat mich der Rettungsdienst interessiert», sagt sie. In der Pflege würden sich die Abläufe täglich wiederholen. «Alles ist stark reglementiert.» Im Gegensatz dazu wisse sie beim Rettungsdienst nie, was sie an einem Arbeitstag erwarte. Und das gefällt ihr. «Selbst die Einsatzmeldung stimmt oft nicht mit dem überein, was ich dann vor Ort antreffe.»

Eine jüngere Schwester

Jasmin Sewer ist mit einer zwei Jahre jüngeren Schwester in Effretikon aufgewachsen. Im Jahr 2012 zog die Familie ins Nachbardorf Lindau, wo die Eltern heute noch leben. Seit einem Jahr wohnt sie in Wallisellen. Die junge Frau lacht viel. Wenn sie über ihre Ausbildung erzählt, dann leuchten ihre Augen. Als Rettungssanitäterin müsse man belastbar und flexibel sein, strukturiert und im Team arbeiten können, sagt sie. Dass sie diese Voraussetzungen mitbringt, glaubt man ihr auf Anhieb.

Denn ausser der Sanität gibt es in ihrem Leben noch eine zweite Leidenschaft: die Musik, die gleichzeitig auch ein Ausgleich zu ihrem Beruf ist. Seit etwas über zwei Jahren leitet sie mit ihrer Schwester den Musikverein Kemptthal. Ihre Schwester ist Präsidentin, sie selbst amtet als ihre Stellvertreterin. Die jungen Frauen waren dem Verein kaum beigetreten, als sie angefragt wurden, ob sie die Leitung übernehmen wollten. Ein Jahr Bedenkzeit hätten sie sich ausbedungen, sagt Jasmin Sewer. In dieser Zeit konnten sie die Musiker und ihre Organisation richtig kennen lernen. «Dann haben wir zugesagt.»

Im Verein gut aufgenommen

Sie seien im knapp 20 Mitglieder zählenden Verein von Anfang an sehr gut aufgenommen und unterstützt worden. «Doch ich habe die Arbeit im Vorstand unterschätzt», räumt Jasmin Sewer ein. Denn als Mitglied bekomme man oft nicht mit, wie viel im Hintergrund zusätzlich noch ablaufe. Sie habe in den letzten Wochen zusammen mit den anderen Vorstandsmitgliedern die Abendunterhaltung von kommendem Samstag organisiert. Der Anlass ist das Hauptkonzert im Vereinsjahr. Ein zweiter Konzertabend findet im Frühjahr in der Kirche statt.

Sewer ist für die Festwirtschaft verantwortlich. Und die Arbeiten, die es in diesem Zusammenhang zu erledigen gebe, seien viele: Menükarten schreiben, Essen organisieren, einkaufen, Tischdekorationen basteln und Weiteres mehr. «Es passiert mir immer wieder, dass ich etwas falsch mache oder vergesse», sagt sie. «Doch ab und zu ins Messer zu laufen, gehört einfach dazu.»

Widerstand ist menschlich

Als die beiden jungen Frauen 2017 einige Neuerungen im 1897 gegründeten Verein einführten, gefiel das nicht allen. Denn vieles ist jahrelang ähnlich abgelaufen. Doch Sewer sieht das locker: «Ein bisschen Widerstand ist normal, so sind wir Menschen.» Mittlerweile stehen alle Vereinsmitglieder hinter den beiden. Und das schätzten sie sehr, sagt die junge Frau. Die Ur-Effretikerin selbst spielt Querflöte. Angefangen hat sie wie viele mit Blockflöte an der Primarschule. In der Gruppe zu musizieren, sei viel schöner als alleine, sagt sie. «Man kann coole Stücke spielen.» Dazu gehört in ihren Augen Filmmusik. Ein Medley vom «König der Löwen» ist eines ihrer Lieblingsstücke. «Das kann man alleine nicht spielen.»

Und wie lassen sich Musik und Rettungssanität vereinbaren? Denn nicht nur Ersteres findet oft abends und an Wochenenden statt, sondern auch Letzteres. «Das geht sehr gut», sagt Sewer. Die Vereinskollegen hätten sich längst daran gewöhnt, dass sie Schicht arbeite und darum an den Proben manchmal fehle. Einen Freund hat sie keinen. «Dafür fehlt mir im Moment definitiv die Zeit.» Wenn sie frei hat, geht sie am liebsten wandern oder bleibt auch mal einen Tag zu Hause. Denn: «Im Job ist es stressig genug.»

Erstellt: 03.11.2019, 16:22 Uhr

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