Elgg

Die Nachbarn im Strahl der Antenne

In Elgg wehrt sich eine Interessensgruppe seit Jahren gegen eine Antenne von Sunrise. Doch der Standort-Vermieter will sich nicht unter Druck setzen lassen. Eine Auslegeordnung.

Thomas Fries will sich noch nicht festlegen, ob er den Vertrag mit Sunrise auf 2019 kündigen wird.

Thomas Fries will sich noch nicht festlegen, ob er den Vertrag mit Sunrise auf 2019 kündigen wird. Bild: Donato Caspari

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Eine Antenne hat ein Quartier in Elgg fest im Griff respektive im Strahl. Begonnen hat der Streit vor mehr als sechs Jahren, als Thomas Fries Sunrise die Einwilligung gegeben hat, auf dem Dach seiner Schreinerei eine Mobilfunkantenne zu installieren. Kritiker, wie Fries sagen würde, Geschädigte, wie sie sich selbst bezeichnen, sind an erster Stelle: Debora Widmer, direkte Nachbarin, die gesundheitliche Beschwerden bis zur Arbeitsunfähigkeit geltend macht. Thomas Peter, Landwirt, dessen Stallgebäude ebenfalls im Sendebereich der Antenne steht und der ihr totgeborene Kälber und diverse erkrankte Kühe anlastet.

Formiert haben sie sich in der Interessensgruppe (IG) Mobilfunk mit Vernunft Elgg. Rund 25 aktive Mitglieder gehören ihr nach Aussage Widmers und Peters an.Hatte sich der Streit in den letzten Jahren etwas gelegt, so ist er im Sommer dieses Jahres erneut aufgeflammt, als Sunrise den Austausch der Antenne angekündigt hat. Aus 3G wird 4G (siehe Box). Fries nennt es Technologieanpassung. Die IG Mobilfunk nennt es Aufrüstung. Sie fordert Fries auf, den Vertrag mit Sunrise auf das nächstmögliche Datum, Mai 2019, zu kündigen. Die Kündigungsfrist läuft im Mai 2017 ab.

«Kein Leid über Elgg»

15 leuchtend gelbe Banner stehen zur Zeit in Elgg. Unter dem Namen von Fries’ Unternehmen fordern sie gross «Nein!!» zur neuen Antenne. Aufgestellt hat sie die IG Mobilfunk, es ist nicht die erste Aktion dieser Art und weitere sind angekündigt. Den Namen seiner Firma möchte Geschäftsführer Fries nicht publiziert sehen. Weder bei sich noch bei seinen rund 50 Angestellten stellt er gesundheitliche Beeinträchtigungen, ausgelöst durch die Antenne, fest. Aber in anderen Bereichen hatte sie über die Jahre durchaus Auswirkungen.

Das Gespräch mit ihm findet während einer Autofahrt durch die Region Winterthur statt. Fries nutzt sie, um seine Argumente mit Anschauungsmaterial zu untermauern. Er weiss genau, wo die Antennen in der Umgebung stehen. Das Thema Strahlung beschäftigt ihn, davon zeugt auch ein dicker Ordner mit Material und Dokumentationen in seinem Büro. Alle paar Meter zeigt er durch die Windschutzscheibe, meistens auf ein Hausdach: «Da steht wieder eine, sehen Sie?»

Seine Botschaft: Tausende Antennen spannen in der Schweiz ein immer lückenloseres Mobilfunknetz, warum sollte diese eine, auf dem Dach seines Geschäfts, schädlicher sein als andere? Fries sagt, er wolle sich der Verantwortung nicht entziehen – aber es fehlen Beweise. «Es liegt mir fern, Leid über Elgg zu bringen», sagt er, der Satz scheint schon zu einer Art Mantra geworden. Er selbst wohnt zwar in Frauenfeld, das Unternehmen jedoch, 1979 von seinem Vater gegründet, ist seit jeher in Elgg beheimatet.

«Inneres Vibrieren»

Zehn Jahre lang habe sie nach dem perfekten Haus gesucht, sagt Debora Widmer. Sie sitzt am Holztisch in der hellen Küche ihres Hauses – 94 Meter Luftlinie trennen sie von der Sunrise-Antenne. Die freischaffende Steinbildhauerin will am selben Ort wohnen und arbeiten können, zweiteres am liebsten im Freien. Das Haus mit Terrasse in Elgg würde ihr diese Möglichkeit eigentlich bieten.

«Draussen ist es 
am schlimmsten»
Debora Widmer,
Nachbarin

«Draussen ist es am schlimmsten», sagt Widmer. Seit einiger Zeit sei sie arbeitsunfähig. Die Symptome: Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit und «ein dauerhaftes, inneres Vibrieren», führt sie auf die Strahlung zurück. Mit Maschinen am Stein zu arbeiten, sei zu gefährlich. «Ich bin schon dreimal zusammengeklappt.» Dass sie derart stark reagiere, habe wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sie das Haus sehr selten verlasse. «Wenn ich am Morgen zur Arbeit gehen und am Abend wiederkommen würde, hätte ich die Probleme vielleicht gar nicht», sagt sie. Das ist für sie jedoch keine Option. Genau so wenig kommt ein Umzug in Frage.

Die Leistung der Antenne in Elgg wird auf der Karte des Bundesamts für Umwelt (Bafu) als «gross» kategorisiert. Ihre Gesamtleistung liegt bei insgesamt vier Kilowatt (siehe Box). Der nationale Grenzwert für das elektrische Feld liegt bei sechs Volt pro Meter. Die IG Mobilfunk legt Messungen aus Widmers Haus vor, die bis zu drei Volt pro Meter belegen sollen. «Verschiedene Studien weisen auf biologische Effekte hin, die durch Strahlung mit einer Intensität deutlich unterhalb der internationalen Grenzwerte ausgelöst werden», heisst es dazu beim Bafu.

Wie die Auswirkungen zustande kommen, sei jedoch nicht bekannt. Ebenso wenig lasse sich beim heutigen Kenntnisstand sagen, ob und unter welchen Bedingungen sie zu einem Gesundheitsrisiko werden. «Die Auswirkungen schwacher Hochfrequenz-Strahlung auf den Menschen müssen deshalb weiter wissenschaftlich untersucht werden.»

Anonyme Anrufe und Boykott

Als 2010 das Baugesuch an die Gemeinde gestellt war, erhielt Fries anonyme Anrufe zuhause – mehrmals täglich, über Wochen, auch am Weihnachtsabend. «Das war sehr unangenehm. Es hat erst aufgehört, als wir anonyme Anrufer sperren liessen», erzählt er, während er zur nächsten Überbauung einbiegt. Mehrere Antennen stehen auf den Dächern in der dichtbebauten Siedlung.

«Das war sehr unangenehm. 
Es hat erst aufgehört,
 als wir anonyme Anrufer 
sperren liessen»
Thomas Fries,
Standort-Vermieter

Später gingen nach einer Flugblattaktion der IG Mobilfunk Beschwerdebriefe und Boykottdrohungen gegen die Schreinerei ein. Fries begegnet solchen Angriffen mit stoischer Sachlichkeit. Öffentlich äussert er sich gar nicht. Wer einen unterzeichneten Brief schickt, erhält eine persönliche Antwort. Auch auf die gelben Banner gedenkt Fries nicht, zu reagieren. Er weist lediglich darauf hin, dass die Baubewilligung dafür fehlt: «Die Plakate sind illegal.» Das Bauamt Elgg habe die IG Mobilfunk bereits aufgefordert, eine Bewilligung nachzureichen. Diese bestreitet allerdings, dass nach der Gemeindeordnung diese Art von Plakaten einer Bewilligung bedürfen.

«Die Tiere gehen kaputt»

An Debora Widmers Tisch sitzt auch Landwirt Thomas Peter. Sein Stallgebäude mit Milchkühen steht vis-a-vis. Die Strahlung betrage dort zwar nur noch einen Bruchteil im Vergleich zum Haus Widmer, ungefähr 0,3 bis 0,5 Volt pro Meter, die Tiere bekämen sie trotzdem zu spüren. Betroffen sind laut Peter vor allem die vordersten vier Einstellplätze im Stall, die in der Hauptstrahlrichtung der Antenne stehen. «Ich wechsle mit den Tieren an diesen Plätzen alle vierzehn Tage ab. Sonst gehen sie mir kaputt», sagt er. Früher hätten seine Tiere sehr selten Klauenprobleme gehabt, seit die Antenne stehe, häuften sich die Klauenkrankheiten und Geschwülste.

Ab Winter 2013 gab es Aborte und vier Kälber kamen tot zur Welt, eine grosse Häufung für den Hof Peter. Im Nachhinein hat die IG Mobilfunk herausgefunden, dass just zu dieser Zeit die Leistung der Antenne erhöht war. In ihren Augen weit mehr als Zufall. Auch 2014 und 2015 kam es insgesamt zu vier Notschlachtungen, drei Tiere wurden eingeschläfert. In einer Stellungnahme vor einem Jahr hält Peters langjähriger Bestandestierarzt fest: Er sei schockiert. Die Probleme auf dem Betrieb seien ebenso dramatisch wie unerklärlich. Der Klauenschneider hält seinerseits fest: Er habe sich auf dem Hof unwohl gefühlt.

Es geht ums Prinzip

Lohnt sich der ganze Ärger für die Antenne? «Natürlich habe ich auch schon überlegt, die Sache sein zu lassen», sagt Fries. Aber es geht ihm erstens um Elgg und zweitens ums Prinzip. Die Antenne sei für ihn Bestandteil der Infrastruktur. Sunrise habe sie aufgestellt, weil die Kapazität der Antenne auf dem Schneitberg, Luftlinie etwa ein Kilometer, für den südlichen Teil von Elgg nicht ausreiche. «Ich habe den Empfang selbst überprüft und mit Leuten aus dem Quartier gesprochen.» Mehrere hätten ihm bestätigt, dass sie nur mit Sunrise guten Empfang in ihren Wohnungen hätten. Swisscom und Salt, die beide ebenfalls vom Schneitberg aus senden, fielen deutlich ab.

Natürlich hat das Miet-Verhältnis mit Sunrise auch einen finanziellen Aspekt. Eine konkrete Zahl will Fries nicht nennen, sagt aber: «In Elgg könnte man sich knapp eine 1,5-Zimmer-Wohnung leisten damit.» Wirtschaftlich hänge seine Firma nicht von diesem Betrag ab.

Das Recht ist aufseiten Sunrise

«Wir halten alle Grenzwerte und Richtlinien ein», sagt Therese Wenger, Pressesprecherin bei Sunrise. Das Datenvolumen verdopple sich in der Schweiz jedes Jahr, dem müsse man gerecht werden. Ein Vertreter der Sunrise nahm an einem der vielen Vermittlungsgesprächen in Elgg teil. Die IG Mobilfunk fühlte sich nicht ernst genommen, auch seien Briefe mit Schadensmeldungen an Sunrise unbeantwortet geblieben. Wenger sagt: «Wir können nicht viel machen.» Die Situation in Elgg mit Wohnhaus und Stall in der Nähe einer Antenne mit dieser Sendeleistung sei keinesfalls aussergewöhnlich.

«Wir halten alle Grenzwerte 
und Richtlinien ein»
Therese Wenger,
Pressesprecherin Sunrise

Auch der zuständige Elgger Gemeinderat Robert Bustini sass an mehreren runden Tischen. Doch die Gemeinde hat keine Handhabe, so lange sich alles innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt. Er sagt: «Niemand kann nachweisen, dass die Strahlung tatsächlich für Schäden verantwortlich ist.» Das erste Baugesuch 2010 hatte die Gemeinde trotzdem abgelehnt, aus Solidarität mit der IG Mobilfunk, wie es scheint. Das Gericht gab Sunrise Recht.

Noch ist nichts entschieden

Die Rundfahrt geht zu Ende, Fries hält auf Elgg zu. «Dass jeder Anbieter mit Privaten über Antennen-Standorte verhandeln muss, ist Blödsinn», sagt er. Er schlägt vor, das Mobilfunknetz zum offiziellen Teil der Gemeindeinfrastruktur zu erklären. Ähnlich wie bei der Glasfaser-Erschliessung müsste sich die Gemeinde dann mit dem Thema befassen. Behörden, die ihre Beschlüsse vor dem Volk rechtfertigen müssen, wären angespornt, sich detailliert zu informieren.

Hundert Meter vor seinem Geschäft hält Fries auf der Strasse an und misst mit einer App private Wireless-Signale. Mindestens zehn tauchen auf der Anzeige auf. «Wahnsinn, sehen Sie, wie das ausschlägt? Das reicht aus den Häusern bis weit auf die Strasse.» Ob er ab 2019 weiter Vermieter für eine Sunrise-Antenne sein will, lässt er offen. ()

Erstellt: 07.11.2016, 18:51 Uhr

Technik und Grenzwerte

Wer auf der Website des Bundesamts für Kommunikation die Übersichtskarte für Sendeanlagen in der Schweiz öffnet, sieht sich mit vielen blauen Punkten konfrontiert. Jeder davon steht für eine Antenne, die bereits mit der vierten Generation (4G) von Mobilfunktechnologie ausgerüstet ist, LTE (Long Term Evolution) genannt. Deutlich höhere Downloadraten im Vergleich zum Vorgängernetz der dritten Generation UMTS sollen möglich sein.

Laut Swisscom haben bereits 98 Prozent der Schweizer Bevölkerung Zugriff auf ein LTE-Netz. Ein Grossteil der landesweit 16 000 (Stand 2013) Antennen dürften also bereits umgerüstet sein. Die Grenzwerte blieben in Elgg dieselben.

Jedes Netz jeder Antenne wird in eine von vier Leistungskategorien eingeteilt. Sehr klein (1 bis 10 Watt), klein (10 bis 100 Watt), mittel (100 bis 1000 Watt) und gross (ab 1Kilowatt). Im Fall von Elgg verfügen sowohl das 3G- wie das 4G-Mobilfunknetz über eine «grosse» Sendeleistung. Bewilligt sind an diesem Standort 4040 Watt. Die elektrische Feldstärke ist auf 6 Volt pro Meter begrenzt. Sie gibt die Kraft an, welche ein elektrisches oder magnetisches Feld auf ein geladenes Teilchen ausübt.

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