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Die Region trocknet weiter aus

Bei etlichen landwirtschaftlichen Kulturen drohen wegen der anhaltenden Trockenheit geringere Erträge. Doch je nach Pflanze und Standort gibt es teils grosse Unterschiede.

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Ob Hobbygärtner oder Landwirt: Letzten Freitagnachmittag warteten in der Region alle auf die angekündigten Gewitter, die endlich den erhofften Regen hätten bringen sollen. Doch 24 Stunden später blieb es bei bloss 1 Millimeter und weniger – der berühmte Tropfen auf den heissen Stein. Während es im Jura, den Alpen und im westlichen Mittelland mehr oder weniger stark regnete, blieb der Nordosten der Schweiz praktisch trocken.Ob Zuckerrüben, Getreide, Futterwiesen, Kartoffeln oder Mais: Wie es den landwirtschaftlichen Kulturen in der Region derzeit geht, weiss Martin Bertschi vom Strickhof, dem kantonalen Kompetenzzentrum für Landwirtschaft. Das Bild, das er zeichnet, ist jedoch nicht einheitlich. Denn zum einen waren die Gewitter der vergangenen Tage und Woche sehr lokal – es regnete also nicht überall gleich viel. Zum anderen spielt die Beschaffenheit des Bodens eine grosse Rolle, wie rasch dieser austrocknet. «Je tiefer der wasserspeichernde Tongehalt und je flachgründiger der Boden, desto mehr leiden die Pflanzen unter der Trockenheit», sagt Bertschi.

Viel Regen angekündigt

Weil es diesbezüglich manchmal im selben Feld Unterschiede gibt, lassen zum Beispiel Zuckerrüben an einem Ende des Ackers ihre Blätter hängen, am anderen nicht. Auch Entwässerungsrohre unter den Äckern können zu sehr lokalen Dürrezonen führen, sichtbar als Streifen vertrockneter Pflanzen quer durchs Feld. Dies, weil das Wasser im Boden durch die Sickerleitungen rascher abgeflossen ist.

Ab letzten Freitag hätte in der Region Winterthur eigentlich eine Gewitterperiode einsetzen sollen. «Der Wetterdienst sagte 30 Millimeter Regen voraus, dann wurde es 1 Millimeter», sagt Bertschi. Je nach Zeitpunkt und Wetterdienst hätten sich die Vorhersagen übers Wochenende ständig geändert.

Bei den Wiesen falle der dritte Schnitt im Jahr heuer wegen Trockenheit aus, sagt Bertschi weiter. Denn nach dem zweiten Grasschnitt seien sie kaum nachgewachsen. Über das ganze Jahr gesehen rechnet der Strickhof-Experte mit 20 Prozent weniger geschnittenem Gras, das den Milchkühen im Winter als Futter dient.

«Ob der spät gesäte Mais noch ausreichend Kolben bildet, ist momentan sehr unsicher.»Martin Bertschi, Strickhof

Der Futtermais sieht vielerorts noch ordentlich aus. Doch es gibt auch Felder mit bereits eingerollten oder sogar gelb verfärbten Blättern. Aber auch wenn manche Maispflanzen noch intakt aussehen: Spät gesäter Mais blüht jetzt, und in dieser Zeit bräuchte er viel Wasser, um genügend grosse Kolben auszubilden. Denn die Maiskolben sind der nahrhafteste Teil des Futtermaises. Ob dieser nach einem Grasschnitt gesäte Mais noch ausreichend Kolben bilde, «ist momentan sehr unsicher», sagt Bertschi. So drohen also wie beim Futtergras auch beim Futtermais Ertragseinbussen durch die anhaltende Trockenheit.

Pflanzen im Stress

Manche Zuckerrüben lassen tagsüber ihre Blätter hängen. «Das ist noch nicht tragisch», sagt Bertschi. Die Pflanzen tun dies, um die Verdunstung über die Blätter zu verringern. Dabei schliessen sie tagsüber die Spaltöffnungen in den Blättern, wodurch der Wasserdruck in den Zellen abfällt und die Blätter welken. In dieser Zeit ist die Photosynthese und damit auch das Wachstum der Rüben unterbrochen. Kritisch wird es erst, wenn sich die Blätter der Zuckerrüben über Nacht nicht mehr erholen und auch frühmorgens noch welk sind. Dann verdorren die Blätter wirklich und die Pflanze beginnt von den Zuckerreserven in der Rübe zu zehren. So entstehen zwar neue Blätter, allerdings auf Kosten des Vorrats an Zucker – was wiederum eine geringere Ernte bedeutet.

Kartoffeln haben relativ schwache Wurzeln und benötigen deshalb relativ viel Wasser. Können Landwirte ihre Äcker nicht bewässern, gibt es weniger und kleinere Kartoffeln und somit weniger Ertrag. Auch Kartoffeln mit Hohlräumen im Innern können eine Folge von Trockenheit sein. Betroffen sind vor allem spät gesteckte Kartoffelsorten, die ihre Grösse noch nicht erreicht haben, deren Kraut aber bereits wegen der Trockenheit abstirbt. Denn ohne das Grün und die Photosynthese können die Kartoffeln nicht mehr wachsen.

In normalen Jahren wäre die Ernte von Getreide jetzt, also gegen Ende Juli, noch in vollem Gange. Heuer ist die Getreideernte fast überall abgeschlossen.

Bei Gerste, Weizen und Raps sind die Erträge laut Bertschi meist etwas unter den Erwartungen geblieben, wobei es eine grosse Streuung gegeben habe. Teils sei die Ernte positiv ausgefallen, andernorts seien die Pflanzen als Stressreaktion auf die lang anhaltende Trockenheit notreif geworden «und haben punkto Ertrag enttäuscht». Überraschend positiv fiel trotz der grossen Ertragsschwankungen die Qualität der Weizenernte aus, was insbesondere die Müller freuen dürfte. Positiv ist dieses Jahr auch, dass es viel weniger Pilzkrankheiten gibt, die durch feucht-warmes Wetter gefördert werden. Dagegen mögen Insekten und damit auch Schädlinge wie Erdflöhe und Kartoffelkäfer das warme und trockene Wetter.

Bei den Weintrauben, die tiefe Wurzeln haben und Trockenheit gut überstehen, gibt es dieses Jahr einen Vorsprung bei der Reife der Trauben von bis zu einem Monat. Einzelne Bäume hingegen leiden mehr und lassen teilweise ihr Laub frühzeitig fallen. Damit reduzieren sie die Verdunstung und reduzieren so ihren Wasserbedarf.

Die Zahl der Gesuche von Landwirten beim Kanton, um aus Seen und Flüssen Wasser für die Bewässerung zu entnehmen, steigt. In der Region Winterthur hat der Kanton den Gemeinden die Kompetenz übertragen, Wasserentnahmen aus Rhein und Thur zu bewilligen. Für alle anderen Gewässer bleibt der Kanton zuständig. (Landbote)

Erstellt: 24.07.2018, 17:23 Uhr

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Aus dem Ägelsee, der von der Autobahn Frauenfeld–Winterthur aus zu sehen ist, dürfen nur Anstösser Wasser beziehen. (Bild: Nathalie Guinand)

Gachnang

Wasser verzweifelt gesucht

Im Thurgau ist es derzeit extrem trocken. Bauern und Gemüseproduzenten zapfen zum Bewässern ihrer Kulturen Trinkwasser an. Zum Glück gibt es noch den Ägelsee.

Apfelbäume lassen vor lauter Durst die Blätter hängen. Der Kanton Thurgau, wo es weiterhin verboten ist, Wasser aus Bächen, Flüssen und Weihern zu entnehmen, leidet unter einer dramatischen Trockenheit.

Leidtragende sind Landwirte und Gemüseproduzenten, die derzeit auf Trinkwasser zurückgreifen müssen, damit ihre Kulturen nicht verdorren. Ausser jene Gachnanger Bauern, die an den Ägelsee anstossen. Sie dürfen auch jetzt aus dem Klärsee der nahegelegenen Zuckerfabrik Wasser pumpen.
Die Schweizer Zucker AG verarbeitet von Mitte September bis Ende Dezember jeweils 10 000 Tonnen Rüben pro Tag. Diese bestehen zu drei Vierteln aus Wasser. Den beim Einkochprozess entstehenden saubersten Anteil des Wassers darf die Zucker AG in den Ägelsee leiten, wodurch der Pegel ansteigt. Im Frühling und Sommer muss er dann wieder auf das Sollniveau abgesenkt werden. «Da dieses noch nicht erreicht ist, kann im Moment dem See Wasser durch die umliegenden Landwirte entnommen werden», sagt Guido Stäger, CEO der Schweizer Zucker AG.

Diese Möglichkeit kommt den Bauern ringsum jetzt gelegener denn je. Zu ihnen gehört auch Fritz Stettler, Gemeinderat von Gachnang. «Das ist für uns im Moment eine grosse Erleichterung.» Irgendwann sei dann aber auch diese Möglichkeit im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschöpft. Dann müssen auch die Landwirte und Gemüseproduzenten rund um den Ägelsee auf anderen Wegen zu Wasser kommen. Das heisst in der Regel: Trinkwasser vom Grundwasserstrom der Thur oder ab Hydrant.

In Gachnang, wie andernorts auch, können Grosswasserbezüger in Absprache mit der Gemeinde zu vereinbarten Zeiten gewisse Mengen Trinkwasser ab Hydrant beziehen. «Es dürfen natürlich nicht alle gleichzeitg abzapfen, sonst wäre unser Reservoir schnell leer», sagt Gemeinderat Stettler. Diese Art des Wasserbezugs kostet zum Beispiel in Gachnang 1.60 Franken pro m3. «Die Bewässerung mit Trinkwasser ist drei- bis sechsmal teurer», sagt Simon Forster, Geschäftsführer der Gemüseproduzentin Gamper & Co. Gemüsekulturen aus Stettfurt TG, die ihre Kulturen normalerweise mit Oberflächenwasser aus dem Bach bewässert. «Jetzt müssen wir Trinkwasser von drei Gemeinden beziehen.» Unter anderem pumpt die Firma Gamper Wasser aus einem Grundwasserschacht bei Gachnang. Dagmar Appelt

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