Winterthur

«Die Saisonniers kamen und gingen mit den Schwalben»

Elvis Toma ist als Sohn italienischer Arbeiter in Winterthur aufgewachsen. Wie er seine Kindheit als Secondo in den 60er-Jahren erlebt hat, beschreibt er in dem Musical «Zeit der Schwalben». Am Samstag feiert es Premiere.

Eine Herzenssache: Elvis Toma hat ein Musical über die italienischen Einwanderer geschrieben.

Eine Herzenssache: Elvis Toma hat ein Musical über die italienischen Einwanderer geschrieben. Bild: Melanie Duchene

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Als Elvis Toma in den Kindergarten kam, konnte er noch kein Wort Deutsch. Toma ist in den 60er- und 70er-Jahren als Sohn italienischer Einwanderer in der Winterthurer Neustadtgasse aufgewachsen, gleich neben dem kleinsten Haus der Stadt. Der Vorplatz und die Gasse waren seine Welt. Es war eine Welt, in der es praktisch nur Italiener gab und die mit jener der Schweizer kaum Berührungspunkte kannte.

Diese Erinnerungen an die Welt der Saisonniers in Winterthur hat Toma nun zu einem Musical verarbeitet. Am Samstag feiert sein Stück «Zeit der Schwalben» im Gemeindezentrum Aadorf Premiere.

Ausländerfrage beschäftigt

«Die Idee, aus meinen Erinnerungen ein Stück zu schreiben, kam mir vor etwa zehn Jahren», sagt Toma. Damals hätten sich seine Eltern entschieden, wieder nach Süditalien zurückzukehren. «Natürlich habe ich ihre Entscheidung verstanden.» Trotzdem fand er es auch schwierig, zu akzeptieren, dass damit ein Stück seiner Vergangenheit quasi aufgehoben wird. Er habe in dieser Zeit viel über die Si­tua­tion der italienischen Einwanderer und von deren Kindern nachgedacht. Freunde haben ihn ermuntert, diese in einem Musical zu thematisieren.

Das Musical erzählt die Geschichte von Giuliano und ist zu grossen Teilen autobiografisch. Es erzählt aus einer Zeit, als die Schweiz in der Ausländerfrage gespalten ist und die Schwarzen- bach-In­itia­ti­ve gegen die Überfremdung die Stimmung zusätzlich anheizt.

Auch wenn aus heutiger Sicht die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Italien klein scheinen mögen, gibt Toma zu bedenken: «Die Schweiz war damals noch eine ganz andere.» Die Schweizer seien grundsätzlich eher zurückhaltender und konservativer gewesen als heute. Da seien die lauten Italiener angeeckt. «Integrationsbemühungen gab es damals eigentlich nicht», sagt Toma. «Grundsätzlich ging man davon aus, dass diese ganzen Italiener alle irgendwann wieder nach Hause zurückkehren werden.» Und er weist auf den Titel seines Musicals hin: «Die Saisonniers kamen im Frühling mit den Schwalben und gingen im Herbst mit den Schwalben wieder in den Süden.»

Plattform für lokale Künstler

Heute fühlt sich Toma in der Schweiz gut verankert. Er wohnt mit seiner Familie in Rickenbach, arbeitet bei einer Versicherung und macht nebenberuflich Musik.

Das Musical ist sein erstes grösseres Projekt: «Es ist eine Herzenssache. Ich habe nicht die Ambition, künftig von der Musik leben zu können.» Wichtig ist Toma aber, mit diesem Projekt Künstlern eine Plattform bieten zu können. «Alle Schauspieler, Musiker und Techniker kommen aus Winterthur und der Umgebung.»

Dass das Stück im Hinblick auf die Flüchtlingssi­tua­tion eine zusätzliche Relevanz bekommt, ist Toma bewusst. «Ich habe das Stück zwar nicht vor diesem Hintergrund geschrieben.» Die Frage, wie unterschiedliche Kulturen zusammenleben können, sei heute aber ähnlich wie damals. Und er meint: «Wenn beide Seiten sich engagieren, kommt es gut. Damals wie heute.» (Landbote)

Erstellt: 12.02.2016, 12:37 Uhr

Veranstaltungshinweis

Premiere ist am Samstag, 13. Februar um 19.30 Uhr im Kultur- und Gemeindezentrum Aadorf.

Weitere Aufführungsorte sind Winterthur (21./22. 2.) und Illnau-Effretikon (5./6. 3.).

Informationen und Tickets: www.zeit-der-schwalben.ch

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