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»Die Welt ist aus den Fugen geraten»

Eine traurige historische Begebenheit aus der Region weiss Kurt Spiess zu erzählen. Professionell, denn er hat es studiert. Fünfzig Minuten lang packt er die Zuhörer mit der aufrüttelnden Geschichte der «Hexe von Ossingen».

Eine zeitgenössische Abbildung: Anna Lang wird im Wald bei Hermetschwil vom Teufel angesprochen (aus der Sammlung Wick).
Eine zeitgenössische Abbildung: Anna Lang wird im Wald bei Hermetschwil vom Teufel angesprochen (aus der Sammlung Wick).
Zentralbibliothek Zürich, Wickiana

Am Ende wusste die alte Frau wohl kaum mehr, wie sie sich hätte retten können. Leugnete sie, dass sie mit dem Teufel im Bunde war, dann hätten die Folterknechte des Landvogts das Geständnis aus ihr heraus gequetscht. Also gab die Tachsenhauserin die Anstiftung durch den Teufel zu; er sei sogar als Hans Teufel in der Nacht zu ihr ins Bett gekommen (aber es sei unnatürlich und kalt gewesen). «Die Herren möchten gnädig und barmherzig sein», flehte sie, aber es half ihr nichts.

Kurt Spiess (Bild rechts) erzählt die Geschichte der Hexe von Ossingen im dunklen Gehrock, mit weissem Hemd, gestenreich, aber nicht als Schauspieler. «Schauspieler sprechen in der direkten Rede», erklärt er, doch er hat die Position eines Dritten eingenommen — er berichtet, wie es sich zugetragen haben soll. So steht er zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Seine detail- und kenntnisreiche Schilderung spielt 1574, aber er bezieht auch die rund sechzig Zuhörer ein, die in die Stadtbibliothek Winterthur gekommen sind. Im Saal herrscht mal mal andächtige, mal angespannte Stille: «Was hättet Ihr gemacht in der Zeit, wenn Ihr Landvogt gewesen wärt?» Wenn draussen in der Nässe die Saat verfault wäre, wenn der eisige Winter kein Ende genommen hätte und alle im Dorf unter Hunger und Armut gelitten hätten.

«Im Dorf ist es klar gewesen, dass die Trachsenhauserin eine Hexe ist»

So geriet die Witwe in Verruf und jedermann konnte sie ungestraft verschiedenster Vergehen beschuldigen. Es passierte doch gerade so viel. Hatte nicht jedes Dorf unter einer Hexe zu leiden? In Dägerlen hatte eine der Milch eine blaue Farbe gegeben, in Kleinandelfingen war eine, die Frost machen konnte. Das war schwarze Magie. In Andelfingen war sogar eine mit dem Teufel geritten und hatte Feste mit ihm gefeiert. «Im Dorf ist es klar gewesen, dass die Trachsenhauserin eine Hexe ist», konstatiert Kurt Spiess. All das war natürlich auch dem Landvogt zu Ohren gekommen, zu dem die Frau kam, um einen Nachbarn anzuzeigen, der sie geschlagen hatte.

Anschuldigungen eskalierten

Der Erzähler macht anschaulich, wie die Vorwürfe so eskalieren konnten, dass die Frau letztendlich in Zürich auf dem Scheiterhaufen endete. Er spricht von Naturerscheinungen, die den Menschen Angst gemacht hätten, von Todesfällen im persönlichen Umfeld — sogar von Kindern — und Ärzten, die attestierten, dass Erkrankungen nicht mit rechten Dingen zugingen. Da nutzte es der Beschuldigten auch nicht mehr, dass sie Gott angerufen hatte, der ihr doch geholfen hätte. Zu schwer war die Last der Anschuldigungen, und die Kuh, die umfiel und nicht mehr aufstehen konnte und dann starb — die hatte sie ja wirklich geschlagen.

«Wenn es einen nicht selbst treibt, funktioniert die Erzählung nicht»

Kurt Spiess nennt die eigene Faszination für eine Geschichte seine Erfolgsformel. «Wenn es einen nicht selbst treibt, funktioniert die Erzählung nicht», weiss er nach seiner universitären Ausbildung zum Geschichtenerzähler. Insgesamt anderthalb Jahre hat er sich mit dem Schicksal der Tachsenhauserin beschäftigt. Die Materiallage sei gut gewesen, weil der Staatsarchivar Otto Sigg die alten Gerichtsakten transkribiert und publiziert hat.

Schon beschäftigt sich Spiess mit dem nächsten Fall, einem basellandschaftlichen Vaterschaftsprozess um 1820. Aber er hat keinen Produktionsdruck. «Drei Äpfel, die vom Himmel fallen» sind sein Abschlussritual, bei diesem Vortrag und allen, die noch kommen mögen: einen für den Erzähler, einen für den Zuhörer und einen für die Person, die durch die Erzählung wieder aufgelebt ist.

Ein Stück Ossinger GeschichteFreitag, 10. Februar, 20 Uhr (Einlass: 19.30 Uhr). Herminenkeller, Steinerstrasse 23, Ossingen. Eintritt frei.

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