Dinhard/Singapur

«Die Zukunft liegt in Asien, auch für Dinhard»

Remo Burkhard ist in Dinhard aufgewachsen und leitet heute in Singapur ein ETH-Labor, das die Städte der Zukunft erforscht. Ein Gespräch über die Digitalisierung und die Chancen in Asien für Schweizer KMUs.

Remo Burkhard ist in Dinhard aufgewachsen, lebt und arbeitet heute in der Millionenstadt Singapur.

Remo Burkhard ist in Dinhard aufgewachsen, lebt und arbeitet heute in der Millionenstadt Singapur. Bild: Johanna Bossart

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Sie leben seit acht Jahren in Singapur und leiten dort ein ETH-Labor, das die Städte der Zukunft erforscht, aufgewachsen sind Sie in Dinhard: Wie kann man die beiden Orte vergleichen?
Remo Burkhard: Das Wohnhaus «The Sail», in dem ich zuerst in Singapur gelebt habe, bietet rund 1400 Menschen Platz. Das entspricht der Anzahl Einwohner der Gemeinde Dinhard. Fast alle der rund 6800 Einwohner Seuzachs hätten in einer anderen Überbauung, dem «Interlace», Platz. Eine interessante Dichte. Singapur hat 5,6 Millionen Einwohner, auf einer Fläche so gross wie der Genfersee.

Fühlt man sich da nicht beengt?
Nein, durch die grossen Grünflächen überhaupt nicht. Dicht und grün setzt Singapur vorbildlich um.

Aber es ist bestimmt anonymer.
Ja, in Dinhard kannte ich jeden, in Singapur kenne ich nach acht Jahren viele. Meine eigenen Nachbarn leider nicht. Man will sich wohl in einem Wohnhochhaus nicht zu nahe kommen.

Auch hierzulande wird verdichtetes Bauen immer wichtiger.
Dichte ist relativ. Im Vergleich zu Dinhard ist es in Winterthur dichter. Die Häuser hier in der Stadt könnten aber auch locker noch einige Geschosse höher sein, wenn man sie mit Singapur oder gar China vergleicht. Und darum geht es bei unserer Forschung: Andere Wohnmodelle zu analysieren und das Positive davon in die Schweiz zu bringen.

Ein grosser Zukunftstreiber ist die Digitalisierung. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Forschung?
Eine grosse. Hierzulande wird über die Digitalisierung oft negativ gesprochen, ausgelöst durch Beispiele wie wenn der Post- oder Bahnschalter schliesst. Anders in Asien: Viele sehen eine grosse Chance darin. Durch Apps kann man viel Positives gewinnen, etwa die Wartezeit im Stau oder in der Schlange effektiver nutzen. Ein gutes Beispiel ist die Diskussion um den Mietveloservice O-Bike, der in den Schweizer Städten negativ aufgenommen wurde. In Singapur waren die Leute offener. Es ist doch eine geniale Idee, ein Mietvelo überall abstellen zu können. Die Diskussion, die ich in einem Seuzacher Cafe überhörte, kreiste sich jedoch aussschliesslich um Datenschutz-Bedenken und das zugegebenermassen schlechte Design. Warum es nicht zuerst selber probieren?

Wenn Poststellen geschlossen werden, gehen Jobs verloren.
Ja, Jobs werden verloren gehen.Und gleichzeitig werden neue, spannende Jobs entstehen. In Asien lese ich mehr über die Chance der Digitalisierung und mögliche Umschulungen. Das zeigt sich auch im Kleinen, zum Beispiel in meiner Agenda, die sehr dynamisch ist, weil Verabredungen oft kurzfristig verschoben werden. Erst war das ein Ärgernis, jetzt sehe ich das Gute, und zwar, dass ich selber auch schneller einen Termin erhalten kann.

«Man sollte sich öffnen und das Gegenüber wertfrei betrachten.»Remo Burkhard Managing Director Singapore-ETH Centre

Wir verschliessen uns also vor der Digitalisierung?
Die Kreativität im Umgang mit der Digitalisierung in Asien beeindruckt mich. Über die App «Go-Jek» aus Indonesien können Sie etwa alles Mögliche bestellen. Tausende von Kurieren erledigen den Einkauf für Sie, holen Medikamente ab, liefern Dokumente direkt zu Ihnen nach Hause. Praktisch rund um die Uhr. So erleben alle Generationen einen praktischen Vorteil.

Laut der Forschung an Ihrem Zentrum könnte Bambus Stahl als Baustoff ersetzen. Was könnte sich zukünftig sonst noch verändern?
Wir haben auch einen Roboter entwickelt, der Fliesen legt. Denn in Singapur gibt es heute zu wenige Plattenleger für Neubauten. Erst im urbanen Kontext von Singapur, wo alles sehr schnell geht, entstand die Idee für diese Innovation. Zudem erhielten wir eine Förderung aus Singapur, um einen Roboter für einen riesigen Markt in Asien zu entwickeln. Und das schaffte auch neue Jobs für Schweizerinnen und Schweizer, die das Wissen in die Schweiz brachten.

Was bedeutet das für unser Bildungssystem?
Die Schweiz, und das habe ich erst im Ausland gelernt, hat ein geniales duales Bildungssystem. Viele wollen es exportieren und das gibt wiederum Chancen für Lehrbetriebe. Vielleicht könnte der Schreinerlehrling zukünftig ein halbes Jahr lang in Asien ein Praktikum absolvieren und mit Videos auf Youtube Wissen vermitteln. Villeicht wird die gleiche Person später nach dem Lehrabschluss die bester Schreinerschule in Thailand oder Malaysia aufbauen und das Wissen an Tausende weitergeben. Illusorisch? Warum, wenn wir heute mit solchen Videos und Apps bereits Gitarre spielen lernen können?

Ist das für ein KMU realistisch?
Eindeutig. Solche Videos kann man ja mit dem Smartphone machen. Und in Asien werden ja Luxusvillen gebaut, wo nur das Beste gut genug ist. Warum nicht ein Swimmingpool der besten Schwimmbadbauer aus der Region Winterthur? Warum nicht aktiver ein solches Stück Swissness einbauen? Für ein Forschungsprojekt suchte ich beispielsweise lange nach einem guten Spengler in Singapur. Schliesslich holten wir zwei Luzerner Lehrlinge zu uns. Es war ein grosser Erfolg und die Lehrlinge haben gesehen, dass ihr qualitativ hochstehendes Handwerk sehr willkommen ist und ihre Horizonte wurden geöffnet.

Aber jemand mit zwei Mitarbeiter kann sich das nicht leisten.
Doch, durchaus. Nehmen wir einen Lehrling, der im Monat tausend Franken verdient. Wenn der ein halbes Jahr nach Asien geht, kostet das 6000 Franken Lohn. Das liegt drin. Und vielleicht bringt er ja ein paar Aufträge zurück.

Eure Institution ist auch ein Vermittler für Schweizer KMUs in Asien. Wie gehen Sie da vor?
Wir haben über die Jahre gute Kontakte zu den Behörden aufgebaut, die uns oft fragen, ob wir Firmen in diesem oder jenem Bereich kennen. Schliesslich brachten wir solche Firmen in einer Gruppe zusammen und veranstalteten eine durch die Teilnehmer finanziert Studienreise mit zehn Schweizer Firmen. Einige dieser Firmen haben heute Aufträge, die an dieser Studienreise entstanden sind oder haben eine Tochtergesellschaft eröffnet.

Remo Burkhard: «Vielleicht fehlt es uns am Hunger, ins fernere Ausland zu expandieren.» Bild: Johanna Bossart

Man nimmt also Asien als Markt einfach nicht wahr?
Grossfirmen nehmen die Chancen seit Jahren erfolgreich wahr. Für die angesprochenen KMUs liegt noch mehr drin. Über Wachstum und Expansion ins Ausland wird weniger aggressiv nachgedacht. Als Kontrast will man in Asien als Firma sehr schnell sehr gross werden. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Zweitens wird Deutschland oft als erster Exportmarkt nach der Schweiz bearbeitet, wegen der Sprache. Doch sollte man auch bedenken, dass viele der grossen Städte in Asien bereits einen grösseren Markt als die Schweiz darstellen und auch diese Städte als Märkte der Zukunft verstehen muss.

Ist die Schweizer Gesellschaft denn dazu bereit?
Natürlich. Die Erfolge der Exportwirtschaft zeigen dies ja sehr schön. Doch vielleicht fehlt es uns am Hunger, ins fernere Ausland zu expandieren. Warum sich das antun, wenn wir es hier so gut haben?

Fehlt es auch an Mut?
Ja, es fehlt der Mut die Veränderung mit offenen Armen zu empfangen. Erinnern Sie sich daran, dass über die Hälfte der Menschheit in Asien lebt. Wir sind stolz auf unsere Mehrsprachigkeit: Doch wieso beginnt man im Kindergarten nicht einmal mit dem ersten Lied in Chinesisch? Wieso kenne ich niemanden, der als Jahresvorsatz hat, 300 Wörter Indonesisch zu lernen?

Es fehlt wohl vor allem die kulturelle Verbindung.
Gehen Sie an die Bahnhofstrasse. Jeder Zehnte dort würde sich sehr freuen, wenn Sie ihre 300 Wörter Chinesisch üben. Lernen Sie in diesen Gesprächen, wie sich China vom Imitator zum Innovator entwickelt und knüpfen Sie Freundschaften.

Eine andere Sichtweise also?
Ja, durch Klischees verpasst man einen wertfreien Vergleich. Man soll sich öffnen und das Gegenüber wertfrei betrachten.

Darf man Menschenrechte vernachlässigen?
Das sage ich nicht. Manchmal kommt es mir aber vor, dass notwendige Kritiken oft zum Ende eines Gesprächs führen und man andere Themen nicht mehr diskutieren will.

Was könnte sich in Zukunft sonst noch verändern?
Die Kunden wandern in Singapur von den Einkaufszentren in die Onlineshops. Ali Baba, der grösste chinesische Onlineshop hat vor kurzem beschlossen, die Produkte dreidimensional anzubieten. Demnach könnte man bald die Produkte mit einer Virtual-Reality-Brille vor dem Kauf erleben. Wie lange geht es, bis das ein Schweizer KMU umsetzt? Es wäre doch eine riesige Chance für Schweizer Produkte, beim Start solcher 3D-Shops dabeizusein.

Einigen könnte der Aufwand zu gross sein.
Wenn wir Schweizer Präzision im Kopf haben vielleicht ja. Manchmal geht es auch ganz einfach. Mit der App «WeChat» zum Beispiel, dem chinesischen «Whatsapp», kann ich kleine Beträge hin- und herversenden. Ein Imker aus Dinhard könnte so seinen ganzen Honig nach Asien verkaufen. Als Exklusivprodukt für die Chinesen. Das kann man ja von Dinhard aus machen. Man muss dafür nicht ein Büro in China eröffnen. Man hat mit der Digitalisierung so viele Chancen. Seine Partnerin kann gleichzeitig via Skype Deutschunterricht geben, so wie die Chinesen online Mandarin unterrichten. Die Zukunft liegt in Asien, auch für Dinhard. Vielleicht sollten mehr Leute ein paar Monate in Asien leben, um die Chancen zu erkennen. Eine Modedesignerin im Tösstal könnte ja auch exklusive Designs für Kopftücher für die muslimische Bevölkerung in Asien stricken.

Wie unterscheidet sich die Geschäftskultur von der hiesigen?
Es geht viel mehr übers Netzwerk. Man kann nicht einfach kommen und direkt geschäften. Man lernt sich zuerst kennen, bevor man übers Geschäftliche spricht. Als ich in Dinhard aufwuchs durfte ich diese schöne Tradition ja auch lernen. Man bevorzugt den Handwerker vom Dorf, den man kennt, der einem einst einen Sommerjob gegeben hat. Somit funktioniert es in Dinhard und Jakarta gar nicht so anders.

Erstellt: 08.01.2018, 13:28 Uhr

Zur Person

Dr. Remo Burkhard, 41 Jahre alt, hat nach Absolvierung der Kantonsschule Rychenberg in Zürich Architektur studiert. (gab)

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