Sessionsinterview

«Diese Legislatur hat keines ihrer wichtigen Ziele erreicht»

BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti aus Illnau-Effretikon kritisiert die linken und rechten Lager im Parlament und spricht über ihre High- und Lowlights der Sommersession.

Rosemarie Quadranti.

Rosemarie Quadranti. Bild: pd

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Frau Quadranti, wo erreiche ich Sie gerade?
In der Wandelhalle im Bundeshaus. Im Saal berät der Nationalrat im Moment das umstrittene Jagdgesetz, das sich um Schutz des Wolfs dreht. Gewisse Politiker hätten grosse Freude daran, wenn sie ihn jederzeit abschiessen dürften…

Dann befürworten Sie einen strengen Wolfsschutz?
Wenn ein einzelner Wolf Probleme bereitet, muss es möglich sein, ihn abzuschiessen. Eine «normale» Jagd auf den Wolf zu erlauben, geht mir aber eindeutig zu weit. Wolfsrudel bereiten in der Regel keine Probleme.

Die Sommersession geht am Freitag zu Ende. Welches Geschäft hat Sie am meisten beschäftigt?
Was mich wahnsinnig aufgeregt hat: Ein Ordnungsantrag von SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Er wollte den Sitzungsunterbruch am Frauenstreik verhindern, was sein gutes Recht ist. Doch die Worte, die er dafür verwendete, gingen zu weit.

«Herr Glarner legte ein Verhalten an den Tag, das dem Nationalratssaal nicht würdig ist. »

Er sagte zum Beispiel, der Streik sei eine Wahlveranstaltung «einiger frustrierter, zu kurz gekommener Frauen».
Herr Glarner legte ein Verhalten an den Tag, das dem Nationalratssaal nicht würdig ist. Seine Worte waren sexistisch und inakzeptabel.

Und: Haben Sie den Sitzungsunterbruch genutzt, um sich mit den Demonstrantinnen zu solidarisieren?
Ja, selbstverständlich gingen wir auf den Bundesplatz, der voll von Frauen, aber auch Männern war. Die Stimmung war gut und wir konnten einige gute Gespräche führen. Ich unterstütze die Anliegen der Streikenden, denn in Sachen Gleichstellung haben wir Probleme, die es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben dürfte.

Was kann die Politik tun?
Bezüglich der Lohngleichheit sollten wir es mindestens so weit bringen, dass die Bundesbetriebe nicht mehr hinterherhinken. Der Bund sollte eine Vorbildrolle einnehmen, mit mehr Frauen in den Chefetagen und mit flexiblen Arbeitszeitmodellen.

«Ich bin der Meinung, dass es eine Elternzeit braucht, damit Paare für sich entscheiden können, was für sie am geeignetsten ist.»

Ihre Kollegen im Ständerat beschäftigten sich diese Woche mit der Initiative für 4 Wochen Vaterschaftsurlaub. Sie selbst reichten 2015 eine Parlamentarische Initiative für eine 14-wöchige Elternzeit ein, zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub, was allerdings vom Rat abgewiesen wurde.
Es scheint so, dass ein Vaterschaftsurlaub aus Kostengründen eher Mehrheiten findet als eine längere Elternzeit. Ich bin deshalb auch im Initiativkomitee. Gleichzeitig habe ich die Befürchtung, dass wir nach einer Annahme der Initiative nicht weiter machen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es eine Elternzeit braucht, damit Paare für sich entscheiden können, was für sie am geeignetsten ist.

Zwei weitere aktuelle Initiativen wollen Pestizide in der Landwirtschaft verbieten oder zumindest drastisch einschränken. Wie sieht das die BDP, die ja betont, ihren Ursprung nicht in der SVP, sondern in der Bauernpartei BGB zu haben?
In der BDP gibt es verschiedene Sichtweisen dazu, und die darf es durchaus geben. Ich unterstütze die Grundaussage, dass wir unserem Trinkwasser Sorge tragen müssen und unser Umgang mit Pestiziden zu verbessern ist. Allerdings sind beide Initiativen zu radikal. Ihre Umsetzung würde der Landwirtschaft schaden. Darin sind wir uns einig.

Am 30. Oktober sind eidgenössische Wahlen. Treten Sie im Herbst wieder an?
Ja. Ich werde auf dem Listenplatz 1 wieder antreten.

«Wir werden auch diesmal keinen marktschreierischen Wahlkampf betreiben - das ist nicht unsere Politik.»


Der Zürcher BDP geht es schlecht, im Kantonsrat ist sie nicht mehr vertreten. Haben Sie, vier Monate vor den Wahlen, Grund zur Sorge?
Keine Wahl ist ein Spaziergang. Es stimmt, dass wir im Kanton Zürich eine kleine Partei sind. Bei den Kantonsratswahlen sind wir an der 5-Prozent-Hürde gescheitert, aber viel fehlte nicht. Die einzelnen Kandidaten wären stimmenmässig durchaus gewählt worden. Zuversichtlich stimmt mich, dass die BDP bisher bei nationalen Wahlen immer einen höheren Prozentsatz an Stimmen holte als bei kantonalen Wahlen.

Die Wahlkampagne läuft unter dem Motto «BDP. Langweilig, aber gut». Ist das die richtige Strategie, wenn auf der ganzen Welt die Populisten im Hoch sind?
Ja. Wenn man sich den lauten Ständeratswahlkampf ansieht, der vor allem von einer gewissen Person ausgeht (SVP-Nationalrat Roger Köppel, Anm.), dann glaube ich, dass viele Menschen langsam genug haben und nun eine ruhige, dafür erfolgreiche Sachpolitik wollen. Wir werden auch diesmal keinen marktschreierischen Wahlkampf betreiben - das ist nicht unsere Politik.

Nehmen Sie den Alltag im Parlament als marktschreierisch wahr?
Ja, sehr sogar. Wir leben in einer populistischen Zeit, mit einem derzeit deutlich auffälligeren Rechtspopulismus, aber auch mit einem Linkspopulismus, der ebenso zu verurteilen ist. Wir schauen auf eine Legislatur zurück, die keines ihrer wichtigen Ziele erreicht hat. Dazu zähle ich die Altersvorsorge, das CO2-Gesetz, der fehlende Fortschritt im Verhältnis mit Europa und Gleichstellungsfragen, die nur sehr zögerlich und minimalst angegangen werden, etwa im Aktienrecht und den Richtlinien für Frauen in Verwaltungsräten oder Geschäftsleitungen. Dass wir nicht vorwärts gekommen sind, hat ganz fest mit den extremen Positionen im Parlament zu tun, die einer konstruktiven Zusammenarbeit im Weg stand.

Erstellt: 20.06.2019, 13:28 Uhr

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