Neftenbach

Differenzen über Kompetenzen führten zum Bruch

Nach nur drei Jahren verlässt Gemeindeschreiber Hannes Friess Neftenbach wieder. Zankapfel ist die Frage, wie die Gemeinde geführt werden soll.

Ihre Wege trennen sich nach drei erlebnisreichen Jahren: Gemeindepräsident Martin Huber (links) und Gemeindeschreiber Hannes Friess.

Ihre Wege trennen sich nach drei erlebnisreichen Jahren: Gemeindepräsident Martin Huber (links) und Gemeindeschreiber Hannes Friess. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Eigentlich wollte ich bis zu meiner Pensionierung, sicher aber für die nächsten Jahre in Neftenbach bleiben», sagt Gemeindeschreiber Hannes Friess am Abschiedsgespräch mit dem «Landboten», an dem auch Gemeindepräsident Martin Huber (FDP) teilnimmt.

Am 18. Mai wird der 57-Jährige seinen letzten Arbeitstag in Neftenbach haben und danach seine neue Stelle in Geroldswil antreten. Friess räumt ein, dass er nicht freiwillig gehe. Huber hüllt sich dazu in Schweigen und sagt: «Wir haben Stillschweigen vereinbart, das kann ich ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat nicht brechen.»

Der Entscheid, sich zu trennen, erfolge «im Interesse einer konstruktiven Weiterentwicklung der Gemeindeverwaltung und unter gegenseitiger Respektierung der auseinandergehenden Vorstellungen über die ideale Gemeindeführungsorganisation», hatte es im offiziellen Comuniqué geheissen. Und was sind die tieferen Gründe?

Steile oder flache Hierarchie?

Beim Nachhaken wird deutlich: Es geht um den Einfluss und die Kompetenzen, die der Gemeindeschreiber haben soll.

«In Neftenbach braucht es direkte Wege. Hier muss man den Leuten auf der Strasse Rede und Antwort stehen können.»Gemeindepräsident Martin Huber

Heute hat die Gemeinde eine unternehmensähnliche Führungsstruktur: Der Gemeinderat führt wie ein Verwaltungsrat strategisch, während die Verwaltung, respektive ein Dreiergremium unter dem Vorsitz des Gemeindeschreibers, die operative Verantwortung wahrnimmt. Friess begrüsst dieses Modell. «Ich bin für eine steile Führungspyramide.»

Dem Neftenbacher Gemeinderat gefällt diese Führungsstruktur, die vor zehn Jahren etabliert wurde, aber nicht. «Wenn ich von einem Ressortleiter auf der Verwaltung etwas wissen will, muss ich immer zuerst wie durch einen Flaschenhals zum Gemeindeschreiber», klagt Huber. Für Städte sei dieses Modell geeignet. Eine Landgemeinde wie Neftenbach mit rund 5600 Einwohnern brauche aber direktere Wege. «Hier muss man den Leuten auf der Strasse Rede und Antwort stehen können.»

Altes Modell gelebt

Der Graben, der sich zwischen Friess und dem Gemeinderat in dieser Hinsicht auftat, ist unüberbrückbar. «Schon als ich die Stelle hier antrat, existierte das heutige Modell nur auf dem Papier», kritisiert Friess. Huber räumt ein: «In den Köpfen des Gemeinderates ist das alte Modell nach wie vor verankert.» Deshalb wolle man nun auch offiziell wieder zu diesem zurückkehren. «Dann hat jeder Gemeinderat wieder seine eigene Ansprechperson auf der Verwaltung.»

Ähnliche Differenzen zuvor

Für Hannes Friess, der 2015 aus Küsnacht nach Neftenbach kam, ist dies nicht der erste Stellenwechsel aufgrund unterschiedlicher Ansichten über die Arbeitsweise der Verwaltung. Aus Küsnacht war er fortgegangen, weil er sich nicht vorschreiben lassen wollte, wie er den Bleistift halten müsse, sagte Friess damals dem «Landboten».

«Neftenbach ist eine interessante, vielfältige Gemeinde, die durch ihre Aussenwachten sehr weitläufig ist.»Hannes Friess
abtretender Gemeindeschreiber

Zwischen den Situationen damals und heute bestehe keine Ähnlichkeit, sagt Friess. «Der Küsnachter Gemeindepräsident hat mich damals nicht ausgesucht, Martin Huber aber schon.»

Als Friess in Neftenbach anfing, war Huber gerade ein Jahr im Amt als Gemeindepräsident. Der Landwirt und studierte Betriebsökonom war damals im zweiten Wahlgang ins Präsidium gewählt worden, ohne zu kandidieren, und hatte noch nicht viel Ahnung von diesem Amt.

Dem Gemeindeschreiber kam eine Art persönliche Beraterrolle des Präsidenten zu. Das habe er gern gemacht, wenn auch seine Hinweise öfters kritisch gewesen und deshalb wohl auch bisweilen als unbequem empfunden worden seien, sagt Friess.

Er habe die Dienste von Hannes Friess sehr geschätzt und gerne angenommen, betont Huber. Offiziell werde er ihm an der nächsten Gemeinderatssitzung sowie an der Gemeindeversammlung danken.

Bereits die fünfte Station

Hannes Friess ist 57 Jahre alt und wohnt in Küsnacht. Seine Lehre hat er auf der Stadtverwaltung Opfikon absolviert. Neftenbach war nach Dägerlen, Elgg, Männedorf und Küsnacht seine fünfte Station als Gemeindeschreiber. Im Rückblick auf seine Zeit seit Mai 2015 in Neftenbach, sagt Friess: «Neftenbach ist eine interessante, vielfältige Gemeinde, die durch ihre Aussenwachten sehr weitläufig ist.»

Viele Themen habe er anstossen und begleiten können. Darunter etwa die Sanierung von Schwimmbad und Stauwehr oder die Errichtung einer Asylunterkunft in der Früchtehalle. Ferner fiel die Erarbeitung der Vision 2030, eine neue Gemeindebroschüre, die Revision der Gemeindeordnung und die Auslagerung des Sozialhilfewesens nach Seuzach in seine Zeit.

Besonders bleibe ihm in Erinnerung, wie kurz nach seinem Stellenantritt in Neftenbach rund 200 Fahrende auf einer Wiese in Aesch gastiert hätten, sagt Friess.

(Der Landbote)

Erstellt: 11.05.2018, 13:40 Uhr

Artikel zum Thema

Es übernimmt der Routinier vom See

Neftenbach Gestern hat Alt-Gemeindeschreiber Kurt Nafzger seine Bücher offiziell an seinen Nachfolger Hannes Friess übergeben. Dieser wechselt von der Goldküste in den «Speckgürtel». Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben