Seuzach

Dorffeste künftig ohne Seuzacher Nothelfer

Unzähligen Einsätze hat der Samariterverein an Turnfesten und Dorfeten geleistet. Jetzt löst sich der Verein per Ende Jahr auf. Ein Grund sind zu wenig Mitglieder. Präsidentin Barbara Süess kritisiert aber auch den nationalen Dachverband.

Keine Panik bei Blut und Schrammen: Die Samariter und Samariterinnen bilden sich bei Vereinsübungen regelmässig in Erster Hilfe fort.

Keine Panik bei Blut und Schrammen: Die Samariter und Samariterinnen bilden sich bei Vereinsübungen regelmässig in Erster Hilfe fort. Bild: Marc Dahinden

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Rund 5000 Turner, dazu weitere Tausende Besucher, zwei Wochenenden voller Wettkämpfe, viel gleissender Sonnenschein und brütende Sommerhitze: an einem Grossanlass wie dem regionalen Turnfest in Dinhard kommt es nicht nur zu sportlichen Höchstleistungen, sondern auch zu Blessuren aller Art, von Schramme über Verstauchung bis hin zum Sonnenstich. Dann stehen die Samariter bereit.

Während knapp 100 Stunden haben die Samariter von Seuzach in Dinhard einen Erste-Hilfe-Stand mit bis zu sechs Personen besetzt — zu einem bescheidenen Entgelt und mit langen Einsätzen. Ihr Engagement war nötig: «Die Leute sind Schlange gestanden», erinnert sich Barbara Süess, Präsidentin des Samaritervereins Seuzach. Der Erfolg dieses Einsatzes trügt allerdings: Diese Woche hat Süess bekannt gegeben, dass sich der Verein nach 92 Jahren per Ende 2018 auflösen wird.

Zu grosser Zeitaufwand

Der Entscheid fiel Süess nicht leicht, man hört ihr das Bedauern darüber im Gespräch an: «Das ist unglaublich schade. Aber der Aufwand für die einzelnen Vereinsmitglieder ist schlussendlich zeitlich zu gross geworden.» Auch sie habe nach einer beruflichen Veränderung keine Ressourcen mehr für das Präsidium, anderen Vorstandsmitgliedern sei es ähnlich gegangen. «Wir können den Vorstand nächstes Jahr nicht mehr besetzen.»

«Wer soll denn dort erste Hilfe leisten, wenn nicht wir?»Barbara Süess, 
Präsidentin  Samariterverein Seuzach

Mit der Auflösung des Vereins werden auch die Vereinsübungen, die Blutspende-Aktion, die vom Verein durchgeführten Nothelferkurse, die erste-Hilfe-Kurse und die Erste-Hilfe-Für-Kleinkinder-Kurse aus Seuzach verschwinden. «Es gibt allerdings noch einen privaten Anbieter für den Nothelferkurs», sagt Süess. «Und das Blutspenden werden einzelne Vereinsmitglieder privat weiterhin organisieren.»

Nicht nur hatte der Verein Mühe den Vorstand zu besetzen, auch die Mitgliederzahlen sanken stetig. «Unsere Mitglieder sind zwar alle sehr engagiert. Bei lediglich 20 Mitgliedern fallen aber auch ein oder zwei Austritte pro Jahr ins Gewicht», sagt Süess. Es sei ihnen nicht gelungen, Junge für den Verein zu begeistern.

Süess übt aber nicht nur Selbstkritik, sondern auch Kritik am Schweizerischen Samariterbund. Dieser habe die Regeln, um Kurse anbieten und Samariterposten an Anlässen organisieren zu dürfen, in den letzten drei Jahren zunehmend verschärft.

Seit Anfangs letztes Jahr wird von den Ausbildnern zudem eine zeit- und kostenintensive Umschulung verlangt. «Dies hat viele Ausbildner zum Aufhören bewegt», weiss Süess. Auch die Seuzacher haben seither nur noch eine Samariterlehrerin: «Wenn eine einzige Person alle monatlichen Übungen organisieren muss, ist das sehr zeitintensiv. Das macht man ehrenamtlich irgendwann nicht mehr.»

Bis zu zehn Einsätze pro Jahr

Süess ist dennoch überzeugt, dass Samaritervereine in der heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle einnehmen. Es sei doch wichtig, dass Privatpersonen erste Hilfe leisten können: «Ich habe schon an einem Unfall erste Hilfe geleistet und einen Herzinfarkt-Patienten reanimiert. In beiden Fällen war ich ganz zufällig privat vor Ort und froh, dass ich wusste, wie ich helfen kann.»

Auch das Gemeindeleben profitiere von der Arbeit der Samariter. «Wir leisten in Seuzach sechs bis zehn Einsätze pro Jahr: An Anlässen des FC Seuzach, an Grümpelturnieren, am Lauf der Sekundarschule Seuzach, an Dorffesten», resumiert sie.

Die Samariter behandeln kleine Blessuren, Schnitte und Schrammen, stellen eine erste Diagnose und rufen, wenn nötig, den Notdienst. Es sind Einsätze, für die nicht extra eine Ambulanz vor Ort sein muss, die dann unverhältnismässig viel kosten würde.

Wenn sich kleine Samaritervereine aber wegen verschärfter Vorschriften und fehlender Zertifizierungen vermehrt auflösen, entstehen gerade auf dem Land Versorgungslücken. Süess fragt rhetorisch: «Wer soll denn dort erste Hilfe leisten, wenn nicht wir?»

(Der Landbote)

Erstellt: 18.07.2018, 18:07 Uhr

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