Tössegg

Eine Ausfahrt in die Welt der Fischer

Hanspeter Lüthi und Mathias Peter von der Pächtervereinigung Tössegg erzählen auf einem Angelausflug, worauf es beim Angeln ankommt, weshalb manche Fischer Käse mitnehmen und wie die Vereinigung sich verändern will.

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Hanspeter Lüthi holt seine Angelrute heraus, fädelt die Schnur ein und klaubt eine künstliche Fliege aus einer Box. Er fettet sie ein, damit sie auf dem Wasser schwimmt, und bindet sie an der Schnur fest. Heute will Lüthi an der Tössegg die hohe Kunst des Fischens – das Fliegenfischen – demonstrieren.

Den Köder hat er auf den Fisch abgestimmt, den er fangen will: den Alet. Hat er nun irgendeine Fliegenattrappe aus der Box genommen, wie der Laie es tun würde? «Nein», antwortet Lüthi und schmunzelt lausbubenhaft. Er habe eine Fliege herausgepickt, mit welcher er in der Vergangenheit Erfolg hatte.

Angeln mit dem Löffel

Das Boot steuert heute Mathias Peter. Er ist Geschäftsführer der Pächtervereinigung Tössegg. Sein Kollege ist Ausbildungsverantwortlicher. 1,6 Kilometer lang ist das Revier mit der Nummer 30, in dem sie fischen dürfen. Eigentlich ist es an diesem Nachmittag viel zu heiss zum Angeln. Kein einziger Fisch schwimmt am Boot vorbei.

«Bei diesen Temperaturen halten sie sich am Grund auf», sagt Lüthi. Gekonnt schwingt er die Angel und wirft die Schnur aus, diese legt sich schlangenförmig auf den Rhein. Doch kein Fisch beisst an. Peter wechselt immer wieder die Position des Bootes, damit Lüthi sein Glück an einer anderen Stelle versuchen kann.

Damit der Käse-Köder sich nicht im Wasser auflöst, muss man fettreduzierte Sorten verwenden.

Lüthi hat sich das Fischen im Kanton Aargau als kleiner Bub von seinem Vater abgeschaut. Nun wohnt der ehemalige Rega-Mitarbeiter in Bassersdorf. Heute hat er viele verschiedene Arten von Ködern dabei. Er wirft einen «Löffel», den er zuvor an der Angel angebracht hat, ins Wasser: Der ausgehöhlte Köder in Löffelform glänzt auf der einen Seite metallisch, auf der anderen Seite ist er farbig. «Dieser Köder ist für den Hecht bestimmt», sagt Lüthi.

Der Fischer legt fest, welche Fischart er fangen will, und wählt den Köder nach deren Vorlieben aus. Der neuste Trend ist laut Lüthi ein Gummiköder: Der begeisterte Angler, der auch in den nordischen Ländern seinem Hobby nachgeht, hat die bewegliche, orangefarbene Fischattrappe aus Finnland mitgebracht.

Aber nicht nur bei Fliegen und Fischattrappen beissen die Fische an. Lüthi zeigt auf die Kirschbäume am Ufer: «Der Alet frisst die Kirschen, die ins Wasser fallen.» Deshalb benutzten man-che Mitglieder der Pächtervereinigung Kirschen als Köder. Noch etwas aussergewöhnlicher ist ein anderer Köder: Manche Fischer verwenden Käse, um Barben zu fangen. «Der Duft lockt sie an», sagt Lüthi. Damit der Käse sich aber nicht im Wasser auflöst, müsse der Angler fettreduzierte Sorten verwenden.

Weg vom Fischtöter-Image

Die Fische machen sich heute zwar rar an der Tössegg, dafür ist ein Schwarm Libellen zu sehen, der über dem Wasser in der Nähe des Ufers umherschwirrt. «Auch deswegen gehen wir fischen», sagt Lüthi, «um die Natur zu geniessen.» Und genau auf diese möchte die Pächtervereinigung Tössegg in Zukunft vermehrt ihren Fokus setzen, wie Peter sagt.

Vor zwei Jahren hat der Eglisauer die Geschäftsführung übernommen und will die Vereinigung zusammen mit seinen sechs Leitungskollegen in die Zukunft führen. Insgesamt 100 Fischer beziehen Jahreskarten bei der Vereinigung.

«Wir wollen über die Natur im und um den Rhein informieren, zum Beispiel über Wildbienen.» 

Laut Peter haben die Fischer oft mit einem negativen Image zu kämpfen: «Wir werden oft als Fischtöter wahrgenommen.» Dabei seien die Pächter viel mehr: Sie seien das Auge des Kantons im Revier, beobachteten das Gewässer und das Verhalten der Fische, bildeten die Jungen aus und begleiteten die Fischer. Er will aber, dass die Vereinigung noch viel mehr wird: «Wir wollen über die Natur im und um den Rhein informieren, zum Beispiel über Wildbienen.»

Peter stellt sich Informationstage für Klassen vor, wo diese die Natur im Revier kennen lernen. Den Schülern würden dort zum Beispiel Fische, Vögel oder Kleinlebewesen näher gebracht. Auch sei es wichtig, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu befassen – ganz nach dem Motto: «Man kann nur schützen, was man selber kennt».

Eine weitere Idee der Pächtervereinigung ist die Umsetzung eines Zanderprojekts: Es würden Matten in den Rhein versenkt, die dem Raubfisch als Nest dienen würden. Das Leitungsteam will die Vereinigung auch im Hinblick auf die kommende Pachtvergabe professionalisieren.

Trockene Hände sind fatal

Lüthi hat die Hoffnung auf einen Fang noch nicht ganz aufgegeben. Nach einigen Versuchen mit der Fliegenrute beisst denn auch ein Fisch an: ein kleiner Alet. «Er ist letztes Jahr im Frühling geschlüpft», sagt Lüthi.

Er lässt den winzigen Fisch vorsichtig wieder ins Wasser zurück, aber nicht, bevor er seine Hände in den Rhein getaucht hat. Lüthi erklärt: «Man darf den Fisch nicht mit trockenen Händen berühren, sonst beschädigt man seine Schleimhäute.» Dies könne gar so fatal sein, dass der Fisch daran sterbe.

Die Ausrüstung, um den Fisch zu töten und auszunehmen, hätte Lüthi wie immer vor sich gehabt. Den Fisch dürfte er auf zwei Arten töten: Entweder würde er ihn mit einem Schlag betäuben und den Kiemenschnitt machen, der den Blutkreislauf unterbricht.

Oder aber, er würde ihn betäuben und sofort ausnehmen. Seinen Schülern bringt er beide Methoden bei. Für ihn selber kommt seit einem negativen Erlebnis nur noch die erste Variante infrage: «Ich betäubte einst einen Fisch und merkte später beim Ausnehmen, dass sein Herz immer noch schlug, seither nehme ich nur noch den Kiemenschnitt vor.»

Informationen zur Pächtervereinigung Tössegg unter pv-toessegg.ch.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.08.2017, 18:37 Uhr

Rheinabschnitte um die Tössegg

Am meisten wurde der Alet gefangen

In der Fischfangstatistik ist festgehalten, auf welchem Abschnitt des Rheins welche und wie viele Fische gefangen wurden. Zwischen der Thurmündung und dem Kraftwerk Eglisau-Glattfelden – die Strecke wird Stau Eglisau genannt – war vergangenes Jahr mit 204 Exemplaren der Alet der meistgefangene Fisch, die Barbe (155) ist an zweiter Stelle. Danach folgen Aal (146), Egli (137) und Karpfen (109).

Auf der Fliessstrecke zwischen Rheinau und der Thurmündung führte letztes Jahr klar der Egli mit 697 Exemplaren. Die Entwicklung zeigt, dass der Bestand der Forelle und der Barbe auf dieser Strecke abgenommen hat. Während im Jahr 2006 noch 119 Forellen und 371 Barben gefangen wurden (2007 lagen die Zahlen noch höher), waren es 2016 insgesamt 70 Forellen und 42 Barben. Die Barbe wurde vor einigen Jahren auch im Stau Eglisau zahlreich gefischt: 2006 waren es 335 Exemplare und 2007 gar 510: Letztes Jahr lag die Zahl bei 155 Exemplaren, in den Jahren davor waren es teilweise noch weniger.

Andreas Hertig, Fischereiadjunkt des Kantons, nennt mögliche Gründe für den Rückgang der Bestände: die Klimaerwärmung, Mikroverunreinigungen oder auch der Einfluss von Pestiziden. «Ebenso stellen in gewissen Jahren und in gewissen Gewässerabschnitten fischfressende Vögel ein Problem dar», sagt Hertig. Bei den Forellen seien ausserdem neue Krankheiten wie die PKD (Proliferative Nierenkrankheit) aufgetreten.

Laut Hertig betrifft dies den Stau Eglisau aber weniger: «Das war ohnehin nie ein typisches Forellengebiet.» Auffällig sei, dass der Wels auf dieser Strecke immer öfter anzutreffen sei. 2016 wurden hier 48 Welse gefangen – dieser Tage wurde unterhalb der Tössegg gar ein 185 Zentimeter grosses und 41 Kilogramm schweres Exemplar an Land gezogen –, noch in den 1990er-Jahren waren es nur einzelne Exemplare dieses Raubfisches.

Laut Hertig kann der Kanton dem Rückgang von Beständen versuchen entgegenzuwirken, indem er die Umweltbedingungen verbessert. Dies kann zum Beispiel durch Modernisierungen bei Kläranlagen geschehen: Werden neue Klärstufen eingebaut, gelangen weniger Mikroverunreinigungen in die Gewässer. Erfreulich ist laut Hertig, dass sich der Äschenbestand in den Fliessstrecken erholt hat: «Im Hitzesommer 2003 waren die Äschen zwischen dem Untersee und Eglisau fast ausgestorben.» 2016 wurden zwischen Rheinau und der Thurmündung 288 Äschen geangelt.

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